Drei Lehrerinnen aus Stuttgart und Mannheim: Michaela Mac Pherson, Annemarie Raab und Désirée Reidel (v.l.) berichten. Foto: Stephan Gawlik
Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) wirbt für einen vorübergehenden Wechsel von Junglehrern an andere Schularten. Drei Lehrerinnen berichten von ihren Erfahrungen.
Kaum war der Vorschlag der baden-württembergischen Kultusministerin Theresa Schopper (Grüne) ausgesprochen, entfachte er eine hitzige Debatte. Konkret geht es darum, dass aufgrund der Umstellung der Gymnasien in Baden-Württemberg auf das G9-Modell bis 2032 weniger Lehrkräfte benötigt werden. Denn die Kinder haben im Vergleich zum alten G8-System weniger Unterricht pro Woche. Um den Überschuss an ausgebildeten Junglehrern zu kompensieren, schlägt die Ministerin vor, Gymnasiallehrer sollen vorübergehend an anderen Schularten unterrichten – aber nach drei Jahren wieder in die gymnasiale Laufbahn wechseln können.
Doch ist es für Gymnasiallehrkräfte attraktiv, an einer Realschule, Werkrealschule, Gemeinschaftsschule oder beruflichen Schule zu unterrichten? Und welche Auswirkungen hat ein solcher Wechsel auf ihre berufliche Zukunft? Drei Lehrerinnen aus Baden-Württemberg berichten von ihren persönlichen Erfahrungen.
Michaela Mac Pherson hat den Wechsel an eine berufliche Schule nie bereut. Foto: Schule für Farben und Gestaltung
„Im Nachhinein war es die beste Entscheidung“
Michaela Mac Pherson befand sich nach dem Ende ihres Referendariats an einem allgemeinbildenden Gymnasium im Jahr 2002 in einer sehr ähnlichen Situation wie zahlreiche Junglehrerinnen und -lehrer heute. Die Einstellungschancen waren schlecht.
Allerdings: Mit ihrer Fächerkombination Deutsch und Gemeinschaftskunde hatte sie auch Vorteile, denn diese Fächer ließen sich gut in den Lehrplan einer beruflichen Schule integrieren. Zunächst nicht ohne Zweifel, entschied sie sich dafür, fünf Jahre an der beruflichen Schule zu bleiben.
Mac Pherson wechselte an die Schule für Farbe und Gestaltung in Stuttgart. Die ersten beiden Jahre seien nicht einfach gewesen, erinnert sich die heute 50-Jährige. Die unterschiedlichen Schulformen innerhalb der Schule zu verstehen, die unterschiedlichen Prüfungszeiten zu überblicken und die unterschiedlichen Anforderungen zu sortieren, das alles habe Zeit gebraucht. Im Rückblick sagt sie: „Ich habe unglaublich viel gelernt.“ Zu den persönlichen kamen die berufliche Entwicklungsmöglichkeiten. Sie wurde schon bald nach ihrem Einstieg Oberstudienrätin. Und dadurch, dass sie eine Klasse in der Regel drei Jahre unterrichte, bleibe sowohl ihr als auch den Schülern Raum und Zeit für Flexibilität.
Sie sagt klar, dass der Weg auf die berufliche Schule keine bewusste Entscheidung gewesen sei und sie für sich eigentlich das Gymnasium gewählt hatte. Aber im Nachhinein sei der Wechsel auf eine berufliche Schule die beste Entscheidung gewesen. Ihr Resümee nach über zwei Jahrzehnten: „Ich bin nie auf die Idee gekommen, einen Antrag auf Rückkehr zu stellen. Ich dachte, hier, wo ich bin, bin ich richtig.“
Michaela Mac Pherson (50) ist seit 23 Jahren Lehrerin an der Schule für Farbe und Gestaltung in Stuttgart.
