Schulsozialarbeit Qualitätsmerkmal statt Makel

Mehr Rangeleien, schlampigere Hefte: Die Zeiten ändern sich. Foto: Archiv Sigerist
Mehr Rangeleien, schlampigere Hefte: Die Zeiten ändern sich. Foto: Archiv Sigerist

Gymnasien gehörten bisher nicht zum Aufgabengebiet eines Sozialarbeiters. Das ändert sich langsam. Auch die Schulen unterm Fernsehturm würden sich über eine solche Hilfe freuen.

Filderzeitung: Judith A. Sägesser (ana)
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Filder - Rangeleien auf dem Schulhof sind häufiger geworden. Hefte sehen schlampiger aus als früher. Im Mäppchen fehlen Zirkel und Lineal. Die Kinder haben heutzutage mehr Mühe, sich im Unterricht zu konzentrieren. Siegfried Frey gehen die Beispiele nicht aus. Er ist der Direktor des Paracelsus-Gymnasiums in Hohenheim. Er sagt außerdem, dass die Zahl der Einträge ins Klassenbuch im Laufe der Jahre gestiegen sei.

Diese Beobachtung trifft nach den Worten des Schulleiters vor allem auf die fünfte und sechste Klasse zu. „Diese beiden Klassenstufen beschäftigen mich und meine Kollegen am meisten. Es wird zunehmend schwieriger. Irgendwann ist der Lehrer überfordert mit all diesen Geschichten.“

Diese Gemengelage ist der Anlass dafür, dass sich Siegfried Frey einen Sozialarbeiter für seine Schule wünscht. Gymnasien dürften in den Köpfen vieler immer noch als heile Welt im Bildungssystem verbucht sein. Wer so denkt, für den passen Sozialarbeiter mutmaßlich zu Gymnasien wie der Montagmorgen zum Wochenende.

Der Wunsch ist unter Rektoren nicht neu

„Wir Rektoren haben dazu schon lange eine andere Meinung“, sagt Wolfgang Funk, der Leiter des Wilhelms-Gymnasiums in Degerloch. Vor ein paar Jahren habe er zusammen mit Kollegen bereits den Wunsch nach Schulsozialarbeitern geäußert. „Das wäre sehr hilfreich, nicht nur für sogenannte Brennpunktschulen“, sagt Funk. Seine Kollegen und er wären froh, wenn es jemanden gäbe, „den man bei Problemen, bei denen die Lehrer an ihre Grenzen stoßen, zu Rate ziehen kann“.

Gerauft wird am Wilhelms-Gymnasium nach Aussage von Funk nicht auffällig oft. Und auch sonst tut sich Funk schwer, ein Hauptproblem an seiner Schule zu benennen. „Es sind die Einzelfälle“, sagt er. Ein Dauerbrenner sei freilich Mobbing unter Kindern und Jugendlichen. Da komme es zu Situationen, in denen sich Funk freuen würde, einen Fachmann um dessen Hilfe bitten zu können.

Die Schulsozialarbeit ist in der Landeshauptstadt auf dem Vormarsch. Galt sie einst eher als ein Makel, wird sie inzwischen als Qualitätsmerkmal wahrgenommen. „Der Run riesig“, sagt Bruno Pfeifle, der Leiter des Stuttgarter Jugendamtes. Seit Beginn des aktuellen Schuljahrs im September 2012 sind noch mehr Sozialarbeiter an Stuttgarter Schulen im Einsatz. So ist für alle Grundschulen, die an eine Werkrealschule angeschlossen sind, entsprechende Geld zur Verfügung gestellt worden; die restlichen Grundschulen sollen folgen.

Zwei Gymnasien haben schon einen Schulsozialarbeiter

Ebenfalls im vergangenen September haben die Stadträte das Geld für je zwei halbe Sozialarbeiter-Stellen an zwei Gymnasien in Stuttgart. Auf der Grundlage der Erfahrungen soll das Angebot in naher Zukunft ausgeweitet werden. Das Jugendamt will dem Gemeinderat noch vor der Sommerpause 2013 eine mögliche Vorgehensweise vorschlagen.

Wolfgang Riesch unterstützt den Vorstoß der Stadt. „Alle Schularten benötigen Schulsozialarbeiter“, sagt der Mitarbeiter der Evangelischen Gesellschaft, einer der Träger, die die Stadt mit der Schulsozialarbeit beauftragt. „Die Probleme und Lebenslagen der Kinder und Jugendlichen haben sich verändert“, erklärt Riesch. „Und die Probleme ploppen in der Schule auf.“ Er glaubt nicht daran, dass die Gymnasien einmal eine heile Welt gewesen sind. „Da wurde halt viel unter den Teppich gekehrt“, sagt er. Außerdem seien Gymnasiallehrer nicht ausgebildet, „um die Konflikte zwischen den Schülern zu regeln“.

Zu den klassischen Themen an Gymnasien gehöre, dass Jugendliche Alkohol trinken und kiffen. Dass sie in diesem Alter selten auf Eltern und Lehrer hören, kennt Riesch. Sozialarbeiter hingegen seien „die anderen Erwachsenen“, wie er sagt. Sie hören den jungen Leuten zu, interessieren sich für ihre Sichtweise, und – ganz wichtig – sie petzen das Gehörte nicht an Lehrer und Eltern.

Nicht das dringlichste Problem

Die Zeiten seien zwar schwieriger geworden, sagt der Plieninger Direktor Siegfried Frey. Trotzdem brauche sein Gymnasium keinen Sozialarbeiter, der zu 100 Prozent da sei. Es würde reichen, sich eine Stelle mit anderen Schulen zu teilen. Seine Kollegen aus Degerloch und Sillenbuch sehen das genauso.

Irmgard Brendgen, die Leiterin des Geschwister-Scholl-Gymnasiums in Sillenbuch, sagt, die fehlenden Schulsozialarbeiter „sind sicher nicht unser dringlichstes Problem“. Mit den Kollegen habe sie noch nicht darüber gesprochen. Fest stehe, „ein Ansprechpartner wäre super“.

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