Schulwahl und Schulqual Eltern Akademiker, Tochter auf der Realschule – „das war nicht einfach“

Die jüngere Tochter der Stuttgarter Familie hat eine Lese-Rechtschreibschwäche. Foto: IMAGO/Zoonar II

Kinder aus Akademikerfamilien wechseln meist aufs Gymnasium. Wie schmerzvoll es für Kind und Eltern ist, wenn das nicht klappt, schildert die Mutter einer Stuttgarter Realschülerin.

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Dass es bei Lena eng werden würde mit dem Gymnasium, ist Katrin Sommer früh klar gewesen. Ihre jüngere Tochter habe sich mit dem Lernen immer viel schwerer getan als die große Schwester. „Ich habe früh gedacht, sie macht aber viele Fehler“, sagt die 48-jährige Stuttgarterin. Wenn die drei Jahre ältere Maja Vokabeln lerne, müsse sie nur einmal auf die Wörter gucken und schon seien sie im Kopf. Das Abfragen mache Spaß mit ihr. Lena hingegen tut sich schwer. Sie hat eine Lese-Rechtschreibschwäche diagnostiziert bekommen. „Es ist immer ein Kampf“, sagt die Mutter.

 

Katrin Sommer und ihr Mann Christian sind also vorbereitet ins Gespräch mit der Grundschullehrerin gegangen. Aber als dann tatsächlich klar war, dass es die Realschule würde, war es trotzdem „nicht einfach“. Auch nicht für Lena selbst. Sie habe sich immer auf dem gleichen Gymnasium gesehen wie ihre Schwester. „Das war für sie ihre Schule“, sagt Katrin Sommer, die eigentlich anders heißt. Die Familie erzählt die Geschichte unter anderem Namen, damit sie offen sprechen kann. Ihre Tochter, die inzwischen die fünfte Klasse besucht, soll sich nicht schlecht fühlen.

Statistik versus Familienrealität

Kinder aus Akademikerfamilien gehen mehrheitlich aufs Gymnasium. Das haben Studien immer wieder ergeben, in denen sich eine Bildungsungerechtigkeit zeigt. Laut dem Chancenmonitor des Ifo Instituts von 2023 liegt die Wahrscheinlichkeit, ein Gymnasium zu besuchen, bei 75,3 Prozent, wenn beide Elternteile das Abitur haben. Wächst ein Kind hingegen bei einem alleinerziehenden Elternteil ohne Abitur aus dem untersten Einkommensviertel und mit Migrationshintergrund auf, liegt diese Wahrscheinlichkeit nur bei 21,5 Prozent. Doch das eine sind Wahrscheinlichkeiten und Statistik. Das andere die eigene Familienrealität. Was ist, wenn der unwahrscheinliche Fall eintritt und das eigene Kind eben nicht zu den 75,3 Prozent gehört?

Dann wird das oft wie eine Niederlage empfunden. Auch wenn es dafür eigentlich keinen Grund gibt. Das Abitur könnte zum Beispiel an einem beruflichen Gymnasium später immer noch angeschlossen werden – und Auszubildende werden wegen des Fachkräftemangels in vielen Branchen händeringend gesucht. Doch gerade Eltern, die studiert haben, erwarteten auch für ihre Kinder meist den höheren Bildungsweg. Sie versuchten, eine Bildungsmobilität ihrer Kinder nach unten, also einen Bildungsabstieg, zu vermeiden, ihnen sei ein Statuserhalt wichtig. Darauf weist Matthias Pollmann-Schult von der Universität Siegen in einer 2021 veröffentlichten Studie hin. Der Professor für Empirische Sozialforschung hat darin ermittelt, dass das Risiko für innerfamiliäre Konflikte bei einem niedrigeren Bildungserfolg des Kindes steigt. Letzterer könne sich negativ auf das psychische Wohlbefinden der Eltern, aber auch des Kindes auswirken, so Pollmann-Schult.

Klassenlehrerin riet ab von der staatlichen Realschule

Katrin Sommer ist selbst eine Bildungsaufsteigerin. In der Schule tat sie sich leicht. Sie war die erste in ihrer Familie, die studiert hat. „Uns ist Bildung sehr wichtig“, sagt die Geisteswissenschaftlerin über sich und ihren Mann, auch er hat einen Uni-Abschluss und arbeitet in gehobener Position. Unbewusst hatten sie damit gerechnet, dass beide Kinder einen ähnlichen Bildungsweg gehen würden wie sie. Und auch andere gingen automatisch davon aus.

