Die Sicherstellung der Stundenpläne bleibt auch in diesem Schuljahr eine Herausforderung für die Stuttgarter Schulen. Auch wenn sich die Situation unterm Strich verbessert habe – „die Unterrichtsversorgung ist an allen Schularten weiter angespannt“, berichtet der Leiter des Staatlichen Schulamts, Thomas Schenk, anlässlich des nahenden ersten Schultags nach den Ferien am Montag, 9. September. Die Krankheitsreserve sei – wie in den Vorjahren – bereits zu Schuljahresbeginn verplant. Besonders schwierig sei es für die Grundschulen und die Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ), den Schulbetrieb mit den zur Verfügung stehenden Ressourcen zu organisieren. Das liegt nicht nur an fehlenden Lehrkräften, sondern auch an steigenden Schülerzahlen.
Wie viele neue Lehrkräfte konnten gewonnen werden?
102 neue Lehrerinnen und Lehrer kann das Schulamt zum Schuljahr 2024/25 an den öffentlichen Schulen einstellen, also an den Grundschulen, Werkrealschulen, Real- und Gemeinschaftsschulen sowie den SBBZ. Das sind weniger als im Vorjahr (119 Lehrkräfte). Hinzu kommen noch 27 Lehrkräfte, die ebenfalls eingestellt wurden, sich aber direkt haben beurlauben lassen, weil sie an eine Privatschule wechseln. Auffällig ist das Geschlechterverhältnis bei den Neueinstellungen: 100 Frauen haben einen Vertrag unterzeichnet, aber nur 29 Männer (22,5 Prozent).
Ist das alles?
Nein. Hinzu kommen die sogenannten Direkteinsteiger, die neben ihrem Lehrauftrag qualifiziert werden, sowie Personal, das befristet eingestellt wurde. Der Direkteinstieg spielt dabei eine untergeordnete Rolle – gerade mal sieben Verträge stehen zu Buche, jeweils zwei starten an Grundschulen und im Sekundarbereich I, drei an den SBBZ. Zahlenmäßig bedeutend sind dagegen die befristeten Verträge: Ganze 142 wurden unterzeichnet, davon allein 63 für den Einsatz an Grundschulen. Es fangen also mehr neue Lehrer befristet als unbefristet an. Teils erfolge die Befristung auch auf Wunsch, heißt es im Schulamt. Manche voll ausgebildeten Lehrkräfte wollten Zeit überbrücken wegen eines geplanten Auslandsaufenthalts oder aber weil sie auf eine unbefristete Stelle an ihrem Wunschort oder in ihrer Wunschregion warteten.
Wie viele Stellen sind noch unbesetzt?
An den Grundschulen gibt es derzeit zwölf unbesetzte Stellen, an Schulen aus der Sekundarstufe eins sind es sechs freie Stellen. Das ist eine positive Entwicklung. Denn: Zu Beginn des Schuljahres 2023/24 waren es deutlich mehr unbesetzte Stellen – 16 an Grundschulen und 18 an der Sekundarstufe eins. „Die Situation an den Schulen ist inzwischen deutlich besser – mit der Perspektive, dass es noch besser wird“, so Schenk. Maßnahmen des Kultusministeriums, wie die Erhöhung der Studierendenzahlen im Lehramt, zeigten Wirkung. Geholfen haben dürfte in Stuttgart auch, dass Lehrer aus überversorgten an unterversorgte Schulen für Unterricht in den entsprechenden Mangelfächern abgeordnet werden. Positiv wirke sich zudem aus, dass viele Lehrkräfte ihr Deputat aufgestockt haben. „Sie versuchen, die Schulen stabil zu halten“, würdigt die für die Grundschulen zuständige Schulrätin, Claudia Scherer, das Engagement der Aufstocker. Problematisch wird es, wenn viele Lehrkräfte wegen Krankheit oder Schwangerschaft ausfallen. Es gibt keine Vertretungsreserve mehr.
Wie viele Erstklässler gibt es?
An den 69 öffentlichen Grundschulen werden 4660 Mädchen und Jungen in der ersten Schulwoche eingeschult, an den SBBZ sind es 199. Bei den Grundschulen zeigt die Entwicklung schon seit Jahren nach oben. Zum Vergleich: 2021 waren 4198 Kinder neu eingeschult worden. Vergangenes Jahr waren es 4592 Erstklässler, die sich auf 200 Klassen verteilten. Diesmal müssen 206 erste Klassen gebildet werden. Insgesamt besuchen 17 725 Kinder eine öffentliche Grundschule.
Wie entwickeln sich die Schülerzahlen an den anderen Schularten?
Die Gemeinschaftsschulen gewinnen an Attraktivität: 455 Kinder kommen in eine der 19 Klassen in Stufe fünf. Das sind 22 Anmeldungen mehr als im September 2023 und fast 60 mehr als 2021. Dafür gibt es weniger neue Realschüler: 830 kommen in die fünfte Klasse. Vergangenen September lag die Zahl bei 876. Insgesamt 6282 Realschüler gibt es in Stuttgart – 2022/23 waren es 7040 gewesen. Den Rückgang dürften die Realschulen nicht wirklich bedauern. Sie waren zuletzt „pickepackevoll“, so Schulamtsleiter Schenk. Weiterhin besuchen im Schnitt 25,4 Schüler eine Realschulklasse, gegenüber 23,6 Schülern an den Gemeinschaftsschulen und 21,8 Schülern an den Werkrealschulen. Letztere haben 1376 Schülerinnen und Schüler (vergangenes Schuljahr waren es 1339).
Wie sieht es an den sonderpädagogischen Schulen aus?
Auch in den ehemaligen Förderschulen steigen die Schülerzahlen – vor allem in den Schulen mit dem Förderschwerpunkt geistige Entwicklung. Sowohl im vergangenen Schuljahr als auch in diesem Schuljahr entspreche der Anstieg jeweils etwa zehn zusätzlicher Klassen beziehungsweise jeweils 60 Kindern, so der zuständige Schulrat, Christof Kuhnle. Insgesamt besuchen 2230 Schülerinnen und Schüler ein SBBZ (im Schuljahr 23/24 waren es 2140), davon werden 509 inklusiv beschult. Die Inklusion ist auf dem Rückmarsch: 2021/22 gab es noch 705 Inklusionsschüler. Die Lehrerversorgung sei weiter „sehr angespannt“, man habe Angebote zurückfahren müssen, sagt Kuhnle. Ziel sei, nicht noch weiter reduzieren zu müssen.
Aus welchem Grund gibt es immer mehr Förderschüler?
Es gebe hierfür nicht den einen Grund, es komme vieles zusammen, sagt Kuhnle. Die Fallzahlen im Autismus-Spektrum stiegen auffällig – ein weltweites Phänomen. Bei der Migration spiele neben anderem sicher auch eine Rolle, dass Eltern mit einem beeinträchtigten Kind gerade diejenigen Länder und Städte zu erreichen versuchten, die ein gutes Angebot haben.