Schusters Abschied Wie eine Muschel, die sich verschließt

Leben: Erik Raidt (era)
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Wer Wolfgang Schuster auf offiziellen Anlässen in der Stadt begegnet, erlebt einen Mann, der sich im Griff hat, der sich fast die ganze Zeit vollständig zu kontrollieren scheint. Keine Schwäche zeigen, keine Angriffsfläche bieten. Doch aus heiterem Himmel heraus kann er sich öffnen, die Augen blitzen, er lächelt, als ob ihm ein gewaltiger Schalk im Nacken säße, den er sonst sorgsam vor den Augen der Öffentlichkeit wegsperrt. Dann folgt ein launiger Spruch, bevor er sich meist wie eine Muschel wieder verschließt.

Wolfgang Schuster, Jahrgang 1949, gehört zur ersten Nachkriegsgeneration. Sein Vater war sechs Jahre im Krieg „und ist mit Glück aus Stalingrad rausgekommen. Die Härte des Kriegs und die hierarchische Struktur beim Militär haben ihn geprägt“. Zu Hause herrschten klare Spielregeln. „Ich bin konservativ erzogen worden und streng.“ Schon der Vater war Rechtsanwalt, und Wolfgang Schuster folgte seinen Spuren beim Jurastudium in Tübingen und Freiburg. Nach der Promotion besuchte er in Paris die Eliteschule Ecole Nationale d’ Administration (Ena). Die Ena ist eine Kaderschmiede, sie wirft Führungskräfte auf den Markt, die Ansprüche sind hoch. Und die Erwartungen, die der junge Wolfgang Schuster an sich stellte, waren es auch. Er sagte sich: „Du bist so gescheit wie die anderen, wenn du zwei Stunden am Tag mehr lernst, bis du schneller fertig.“

Sperrig die Hand gegeben

Diese Strenge gegen sich selbst bildete für ihn ein Korsett, in dem sich Wolfgang Schuster nicht immer frei und ungezwungen bewegen konnte. In Wahlkampfzeiten war diese Schwäche nicht mehr zu übersehen. „Es war schwer, ihn an die Bürger zu vermitteln“, erinnert sich ein Parteifreund, der 2004 bei der Wiederwahl von Schuster dabei war. „Er hat den Leuten schon so furchtbar sperrig die Hand gegeben, es fiel ihm nicht leicht, an den Ständen ganz normale Gespräche zu führen.“ Der Wahlkampf sei für Schuster nicht mehr als eine Pflichterfüllung gewesen.

Ihm fehlt alles Volkstümliche. Zu Beginn seiner Amtszeit ging Wolfgang Schuster regelmäßig während der Faschingsferien in den Urlaub, bis es den Narren in der Stadt sauer aufstieß. Beim Fassanstich auf dem Volksfest kalauerte sich Wolfgang Schuster oft so mühsam durch seine Redebeiträge, dass fast jeder im Saalpublikum spürte, wie viel Arbeit diese Auftritte für den Oberbürgermeister bedeuteten. Wo es menschelte und derb wurde, wirkte der Intellektuelle aus dem Rathaus oft wie ein Fremdkörper. Wolfgang Schuster ist kein Volkstribun vom Format eines Christian Ude.

Der Schatten des Manfred Rommel

Oder ein Menschenfischer wie Manfred Rommel. Je länger dessen Amtszeit zurücklag, desto mehr verklärte sich in Stuttgart der Blick auf den zweiten Oberbürgermeister der Nachkriegsgeschichte. Und je schärfer der Konflikt um Stuttgart 21 wurde, desto mehr sehnten sich die Menschen nach einem großen Versöhner an der Spitze der Stadt. Einem, der mit offenen Armen seine Gegner so lange umschließt, bis die Wut aus der Auseinandersetzung weicht. Rommel hat in solchen Momenten seine stärkste Waffe eingesetzt: seinen Humor. Wie viel kluger Witz bewirkt, hat sich bei den von Heiner Geißler geleiteten Schlichtungsgesprächen gezeigt.

Wolfgang Schuster kann aus seiner Haut, er hat es nur selten während seiner Amtszeit gezeigt. Begleiter haben ihn vor allem auf vielen Auslandsreisen während seiner Amtszeit so locker erlebt, wie er in Stuttgart selten ist. Als in Mumbai vor einigen Jahren Trommler und Hornbläser die Stuttgarter Delegation auf der Straße empfingen, konnte sich jeder davon überzeugen, dass Wolfgang Schuster nicht der steife Politiker ist, für den ihn manche halten. Auf den Straßen der indischen Megacity tanzte er gemeinsam mit einheimischen Tänzerinnen. Ähnlich entrückt war der OB auch während des Sommermärchens während der WM 2006, als er beim Besuch der holländischen Nationalmannschaft mit „Frau Antje“ auf der Bühne des Schlossplatzes tanzte.

Künftig wird Wolfgang Schuster öfter Privatmann sein und nicht mehr öffentliche Person. Seine Frau Stephanie hat im Laufe der Jahre kaum ein anderes Urteil über ihren Mann mehr aufgeregt, als jenes, er sei ein Langweiler. Sie könne dies schließlich am Besten beurteilen – es sei grundfalsch.




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