Eva Umlauf überlebte als Zweijährige Auschwitz. Heute spricht sie mit Schülern über die Gefahr einer Wiederholung der Geschichte – und sendet eine klare Botschaft.

Ludwigsburg : Anna-Sophie Kächele (ask)

Eva Umlauf ist eine zarte, kleine Frau, der es gelingt, einen rappelvollen Konferenzraum eineinhalb Stunden lang in stiller Aufmerksamkeit zu halten. Die 82-Jährige ist eine der jüngsten Holocaust-Überlebenden, Präsidentin des internationalen Auschwitz-Komitees und hat es sich zu ihrer Lebensaufgabe gemacht, deutschlandweit mit Schülern über den „traumatisierenden Bestandteil ihrer Biografie“ zu sprechen.

 

Im Beruflichen Schulzentrum Bietigheim-Bissingen hat sie am Dienstag von ihrer „Gefühlserbschaft“ berichtet. Davon, warum sie ihre tätowierte Häftlingsnummer nicht entfernen lässt und wie realistisch es ist, dass sich die Geschichte wiederholt.

Bis 1945 im Konzentrationslager

Eva Umlauf ist 1942 in einem Zwangsarbeitslager für jüdische Häftlinge im slowakischen Nováky geboren. In der Nacht vom zweiten auf den dritten November 1944 wurde sie mit ihrer Mutter in das Konzentrationslager Auschwitz transportiert. Dass sie nicht direkt vergast wurden, wie Häftlinge noch wenige Tage zuvor, lag nur an einem kaputten Zug. „Glücklicher Transport“ nennt es Umlauf.

Als das Konzentrationslager schließlich am 27. Januar 1945 befreit wurde, war Eva Umlauf nicht transportfähig. Tuberkolose und Keuchhusten – „vergessen Sie das Kind, es wird kaum überleben“, zitiert Umlauf einen Kinderarzt. Ihre Mutter war zu dem Zeitpunkt hochschwanger, also blieben sie in Auschwitz, bis Eva Umlaufs Schwester Ende April geboren wurde.

Den Schülern zeigt Eva Umlauf ein Foto von sich als Kind. „Sie sehen ein glückliches Kind. Aber Sie sehen auch einen Zaun im Hintergrund – wir waren eingesperrt“, sagt sie. Foto: privat

Eva Umlaufs Geschichte macht betroffen und hallt nach. Doch statt in Stille zu verfallen, ermuntert sie die Schüler, Fragen zu stellen. Für die sei sie gekommen, keine Frage sei dumm. Ob Holocaust-Opfern eine Therapie helfen könne, wird sie von einer Schülerin aus der 13. Klasse gefragt. „Bis zu einem gewissen Grad“, sagt Eva Umlauf und zieht als ehemalige Kinderärztin und Kinderpsychotherapeutin einen Vergleich: „Das ist wie ein Abszess in der Seele“, sagt sie. „Bei einer Therapie wird der Abszess aufgemacht, man lässt den Eiter abfließen.“ Dann heile die Wunde, aber eine Narbe bleibe. „Ich muss schauen, dass meine Erbschaft nicht auf meine Söhne und Enkelinnen übergeht.“

Man könne Auschwitz nicht ungeschehen machen – „es ist ein Teil von jedem, der dort war.“ Eine verblasste Zahlenabfolge auf dem Unterarm erinnert daran: A-26959. „Die Häftlingsnummer gehört zu mir“, sagt Umlauf. Ein Zeichen der Erinnerung, ein Zeichen des Überlebens. Sie habe nie überlegt, sie entfernen zu lassen.

„Ohne die Geschichte zu kennen, gibt es keine Zukunft“

Angesprochen auf die aktuelle politische Lage wird Eva Umlauf deutlich. „Wir haben einen wahnsinnigen Rechtsruck in Europa“, sagt sie. „Wenn ihr an der Wahlurne euer Kreuz macht, überlegt euch, welche Partei ihr wählt.“ Die Demokratie sei fragil und es dürfe sich keine Diktatur wiederholen.

Ohne die Geschichte zu kennen, gebe es keine Zukunft – „und die seid ihr, nicht ich. Deshalb erzähle ich euch davon.“ Rechtspopulisten seien 80 Jahre nach Kriegsende wieder eine Gefahr für Deutschland, sagt Eva Ulauf. Auch viele junge Menschen würden die Partei AfD wählen, deshalb sei die Gefahr groß, dass sich die Geschichte wiederhole.

Eva Umlauf hatte ein interessiertes Publikum vor sich und ermutigte, alle Fragen zu stellen. Foto: essigfoto.de

Wer Schülern danach die Frage stellt, wie Eva Umlaufs Worte gewirkt haben, bekommt eine eindeutige Antwort. „Ich fand es einprägsam“, sagt Lennart aus der 12. Klasse. Er war Teil der Schülergruppe, die vor wenigen Tagen von einer Schülerfahrt nach Auschwitz zurückkam. „Nur wenige haben das Privileg, einem Menschen zuzuhören, der das erlebt hat“, sagt er. Persönlich zu hören, dass man sich gut überlegen müsse, wenn man wähle, sei etwas anderes, als davon zu lesen.

Studiendirektor Stefan Ranzinger sagte am Ende, er hoffe, dass die Schüler den Besuch in ihrem Langzeitgedächtnis abspeichern. Die Chancen dafür stehen gut. Denn wie Eva Umlauf aus der Bibel zitiert: „Wer einen Zeitzeugen hört, wird selbst zum Zeitzeugen.“