Schulstart in der Coronakrise Kinder müssen geschützt werden
Der Schutz der Kinder vor einer Infektion muss auch nach Schulbeginn weiter Priorität haben. Doch die Politik erweckt nicht den Eindruck, entschlossen zu handeln, kommentiert Regine Warth.
Der Schutz der Kinder vor einer Infektion muss auch nach Schulbeginn weiter Priorität haben. Doch die Politik erweckt nicht den Eindruck, entschlossen zu handeln, kommentiert Regine Warth.
Berlin - Die Sorge, mit der Eltern, Kinder und Lehrer im Land dem Schulstart in einer Woche entgegensehen, erhält permanent neue Nahrung. Da genügt schon der kurze Blick in andere Bundesländer, um die sommerliche Erholung dahinschmelzen zu lassen. In Nordrhein-Westfalen ist binnen knapp drei Wochen ein regelrechtes Quarantäne-Chaos ausgebrochen. Mehr als 6000 Kinder hatten sich infiziert, gut 30 000 wurden in die Selbstisolation geschickt. Bei den Fünf- bis 14-Jährigen ergeben sich Inzidenzwerte von über 300. So droht auch dem Südwesten ein ungemütlicher Schulbeginn.
Die Wahrscheinlichkeit einer Infektionswelle wächst schon deswegen, weil fast 13 Millionen Kinder und Jugendliche nicht geimpft sind. Umso befremdlicher erscheint die nicht sehr vertrauensfördernde Vorbereitung auf diese Situation durch die Politik. Der mehrere Wochen anhaltende bundesweite Flickenteppich an Regelungen hat den Eindruck erweckt, dass es manche Regierungen insgeheim auf eine Durchinfektion der Kinder abgesehen haben – in der Hoffnung, dass die Verläufe meist so harmlos sein werden, dass dies zumutbar erscheint.
Tatsächlich stecken Minderjährige die Ansteckung besser weg als Erwachsene: Bei vielen erfolgt sie oft symptomlos – nur sehr selten müssen sie auf der Intensivstation behandelt werden. Dies liegt einer Studie der Berliner Charité zufolge am kindlichen Immunsystem in den oberen Atemwegen, das mit dem Sars-CoV-2-Virus deutlich besser klarkommt als das der Erwachsenen.
Dennoch gibt es auch warnende Signale. Die Durchseuchungsstrategie wäre somit eine hochriskante Wette – sie könnte übermäßig viele junge Menschen schädigen. Noch ist unklar, ob und, wenn ja, wie häufig Kinder und Jugendliche von Langzeitfolgen wie dem Long-Covid-Syndrom betroffen sind. Auch ist denkbar, dass noch Jahre später eine neue Krankheitswelle auf die Betroffenen zurollt. Nicht auszuschließen sind auch psychische Schäden. Diese zu verhindern, muss daher Priorität haben.
Gleichwohl gilt es nun mit kühlem Kopf dem Schulstart entgegenzusteuern. Die Erfahrungen anderer Bundesländer wie Hamburg oder Schleswig-Holstein zeigen, dass die vor allem von den Urlaubsrückkehrern herrührenden Ansteckungen zumeist außerhalb der Schulen stattfinden. Etwa zehn Tage nach Unterrichtsbeginn stabilisiert sich die Zahl der Infektionen wieder. Unerlässlich bleibt bis auf Weiteres ein abgesicherter Schulbetrieb, um den exponentiellen Anstieg der Infektionen zu bremsen. Für die allgemeine Akzeptanz wäre eine einheitliche und gezielte Quarantäneregelung vonnöten, die nicht gleich ganze Klassenverbände – noch dazu für 14 Tage – in Mithaftung nimmt. Nur ein sehr engmaschiges Testregime, das Maskentragen und gute Lüftungskonzepte können den weitgehenden Verzicht auf Isolationen rechtfertigen.
Vieles hängt auch bei den Kindern an den Impfungen. Seit Mitte August gibt es eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission für Zwölf- bis 17-Jährige. Würden sie alle immunisiert, könnte der Anteil der potenziell anfälligen Kinder auf rund neun Millionen schrumpfen. Im Umkehrschluss bedeutet das: Solange es kein Vakzin für die Jüngsten gibt, bleibt an den neun Millionen das erhöhte Risiko einer allgemein unzureichenden Impfbereitschaft hängen.
Zum Konsens, dass Schulschließungen verhindert werden müssen, kann jeder Ungeimpfte beitragen: Indem er sich mit einer Spritze schützt – und damit auch die Kinder, die sich die Rückkehr ins richtige Leben mit normalem Unterricht und beliebigen Sozialkontakten zurücksehnen.