Schumm-Ausstellung in Murrhardt Das Erbe eines erfinderischen Patriarchen

Der Esbit-Brennwürfel ist Erich Schumms folgenreichste Erfindung. Foto: Gottfried Stoppel
Der Esbit-Brennwürfel ist Erich Schumms folgenreichste Erfindung. Foto: Gottfried Stoppel

Ein Seniorenheim in Murrhardt stellt die Geistesblitze von Erich Schumm aus, der viele Patente angemeldet und unter anderem den Esbit-Brennwürfel erfunden hat.

Rems-Murr: Oliver Hillinger (hll)
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Murrhardt - Dreizehn Vitrinen umfasst die Ausstellung, die im Erdgeschoss eines Seniorenheims in Murrhardt die Erfindungen Erich Schumms zusammenfasst. Wer sie betrachtet, dem wird klar – es ist kaum möglich, als Heranwachsender in den 1950er- bis 1970er-Jahren nicht mit Produkten in Berührung gekommen zu sein, welche der 1907 in Stuttgart geborene Erfinder erdacht und als Patent angemeldet hat. In dieser Zeit wurde der Kunststoff populär, die Menschen kamen zu Wohlstand und gönnten sich etwas. Viele Erfindungen haben damit zu tun – ob es nun kleine Plastikflaschen mit süßen Liebesperlen sind, Körbe für den Kühlschrank, alle Arten von Rührschüsseln, Torten- und Käsehauben, Vogelbäder und Vogelhäuschen in Blumenform. Schumm-Produkte waren in dieser Zeit allgegenwärtig.

Die Urform des Hörbuchs, „Schumms sprechende Bücher“ führte Erich Schumm in Deutschland genauso ein, wie Textilhandtücher auf einer scheinbar endlos langen Rolle, wie sie heute noch in Toiletten in öffentlichen Einrichtungen hängen.

Erich Schumm war eine Respektsperson in der Stadt

Heute sind die Ausstellungsstücke in einem Pflegeheim ausgestellt. Das liege daran, dass sich Erich Schumm auch um die Altenarbeit verdient gemacht habe, sagt Anja Akehurst, die Geschäftsführerin der Schumm Service Gesellschaft, welche die Heime managt. Schumm habe den großen Bedarf an Einrichtungen für ältere Leute in Murrhardt erkannt und bereits 1963 einen Club der Alten gegründet. Aus diesem ging zehn Jahre später die heutige Pflegeeinrichtung hervor. Zahlreiche seiner früheren Beschäftigen trifft man dort, sei es als Bewohner, sei es als Verwaltungspersonal.

Sie selbst habe den im Jahr 1979 verstorbenen Patriarchen nie kennengelernt, sagt die Geschäftsführerin. Aber man habe ihr viel von ihm berichtet, zumal Angehörige der Schumm-Familie in der Stiftung mitmischen. Der gelernte Werbezeichner zog 1943 nach Murrhardt, weil seine Firma in Stuttgart ausgebombt worden war. Schumm wurde in der Walterichstadt zu einer Respektsperson, wie sie heute kaum mehr vorstellbar ist. Filmausschnitte zeigen, wie er die Stadt geradezu durchschreitet. Frühere Beschäftigte hätten ihr berichtet, dass man sein Büro unter Verbeugungen verließ, sagt Anja Akehurst. Im Flur des Altenheims steht noch ein Ölbild, das Erich Schumms Chefbüro geschmückt haben soll. Üppig golden umrahmt erkennt man eine Steilküstenformation, dazwischen ein Mensch, klein wie eine Ameise. Die Besucher müssen sich an der Wirkungsstätte Schumms genauso klein gefühlt haben.

Mehr als 1000 Patente angemeldet

Mehr als 1000 Patente habe Erich Schumm zeit seines Lebens angemeldet, sagt Anja Akehurst. Nicht alle wurden konsequent geschützt und daher so manche Idee gestohlen und im Fernen Osten produziert. Aus den vielen Erfindungen sticht die Fliegenklatsche heraus – und das Produkt, das Erich Schumm zum Durchbruch verhalf – der Esbit. Der Brennwürfel wurde zum Campingartikel, heizte kleine Bügeleisen an und kam sogar bei der Bundeswehr zum Einsatz – ein echter ökonomischer Dauerbrenner, wenn man so will.

Texttafeln gibt es zu den Schaukästen in der Ausstellung bisher keine. Sie wünsche sich, dass ein Studierender sich daran mache, für seine Abschlussarbeit die Schumm-Erfindungen zu dokumentieren, sagt Anja Akehurst. Was ebenfalls nicht zur Sprache kommt, ist Erich Schumms Rolle in der NS-Zeit. Ein 2013 veröffentlichter Zeitungsbericht wirft Schumm vor, er habe sich an jüdischem Eigentum bereichert. Zwangsarbeiter hätten unter schlimmen Bedingungen Esbit herstellen müssen. In der Entnazifizierung sei er als „Nutznießer“ des NS-Staats eingestuft worden. Anja Akehurst bestreitet dies. Schließlich sei der Erfinder 1943 aus der NSDAP ausgeschlossen worden, weil er einen jüdischen Arbeiter zu sehr gelobt habe, sagt sie. Schumms zwiespältiger NS-Vergangenheit einen Platz in der Ausstellung einräumen, das will Anja Akehurst auch zukünftig nicht.




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