Annemarie Raab sagt, man müsse den Kindern vorleben, sich auf Neues einzulassen. Foto: Falkertschule
Schüler aller Schulformen unterrichtet
Annemarie Raab ist seit dreieinhalb Jahrzehnten Lehrerin. Mit Beginn der Sommerferien verabschiedet sich die Pädagogin in den Ruhestand. Die vergangenen fünf Jahre leitete sie als Rektorin die Falkertschule, eine Grundschule im Stuttgarter Westen. Die Lehrerin sieht die Arbeit an unterschiedlichen Schularten grundsätzlich als Bereicherung an. „Es ist immer gut, wenn Lehrerinnen und Lehrer einen Blick über den Tellerrand werfen“, sagt sie. Mit Blick auf die Grundschule im Besonderen fügt sie hinzu: „Und es ist gut zu wissen, wo die Kinder ihre Schullaufbahn beginnen.“
Die Direktorin weiß, wovon sie spricht. In ihrem Berufsleben hat sie, berufliche Schulen ausgenommen, Schüler sämtlicher Schularten unterrichtet – eingeschlossen eine Schule in Ungarn, wo sie Deutsch als Fremdsprache unterrichtete und ungarische Kinder in dem Fach auf das Abitur vorbereitete. Die zahlreichen Wechsel, die sie selbst in ihrem Berufsleben erfahren durfte, bezeichnet sie als Geschenk und ergänzt: „Kinder sind die besten Lehrmeister. Das kann ich aus meiner Erfahrung sagen.“
Ein Problem, das sie sieht, ist die ungleiche Bezahlung der Lehrer, insbesondere wenn man die Gehälter der Gymnasial- und Grundschullehrer vergleicht. Sie könne sich vorstellen, dass sonst mehr Pädagogen über einen Wechsel nachdenken würden. Auch die Aufstiegschancen seien an den verschiedenen Schularten sehr unterschiedlich.
Grundsätzlich argumentiert Annemarie Raab für solche Wechsel: „Wir müssen neue berufliche Aufgaben nicht als ein Zuviel, sondern als Chance begreifen. Wenn wir von unseren Schülern erwarten, dass sie sich auf Neues einlassen, müssen wir es ihnen vorleben.“ Und sie weist auf einen weiteren Punkt hin: Das System müsse durchlässiger werden und solle nicht so starr geregelt sein. Dazu gehöre auch die Rückkehrmöglichkeit für Lehrerinnen und Lehrer.
Annemarie Raab ist Direktorin an der Falkert-Grundschule in Stuttgart.
Désirée Reidel befürwortet einen vorübergehenden Wechsel an eine andere Schulform. Foto: Stephan Gawlik
„Verbindliche Rückkehrgarantie sollte bestehen“
„Als Gymnasiallehrkraft für eine bestimmte Zeit an anderen Schularten zu unterrichten, erweitert das Erfahrungsspektrum und steigert die pädagogischen Fähigkeiten. Man blickt sozusagen über den Tellerrand, und so ergeben sich auch ganz neue Perspektiven“, sagt die Leiterin des Referats Gemeinschaftsschule im Philologenverband Stuttgart. Auch sie selbst ist Lehrerin an einer Gemeinschaftsschule. Die vom Kultusministerium genannte Verweildauer von drei Jahren für Gymnasiallehrer an der Gemeinschaftsschule hält sie durchaus für angebracht.
Allerdings sei in ihren Augen eine verlässliche Rückkehroption ans allgemeinbildende Gymnasium notwendig. Die Rückkehroption sollte auch vertraglich geregelt sein, damit die betroffenen Kollegen Planungssicherheit und Perspektive haben. Andernfalls ergehe es den Junglehrern, wie derzeit vielen wechselwilligen Gymnasialkollegen, die sich vor Jahren für einen vorübergehenden Wechsel an eine Gemeinschaftsschule entschieden hatten: „Ich kenne durch meine Arbeit im Verband einige Kolleginnen und Kollegen, deren Versetzungswünsche seit Jahren abgelehnt werden und denen man signalisiert, dass sie an der Gemeinschaftsschule dauerhaft bleiben müssen. Das, obwohl es bei zahlreichen Einstellungsgesprächen mündliche Rückkehrzusagen gegeben hatte.“
Die 39-Jährige kann die aktuellen Argumente für diesen Wechsel nachvollziehen. Doch im Jahr 2032 wird mit den ersten 13. Klassen der Lehrkräftebedarf an den Gymnasien erheblich steigen. In diesem Zusammenhang sollte für diesen Zeitpunkt eine verbindliche Rückkehrgarantie bestehen. Die Deutsch- und Geschichtslehrerin ist überzeugt, dass gerade diese Verbindlichkeit seitens des Kultusministeriums mehr Lehrerinnen und Lehrer dazu bewegen würde, sich für einen begrenzten Zeitraum als Lehrkraft an der Gemeinschaftsschule zu entscheiden. Die derzeit gängige Praxis werde von vielen als Einbahnstraße wahrgenommen und sorge für Frust. Es müsse aber auch erwähnt werden, sagt Reidel, dass viele Gymnasialkollegen durchaus auch dauerhaft an ihren Gemeinschaftsschulen bleiben möchten.
Désirée Reidel (39) ist Lehrerin (derzeit in Elternzeit) und Leiterin des Referats Gemeinschaftsschule im Philologenverband Stuttgart.