Die Ankündigung der grün-schwarzen Landesregierung, eine mögliche Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium in einem Bürgerforum beraten zu lassen, hat die laufende Debatte weiter angeheizt. So stellt sich der Landesschülerbeirat entschieden auf die Seite der Elterninitative „G9 jetzt! BW“. Berat Gürbüz, der Vorsitzende des Beirats, fordert „eine flächendeckende Wiedereinführung von G9 mit einer Wahlmöglichkeit zu G8“. Dieser Schritt dürfe „nicht länger hinausgezögert werden“. Und der Landesschülerbeirat verlangt, in dem geplanten Bürgerforum beteiligt zu werden. Die Initiative selbst hat am Freitag erklärt: Die Sammlung von Unterschriften „für den Volksantrag G9-Gesetz läuft unvermindert weiter“. Unterstützer der Aktion hatten dem Land vorgeworfen, das Bürgerforum sei in diesem Prozess nur ein „Ablenkungsmanöver“.
Priorität für die Grundschulen
Das Land erhält für seine bisherige Haltung, die jetzige Schulstruktur im Grundsatz zu erhalten, aber auch Unterstützung. So erklärte der Landkreistagspräsident Joachim Walter, es müsse in der Debatte auch „bedacht werden, wo in Zeiten dramatischen Lehrerinnen- und Lehrermangels die knappe Ressource am meisten benötigt wird“. Deshalb sei es „richtig, dass die Landesregierung das Thema G8/G9 nicht isoliert betrachtet, sondern in den Gesamtzusammenhang unseres angeschlagenen Bildungssystems stellt“, erklärte der Tübinger Landrat. „Und die beruflichen Gymnasien bieten schon heute das G9 an“. Joachim Walter sieht die Priorität in der Bildungspolitik wie das Land „im Grundschulbereich“.
Verärgert über die laufende Debatte zum Gymnasium hat der Landesverband der Berufsschullehrer (BLV) reagiert. „Die andauernde nervenaufreibende Diskussion um die Schulstruktur lenkt zunehmend von den wahren Problemen im Bildungsbereich ab“, erklärte der BLV-Vorsitzende Thomas Speck. Er verwies darauf, „dass es flächendeckend mit den beruflichen Gymnasien ein G9-Angebot gibt“. Statt einer Debatte über G8 oder G9 müssen endlich „die Stärkung der Grundschulen, der Aufbau multiprofessioneller Teams, der Ausbau des Informatikunterrichts und der beruflichen Orientierung, der Umgang mit Heterogenität und die Sicherstellung der Schul-IT dringend angegangen werden“, fordert Thomas Speck.
Den bestehenden „Schulfrieden“ nicht gefährden
Und zumindest aus dem Kreis der Leiter von Stuttgarter Gymnasien kommen ebenfalls skeptische Töne zur möglichen Rückkehr zur neunjährigen Gymnasialzeit. Nach seinem „Eindruck“ wollten die Kolleginnen und Kollegen der 25 staatlichen Gymnasien in der Landeshauptstadt eher „mit dem jetzigen Schulfrieden weiterarbeiten“, sagte Manfred Birk auf Anfrage. Die Nachfrage nach G9-Plätzen stagniere in Stuttgart schon seit 2021, „es ist kein Zuwachs mehr zu beobachten“, erklärte der Leiter des Dillmann-Gymnasiums, der auch geschäftsführender Leiter der Stuttgarter Gymnasien ist. Und G8 sei „auf vielfältige Weise verändert und optimiert worden“, so Birk. „Die Mehrheit der Schüler kommt damit klar.“
Aus seiner Sicht werde G8 „zum Sündenbock für alle Probleme“ gemacht, von denen es aber viele „schon vorher gab“, sagte der Schulleiter. Eine Rückkehr zu G9, so fürchtet Manfred Birk, würde aber „vielfältige Probleme auftreten lassen“. Die Folge könnte nicht nur mehr Konkurrenz unter den Schulen sein, sondern ein regelrechter „Verteilungskampf“. Und der Schulleiter fürchtet, dass der Lehrermangel wegen des wachsenden Bedarfs noch gravierender werden würde.
Ralf Scholl, der Landesvorsitzende des Philologenverbands, der die Gymnasiallehrer im Land vertritt, hatte dem Land in der Frage eine „verzerrte Darstellung“ vorgeworfen, da man durch die Rückkehr zu G9 in den ersten Jahren sogar etwas weniger Lehrer benötige, der errechnete zusätzliche Bedarf von 1400 Deputaten entstehe erst nach Jahren. Das Land hat ein Minus von 96 Deputanten pro Jahr in den ersten Jahren auch eingeräumt, danach aber entstehe ein „immenser Mehrbedarf“. Nach Ansicht von Manfred Birk dürfte dieses Problem schon deutlich früher auftreten. Man könne die Leute schließlich „nicht auf einen Schlag einstellen“, sondern müsse die erforderliche Kapazität „schon vorher aufbauen“. Und die Umstellung von G8 auf G9 in Bayern habe gezeigt, dass dort der Lehrermangel so groß war, dass der östliche Nachbar Baden-Württembergs sogar Lehrkräfte „aus anderen Bundesländern abwerben musste“.
Zahl der Gymnasiasten in den verschiedenen Schularten
Allgemeinbildende Gymnasien
Von den knapp 301 000 Schülerinnen und Schüler, welche die insgesamt 376 öffentlichen Gymnasien im Land besuchen, sind derzeit rund 85 Prozent an einer G8-Schule, 15 Prozent in G9 (in 44 öffentlichen und zehn privaten Modellschulen). Diese Verteilung könnte sich bei den Neuanfängern noch zugunsten von G8 verschoben haben. Nach den vorläufigen Zahlen des Landes haben sich etwa 5200 Schülerinnen und Schüler für einen G9-Platz im kommenden Schuljahr angemeldet, 32 400 für G8. Das entspräche einem Verhältnis von 14 zu 86 Prozent. Allerdings ist das G9-Angebot im Land auch begrenzt. Laut dem Land ist die Zahl der wegen eines Kapazitätsmangels an G9-Zügen abgewiesenen Schülern aber von 176 im Jahr 2017 auf noch 99 im Jahr 2022 zurückgegangen.
Beruflichen Gymnasien
Durchaus beachtlich ist auch die Zahl der Schüler an den 275 beruflichen Gymnasien im Land. Dort werden derzeit rund 58 900 Schülerinnen und Schüler unterrichtet.
Gemeinschaftsschule mit Oberstufe
An den 320 Gemeinschaftsschulen im Land haben derzeit nur acht einen Gymnasialzug. Von den rund 92 400 Schülern dort besuchen nur rund 1150 die Sekundarstufe II. ury