Schuss-Serie in der Region Stuttgart Anklage nach Schüssen auf Plochinger Shisha-Bar

Tatort Plochingen, 2. April: Zwei Schützen haben auf ein Lokal nahe am Bahnhof gefeuert. Foto: SDMG/SDMG / Sven Kohls

Die Staatsanwaltschaft beschuldigt zwei tatverdächtige Schützen eines Anschlags im April auf ein Shisha-Lokal in Plochingen des versuchten Mordes. Das ist allerdings nicht die einzige Anklageschrift.

Lokales: Wolf-Dieter Obst (wdo)

Die Schüsse hatten offenbar nicht ihm gegolten. Und doch wurde er getroffen. Der 34-jährige Wirt der Shisha-Bar Medellin im Zentrum von Plochingen (Kreis Esslingen) erlitt Streifschüsse am Rücken, als am 2. April um 5.20 Uhr aus einem Kleinwagen heraus auf das Lokal gefeuert wurde. Gegen die beiden mutmaßlichen Schützen hat die Staatsanwaltschaft nun Anklage beim Stuttgarter Landgericht erhoben – wegen versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung. Dies gab die Behörde am Freitag bekannt.

 

Das bewaffnete Attentat gehört zu der Serie von Schießereien unter rivalisierenden multiethnischen Gruppierungen aus dem Raum Stuttgart-Zuffenhausen und Esslingen-Plochingen seit Sommer 2022. So dürfte es wohl auch erklärbar sein, dass der Wirt damals gegenüber unserer Zeitung tapfer bestritt, dass er überhaupt verletzt worden sei. Das alles habe nichts mit ihm zu tun gehabt. Inzwischen steht für die Ermittler fest: „In dem Lokal haben sich drei Personen aufgehalten, die uns namentlich bekannt sind“, sagt Staatsanwaltssprecher Aniello Ambrosio. Ihnen galten die Schüsse. Das Lokal sei mutmaßlich von Mitgliedern der Esslinger Gruppe besucht worden und deshalb ins Visier geraten.

Ein dritter Mann ist inzwischen wieder frei

Die beiden nun angeklagten Beschuldigten gehören offenbar der verfeindeten Gruppierung aus Stuttgart-Zuffenhausen an, die am frühen Morgen nach Plochingen gefahren waren. Dabei handelt es sich um einen 23-jährigen Griechen und einen 22-Jährigen türkischer Staatszugehörigkeit. „Die Klärung der Hintergründe bleibt der Hauptverhandlung vorbehalten“, sagt Ambrosio. Nicht mehr dringend tatverdächtig ist dagegen ein weiterer 22-Jähriger, der im August als vermeintlicher dritter Mann verhaftet worden war. „Er wurde zwischenzeitlich aus der Haft entlassen“, so der Staatsanwaltssprecher auf Nachfrage.

Dabei sind die Verflechtungen der etwa 300 Mitglieder der multiethnischen Cliquen nur schwer zuzuordnen. Selbst die Wohnorte reichen nicht aus, um die sogenannten Peer Groups von einander zu unterscheiden. Und es geht auch nicht nur um Gewalt und Schüsse. Sondern auch um gewerbsmäßigen Betrug.

Auch Trickbetrug gehört zum Geschäftsgebaren

Dies zeigt das Beispiel eines 20-Jährigen und eines 18-Jährigen, die von den Ermittlern des Landeskriminalamts zu der Gruppe der Achse Ludwigsburg-Esslingen-Plochingen zugerechnet werden. Diese sollen laut Staatsanwaltschaft auch ältere Menschen ins Visier genommen haben, um diese mit der Trickbetrugsmasche „Falscher Polizist“ abzuzocken. Bekanntlich gibt es Anrufer aus türkischen Call-Centern, die Senioren vortäuschen, sie stünden im Visier von Einbrechern und müssten daher ihre Ersparnisse und Wertgegenstände einem Polizeibeamten übergeben. Die beiden jungen türkeistämmigen Tatverdächtigen sollen mit zwei weiteren 19 und 20 Jahren alten Kumpanen zu den Organisatoren der Abholer der Beute gehört haben.

Konkret geht es um eine 84-jährige Frau aus Dornbirn im österreichischen Vorarlberg, die am 24. Mai dieses Jahres von Betrügern angerufen und über zwei Tage bedrängt worden war. Schließlich hatte sie knapp 30 000 Euro an vermeintliche Polizisten übergeben. Dabei soll es sich um den 18-Jährigen gehandelt haben. Die Beute soll untereinander aufgeteilt worden sein. Gegen das Quartett, das im Raum Ludwigsburg zu Hause ist, wurde nunmehr Anklage wegen gemeinschaftlichen gewerbsmäßigen Bandenbetrugs erhoben.

Eine Querverbindung zum Attentat in Altbach

Der 20-Jährige aus dem Quartett saß bei der Aufklärung des Betrugsfalls längst schon in Haft. Er soll zu denjenigen gehören, die am 9. Juni beim Handgranatenanschlag bei einer Trauerfeier im Friedhof Altbach (Kreis Esslingen) den Angreifer beinahe zu Tode geprügelt hatten. „Dieses Verfahren gegen den 20-Jährigen wird aber gesondert geführt“, stellt der Staatsanwaltssprecher Aniello Ambrosio auf Nachfrage fest. Hier dauerten die Ermittlungen noch an.

Ein 23-Jähriger iranischer Herkunft hatte auf eine Trauergemeinde eine Handgranate geworfen und zehn Personen verletzt. Angehörige der verfeindeten Gruppierung, die zur Beisetzung eines 20-Jährigen gekommen waren, rächten sich sofort und verletzten den Angreifer mit Schlägen und Tritten – ehe die Polizei noch Schlimmeres verhindern konnte.

Weitere Themen