Verkehrschaos und brenzlige Situationen sind die Folgen, wenn Eltern die Kinder zur Schule kutschieren. Aber: Im Kreis Esslingen können alle Grundschulen fußläufig gut erreicht werden.
Die Stellplätze sind voll, zwei Pkw blockieren den Weg hinterm Schild „Feuerwehrzufahrt – Tag und Nacht freihalten“. Beim Rückstoßen entstehen immer wieder gefährliche Momente. Schülerinnen und Schüler müssen zur Seite springen. Das ganz normale Verkehrschaos vor Unterrichtsbeginn?
Mit dem Schulstart kommen die Fragen zum Schulweg. Für manche heißt die Lösung: Elterntaxi. Die Kinder werden mit dem Auto zur Schule kutschiert. Laut einer Umfrage unserer Zeitung bei Grundschulen im Kreis Esslingen ist es nur eine kleine Minderheit der Mütter und Väter, die diese Art von „Lieferservice“ praktizieren. Aber diese Minderheit ist hartnäckig, teilweise uneinsichtig und jederzeit imstande, tatsächlich das morgendliche Verkehrschaos vor der Schule zu verursachen – und damit jene Gefahren, vor denen man die eigenen Sprösslinge bewahren will.
„Sicherheitsdenken erzeugt Unsicherheit“
„Aus Sicherheitsdenken entstehen unsichere Situationen“, bringt Corina Schimitzek, Leiterin des Staatlichen Schulamts Nürtingen, das Problem Elterntaxi auf den Punkt. Was Friedemann Warth, Rektor der Grundschule Baltmannsweiler-Hohengehren, aus der Praxis berichtet, kann exemplarisch auch für andere Schulen gelten: „Das Aufkommen an Pkw morgens und am Mittag vor unseren beiden Schulen ist definitiv zu hoch. Aus- und einkommende Autos behindern sich gegenseitig. Fußgänger müssen warten oder, um den Pkw Platz zu machen, Privatgrund betreten.“ Die Schulwege im Einzugsbereich der beiden Schulen schätzt Warth als „in großem Maß verkehrssicher“ ein. Die größte Gefahr sieht er tatsächlich „im Nahbereich beider Schulstandorte, die als verkehrsberuhigt ausgewiesen sind, jedoch durch Elterntaxis unsicherer werden“. Dabei seien es tatsächlich „nur einzelne Eltern, die uneinsichtig sind und ihre Kinder selbst bei unseren Schulwegaktionen unter dem Motto ,Mama. Papa, lasst das Auto stehn, ich kann selbst zur Schule gehn’ zur Schule fahren.“
Carolin Saar, die geschäftsführende Schulleiterin der Esslinger Grundschulen, bestätigt: „An allen Esslinger Schulen werden Kinder von Eltern mit dem Auto zur Schule gebracht. Je nach Lage der Grundschule kommt es dann zu Verkehrsproblemen durch Missachtung der Verkehrsregeln.“ Auch Simone Hummel vom Nürtinger Gesamtelternbeirat weiß von Ärger mit Elterntaxis samt der Erfahrung: „Gezielte Aktionen von Polizei und Ordnungsamt, bei denen besonders rücksichtslose Eltern auf ihr Fehlverhalten hingewiesen werden, verpuffen leider meist nach wenigen Tagen.“ Hingegen vermeldet Nicolai Boldt, in der Stadtverwaltung Ostfildern zuständig für die Schulen, in dieser Sache nur „kleinere Probleme“.
Boldt betont ebenso wie Martin Raff vom zuständigen Polizeirevier Reutlingen, dass der Straßenverkehr das größte Risiko auf dem Schulweg darstellt. Zwar sind die Zahlen der Schulwegunfälle gesunken, sagt Raff. Dennoch wurde im vergangenen Jahr im Kreis Esslingen ein Schüler schwer und zwölf leicht verletzt. Dagegen ist die Gefahr für Kinder, auf dem Schulweg Opfer von Kriminalität zu werden, laut dem Polizeisprecher gering – trotz eines gewissen Dunkelfelds. Polizeilich registriert wurden 2024 im Kreis Esslingen eine Bedrohung und sieben Körperverletzungen, darunter eine fahrlässige. Neun Kinder wurden Opfer dieser Straftaten, sieben wurden leicht verletzt.
Allerdings gehen die Schrecken des Schulwegs keineswegs nur von den bösen Männern der elterlichen Horrorfantasien aus. Eine Umfrage des Nürtinger Elternbeirats ergab, dass „Gewalt zwischen Schülern häufig auf dem Schulweg stattfindet“. Und Schulamtsleiterin Schimitzek weiß, dass Mobbing ein übler Begleiter auf dem Weg zur und von der Schule sein kann.
Hinter Mamas und Papas Transportaktionen stecken jedoch nach Einschätzung von Norman Tietz vom Nürtinger Elternbeirat vor allem „pragmatische Gründe“: Zeitdruck berufstätiger Eltern – und bisweilen schlicht das Wetter. Carolin Saar wiederum weiß von ängstlichen Eltern, die ihre Kinder zur Schule fahren. Man nehme ihre Sorgen wahr und handle präventiv: Den Kindern werde das richtige Verhalten im Straßenverkehr ebenso beigebracht wie im Fall, wenn sie von Unbekannten angesprochen werden.
„Schritt in die Selbstständigkeit“
Generell, so Saar, seien alle Esslinger Grundschulen fußläufig für die Kinder gut zu erreichen. Was laut Schimitzek für den ganzen Landkreis gilt, da in ländlichen Gegenden auch kleinere Grundschule erhalten werden. Die Schulamtsleiterin führt zudem ein pädagogisches Argument an: „Der allein oder in der Gruppe zurückgelegte Schulweg ist ein Schritt in die Selbstständigkeit. Diese Erfahrung sollte man seinen Kinder nicht vorenthalten.“
Sicherer Schulweg
Sichtbarkeit
Wichtig für einen sicheren Schulweg ist die Sichtbarkeit der Kinder. Besonders gefährlich, so die Polizei, ist das Überqueren der
Erkundung
Den Eltern rät die Polizei, das Überqueren der Fahrbahn mit den Kindern zu üben und den sichersten Schulweg mit den wenigsten Querungen stark befahrener Straßen zu erkunden – auch wenn er nicht der kürzeste ist.
Kleidung
Vor allem für die dunkle Jahreszeit empfiehlt die Polizei auf dem Schulweg helle, auffällige, reflektierende Kleidung sowie Reflektoren am Schulranzen, damit die Kinder besser gesehen werden.