Lenas Klassenlehrerin habe ihnen aber schon „relativ früh“in der vierten Klasse gesagt, dass sie der Tochter der Sommers keine Gymnasialempfehlung geben werde. Dafür hatte sie zu große Probleme in Deutsch und in Mathe. Von den staatlichen Realschulen habe die Klassenlehrerin dabei im Vertrauen abgeraten. Wenn sie könnten, sollten sie Lena besser ab der fünften Klasse auf eine Privatschule schicken. Katrin Sommer war erstaunt über diese offenen Worte, aber nicht über die Aussage selbst. Die kannte sie von anderen Viertklässler-Eltern. „Du kannst Dein Kind ja heute nicht mehr auf eine Realschule stecken“, den Spruch einer Mutter hat sie noch gut im Ohr. Auch ein Vater habe zu ihr gesagt, dass der Ruf der staatlichen Realschulen nicht besonders gut sei, so Sommer. Das habe sich gewandelt gegenüber ihrer eigenen Schulzeit, meint sie.

Die Sommers hätten Lena natürlich trotzdem auf dem Gymnasium anmelden können. Die Elfjährige ist im vergangenen September in die fünfte Klasse gekommen – da galt noch der Elternwille als ausschlaggebend, die verbindliche Grundschulempfehlung war noch nicht eingeführt. Aber für die Familie war klar, dass sie sich an die Empfehlung halten würde, um Lena Frusterlebnisse oder gar ein Scheitern am Gymnasium zu ersparen. Ein späterer Wechsel ist in Stuttgart erfahrungsgemäß schwierig.

Die Einzige im Freundeskreis ohne Gymnasialempfehlung

Nach dem Gespräch mit der Lehrerin haben die Eltern mit ihrer Tochter gesprochen. Für Lena sei die Nachricht, dass sie nicht aufs Gymnasium kommen würde, ein Schock gewesen. „Das durfte keiner wissen“, erinnert sich die Mutter. Lena habe das erst mal für sich verarbeiten müssen. Sie sei die Einzige im Freundeskreis gewesen mit Realschulempfehlung. Zwar habe es bei einer Freundin auch zunächst eng ausgesehen, aber bei der „hat es dann doch noch geklappt“. Nur die beiden besten Freundinnen durften schließlich wissen, dass sie nicht auf dieselbe Schule würden wechseln können.

Das Thema Schulwahl sei nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Eltern über Monate hinweg das bestimmende Thema gewesen. Welches Gymnasium sollte es nur werden? Das am nächsten gelegene, das mit dem sprachlichen Profil oder lieber die Eliteschule des Sports? Oder vielleicht doch das Mädchengymnasium? „Ich konnte ein bisschen mitreden wegen der Großen, aber es war schon etwas mit Schmerz verbunden“, erinnert sich Katrin Sommer an diese Gespräche, die ihr vor Augen führten, dass sich der Weg ihrer Tochter von denen der anderen trennen würde. Sie selbst stellte sich andere Fragen. Staatliche Schule oder Privatschule und wenn Privatschule, dann vielleicht gleich eine Waldorfschule? Wäre Lena da vielleicht besser aufgehoben? Austauschen mit anderen konnte sie sich kaum.

„Wir müssen nur die Schulzeit rumkriegen“

Die Eltern haben sich letztlich für eine „normale“ private Realschule entschieden. Lena, die zuerst keine Lust auf diese hatte, sei dort zum Glück richtig gut angekommen. „Sie ist glücklich.“ Sie sei sehr kommunikativ und habe schnell neue Freundinnen gefunden. Da alle in ähnlichen Situationen gewesen seien, seien auch die anderen Mädchen sehr offen gewesen. In Deutsch tut sich die Fünftklässlerin immer noch schwer, dafür liebt sie Sport und Kunst. Als ihre große Schwester sie kürzlich aufgezogen habe, dass sie „nur“ auf eine Realschule gehe, habe Lena gekontert, sie sei dafür auf einer Privatschule. „Sie geht ihren Weg“, ist sich Lenas Mutter sicher. Lena müsse kein Abitur machen und auch nicht studieren. Mit einer guten Ausbildung könne man es auch weit bringen. „Wir müssen nur die Schulzeit rumkriegen.“

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