Schulversuch ohne Noten steht vor dem Aus Richtungsstreit über die Zukunft des Modellprojekts

Von und Julian Illi 

Die grün-schwarze Landesregierung streitet über den Schulalltag ohne Noten: während die Grünen sich für eine Fortführung stark machen, bleibt die CDU von Kultusministerin Susanne Eisenmann skeptisch. Vor Ort ist man verärgert über die Politik.

Das Zeugnis ohne Noten beschäftigt derzeit die grün-schwarze Landesregierung. Ein entsprechender Schulversuch soll beendet werden. Foto: dpa
Das Zeugnis ohne Noten beschäftigt derzeit die grün-schwarze Landesregierung. Ein entsprechender Schulversuch soll beendet werden. Foto: dpa

Ditzingen/Stuttgart - Das vom Kultusministerium angekündigte Ende für den Schulversuch „Grundschule ohne Noten“ verursacht Unmut zwischen den Koalitionspartnern in der grün-schwarzen Landesregierung. Bei den Beratungen über den Kultusetat am Freitag stellten die Grünen einen Antrag, wonach im Haushalt 25 000 Euro für die wissenschaftliche Auswertung des Versuchs eingestellt werden sollten. Das Fehlen einer solchen Evaluation hatte das Kultusministerium von Susanne Eisenmann (CDU) als Grund für das Versuchsende angeführt. Dem Antrag wollte der Regierungspartner am Freitag aber nicht folgen. Daher wurden zwar 25 000 Euro im Haushalt eingestellt – jedoch ohne die konkrete Zuweisung, dass mit dem Geld der Grundschulversuch wissenschaftlich begleitet werden soll. Das Aus zum Schuljahr 2020/2021 bleibt also bestehen.

Streit über 25 000 Euro

Darüber ärgern sich viele Rektoren der zehn Versuchschulen, zum Beispiel der Ditzinger Jörg Fröscher. Seinen Unmut hat der Rektor der Theodor-Heuglin-Gemeinschaftsschule in einem Brief an Kultusministerin Eisenmann bekundet. Darin schreibt er, es sei „völlig unverständlich, wie ein Versuch, der nicht wissenschaftlich begleitet wurde, nun wissenschaftlich haltbare Ergebnisse bringen soll.“

Fröscher bekräftigt damit die Aussagen seines Kollegen Rainer Graef von der Kirbachschule in Sachsenheim. Doch er geht in der Bewertung noch weiter. „Das ist der Weg zurück in seine sehr konservative Bildungslandschaft.“ Dazu gehört für ihn das dreigliedrige Schulsystem ebenso wie eine Selektion über Noten.

Der Schulversuch in der Grundschule war aus Fröschers Sicht die Umsetzung einer Idee, die der Gemeinschaftsschule zugrunde liegt. In dieser weiterführenden Schule werden mit Ausnahme der Abschlussklassen keine Noten gegeben.

Der Ditzinger Rektor Jörg Fröscher ärgert sich über das Aus

Unterstützung erhalten die Rektoren von der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Der Schulversuch zeige, dass es andere Wege gebe, Leistung zu messen und Schülern wie Eltern differenzierte Rückmeldungen ohne Noten zu geben. „Wir haben keinerlei Verständnis dafür, dass wichtige pädagogische Impulse in einer Phase ignoriert werden, in der es in der Schulpolitik expliziert um die Qualität der Grundschule geht“, sagt die GEW-Landesvorsitzende Doro Moritz. Die Ministerin habe keine inhaltliche Begründung für das Aus genannt.

An Fröschers Schule wird die Leistung der Kinder bereits seit rund zehn Jahren nicht mehr ausschließlich benotet. Statt- dessen wird die Entwicklung eines Schülers dargestellt. Diese Bewertung sei das Ergebnis einer „intensiven Diskussion mit der Firma Trumpf“, berichtet Fröscher. Der daraus resultierende Vorwurf, die Kinder nach den Wünschen der Wirtschaft zu unterrichten, kennt Fröscher.

Er lässt ihn nicht gelten – unter anderem mit Verweis auf die Pädagogischen Hochschulen. Die Schulnote ist dort längst nicht mehr einziges Auswahlkriterium. Wer etwa in Ludwigsburg auf Lehramt studieren will, hat inzwischen bessere Chancen auf einen Studienplatz, wenn er seit Längerem im pädagogischen Bereich ehrenamtlich tätig ist.