Kommentar zu Verzicht auf Außenminister-Amt Die lange Leitung des Herrn Schulz

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Der scheidende SPD-Vorsitzende Martin Schulz will doch kein Ministeramt. Er kapituliert vor dem Unmut über seine Postenversessenheit. Doch die Einsicht kommt zu spät. Der Schaden ist immens, meint unser Autor Armin Käfer.

Späte Einsicht: Martin Schulz tritt von der SPD-Bühne ab. Foto: dpa
Späte Einsicht: Martin Schulz tritt von der SPD-Bühne ab. Foto: dpa

Stuttgart - Martin Schulz verzichtet also auf einen Versorgungsposten. Er will doch nicht Außenminister werden. Das ist ihm allerdings 48 Stunden zu spät eingefallen. So lange hat er gebraucht, um zu begreifen, wie unsäglich, wie vermessen und parteischädlich sein Anspruch auf einen Platz am Kabinettstisch war. Er hätte damit nicht nur sein eigenes Wort gebrochen, das Versprechen vom Tag nach der Wahl, nie Minister unter Merkel werden zu wollen. Schulzens fatale Karriereplanung war auch eine Hypothek für den anstehenden Mitgliederentscheid der SPD über den Groko-Vertrag. Seine Postenversessenheit war ein veritabler Stolperstein auf dem Weg zu einer neuen Regierung. Wenigstens der ist jetzt beiseitegeräumt.

Hier zerlegt sich eine Partei auf offener Bühne

Falls es noch eines Beweises bedurft hätte, dass Martin Schulz von der Bundespolitik und von seinem Job an der Spitze der SPD überfordert ist, dann war es dieses groteske Politschauspiel, das die Republik seit Mittwoch erleben musste. Den ohnehin gebeutelten Sozialdemokraten hat er damit völlig unnötigerweise einen weiteren Tort angetan. Hier zerlegt sich eine Partei auf offener Bühne.

Späte Einsicht ist allemal besser als keine – im Falle Schulz kommt sie allerdings zu spät, um einen Rest an politischem Respekt zu wahren. Der vermeintliche Heilsbringer und gewesene „Gottkanzler“ hat sich binnen weniger Monate selbst demontiert. Das begann mit seinen fatalen Fehlern im Wahlkampf, der völlig unpolitischen Hysterie, mit der er die SPD am Wahlabend auf eine Oppositionsrolle festlegen wollte. Das Drama gipfelte in regelrechter Realitätsblindheit, worauf sein postenversessenes Anspruchsdenken schließen lässt. Lernt man das in Brüssel? Schulzens Karriere als Hoffnungsträger der Sozialdemokratie endet als Abziehbild für das Poesiealbum der Politikverdrossenen. Das hat er sich selbst zuzuschreiben. Die Reaktionen, vor denen er jetzt kapituliert, waren seit Wochen absehbar.

Der renovierungsbedarf in der SPD übersteigt schlimmste Erwartungen

Für die SPD ist der Schaden immens. Nach dem schmachvollen Rückzug mögen sich die internen Debatten irgendwann beruhigen. Der Möchtegern-Minister Schulz provoziert Groko-skeptische Genossen nicht länger. Seine Partei hat er mit dieser stümperhaften Inszenierung unmöglich gemacht. Das gilt übrigens auch für den gewesenen Schulz-Freund Sigmar Gabriel, der ihn als Kanzlerkandidaten ja erst erfunden hat, um später im Wahlkampf ständig dazwischenzufunken. Die geradezu infantile Trotzigkeit, mit der Gabriel prompt Termine als geschäftsführender Außenminister absagte und damit seine Amtspflichten vernachlässigte, als er seinen Posten zu verlieren drohte, weckt Zweifel an der Regierungstauglichkeit solcher Leute.

Wie weit ist es mit dieser Partei gekommen, der die Demokratie in Deutschland mehr zu verdanken hat als allen anderen? Wie können Politiker, die sie zu führen beanspruchen, völlig vergessen, dass ihnen Ämter stets nur auf Zeit übertragen werden und eine Republik kein Selbstbedienungsladen ist? Der Renovierungsbedarf in der SPD übersteigt schlimmste Erwartungen.




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