Schulverweigerer in Stuttgart Perspektive für verlorene Kinder

Von Barbara Czimmer 

Rund 60 Kinder jährlich drohen der Gesellschaft zu entgleiten: Sie besuchen in Stuttgart keine Schule mehr und brechen Behandlungen ab. Die meisten könnten aufgefangen werden, zeigt ein Projekt.

Schulschwänzen ist ein erster Hinweis auf vielfältige Probleme. Foto: dpa-Zentralbild
Schulschwänzen ist ein erster Hinweis auf vielfältige Probleme. Foto: dpa-Zentralbild

Stuttgart - Aggressives Verhalten, Schulwechsel und Schulausschlüsse sind meist Vorboten von Schulverweigerung. Selbst Bußgelder – vom Ordnungsamt im vergangenen Jahr 715 Mal verhängt – nehmen manche Eltern nicht wahr: Jährlich bleiben 60 Kinder und Jugendliche der Schule trotz aller Sanktionen lange fern.

Schulverweigerung führt sozial und beruflich ins Abseits und setzt eine Abwärtsspirale in Gang, die später kaum mehr aufzuhalten ist. Um dies zu verhindern, haben das Jugendamt, das Staatliche Schulamt und die Jugendsozialarbeit (Evangelische Gesellschaft) drei Jahre lang ein Projekt erprobt. Es heißt Perspektivegruppe und hat fast 90 Prozent der rund 30 Teilnehmer in die Lage versetzt, wieder regelmäßig in ihre angestammte Klasse zurückzukehren.

Kreislauf von Frustration und auffälligem Verhalten

Robin (Name geändert) ist einer von ihnen. „Mit 13 Jahren hatte er bereits eine Leidensgeschichte hinter sich“, sagt Barbara Kiefl, Abteilungsleiterin im Stuttgarter Jugendamt. Wegen seines aggressiven Verhaltens blühte ihm zeitweilig ein Schulausschluss, seine Leistungen sackten ab, der Wechsel in eine Schule für Erziehungshilfe brachte auch nicht das erhoffte Ergebnis, die Behandlung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie brach er ab. „Der Junge war gefangen in einem Kreislauf aus Frustration und auffälligem Verhalten“, so Kiefl. Letzte Möglichkeit: die Perspektivegruppe.

Von da an saßen alle Beteiligten am Tisch, wenn es um Robin ging: das Staatliche Schulamt, die psychologische und allgemeine Erziehungsberatung, der allgemeine Sozialdienst und das Jugendamt. Sie alle haben Büros in einem quartiernahen Beratungszentrum und „kennen die Kinder und die Eltern sehr gut; ich halte das deshalb für den richtigen Weg“, sagt Jugendamtsleiterin Susanne Heynen. Das heißt nicht, dass Eltern keine Verantwortung mehr tragen. Barbara Kiefl: „Wenn Perspektivegruppe, dann müssen die Eltern mithelfen.“

Jeder lernt nach seinem Lehrplan

Robin hat sich auf zwei Schulstunden täglich bei den Sonder- und Sozialpädagogen an der Verbundschule Rohr eingelassen, dann erhöhte er auf drei, dann vier Stunden. Gelernt wird in kleinen Gruppen mit acht Schülern – jeder nach seinem Lehrplan und Tempo. „Er erlebte, dass er gesehen wird, und das wollte er auch“, erzählt Barbara Kiefl.

Circa 30 Kinder und Jugendliche im Alter zwischen neun und 17 Jahren haben in den vergangenen drei Jahren die Gruppe durchlaufen, neue Anfragen liegen laufend vor. „Der Aufenthalt ist auf ein Jahr begrenzt, damit sich nicht die Gruppe verfestigt, sondern das Ziel: die Wiedereingliederung ins öffentliche Schulsystem“, sagt die Schulrätin Dörte Pelz vom Schulamt.

90 Prozent der Abgänger hatten Erfolg

Das Ziel scheint erreicht: Nach durchschnittlich sechs Monaten fanden fast alle eine Anschlussperspektive. Manche besuchen heute Sonderschulen, manche Außenklassen, einer ist in Berufsausbildung, einer am ADHS-Gymnasium Esslingen. Manche lassen die jugendpsychiatrische Behandlung zu, andere den Umzug in eine stationäre Jugendhilfeeinrichtung. Nur ein Schüler verließ die Gruppe ohne andere Perspektive, ein zweiter wurde rausgeschmissen – wegen „fehlender Anwesenheit“. „Wir hatten meines Wissens nach noch keinen Betreuerwechsel. Das Konzept funktioniert also, und die Mitarbeiter sind begeistert von dieser Arbeit“, sagt die Schulrätin.

Ohnehin kommen die Beratungszentren mehr denn je „mit Jugendlichen in Kontakt, die sich selbst verletzen, deren Sozialverhalten gestört ist, deren Familienverhältnisse belastend sind, die psychisch krank oder arm sind“, fasst das Jugendamt im Jahresbericht 2016 zusammen. Wegen eines EDV-Problems liegt die absolute Zahl nicht vor. Geschätzt wurden die Beratungszentren im vergangenen Jahr mehr als 12 000 Mal von Familien gebraucht, 2015 lag die Zahl bei 11 4000, 2014 bei 10 400.

Es fehlen jährlich 66 000 Euro

Vom 1. Januar 2018 an steht die Perspektivegruppe ohne Perspektive da. Das Projekt wurde aus dem Budget für Hilfen zur Erziehung und von der Evangelischen Gesellschaft finanziert. Eva-Vorstandsvorsitzender Heinz Gerstlauer kündigt an, für eine gewisse „Übergangsfinanzierung“ einzuspringen. Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer (FDP) ist bereits überzeugt worden. Sie will, dass die Stadt die Kosten von jährlich rund 66 000 Euro trägt, weil „Berufsbildung und eigenständige Lebensführung im öffentlichen Interesse“ lägen.

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