Schutz für Bäume Im Wald verrottet zu viel Plastik
Das Landratsamt Ludwigsburg will verhindern, dass Mikroplastik aus alten Baumwuchshüllen in die Nahrungskette gelangt. Doch das ist gar nicht so einfach.
Das Landratsamt Ludwigsburg will verhindern, dass Mikroplastik aus alten Baumwuchshüllen in die Nahrungskette gelangt. Doch das ist gar nicht so einfach.
Kreis Ludwigsburg - In den Weltmeeren treiben riesige Mengen von Plastik – sie stellen für Mensch und Natur gleichermaßen ein Gesundheitsrisiko dar. Kleinste Partikel der Kunststoffe gelangen über die Nahrungskette in die Organe. Ein gerne verdrängtes Thema, das Behörden und Umweltorganisationen nun aber immer stärker in den Fokus rücken. Neuerdings widmet sich auch die Forstverwaltung des Landkreises Ludwigsburg dieser Problematik, denn auch im Wald – der mit 11,4 Millionen Hektar immerhin ein Drittel der Gesamtfläche Deutschlands ausmacht – gibt es eindeutig feststellbare Mengen von Mikroplastik.
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Aufklärung betreibt derzeit Michael Nill, der Leiter des Fachbereichs Forsten im Landratsamt Ludwigsburg. Er tourt in diesen Wochen durch die Gemeinderäte und erwähnt in jedem seiner Kurzvorträge das Plastik im Wald. „Es gibt Quellen, die lassen sich nicht ganz vermeiden, wie etwa der Reifenabrieb des Försterautos“, erklärte Nill kürzlich den Gemeinderäten in Murr, bevor er ihren Blick auf die grünen Wuchshüllen aus Polypropylen und anderen erdölbasierten Kunststoffen lenkte.
Was auf den ersten Blick eher wie ein Orchideenthema klingt, beschäftigt die Experten der Forstwissenschaft und Umweltverbände mittlerweile intensiv – wobei die Forschung noch in den Kinderschuhen steckt. „Wir wissen nicht, welche Auswirkungen Mikroplastik in Waldböden hat“, sagte Sebastian Hein, Professor an der Hochschule für Forstwirtschaft Rottenburg, jüngst dem Bayerischen Rundfunk.
Der Ludwigsburger Kreisforst-Chef Michael Nill besuchte Fortbildungen, weil das Vermeiden von Plastik nachhaltig und für ein Zertifikat des Wald-Tüvs PEFC nötig ist. Selbst Reste von Borkenkäferfallen oder Absperrbändern, wie sie beim Fällen von Bäumen verwendet werden, gelten neben dem Verbissschutz als Schadstoffquellen. Bei seinen Vorträgen in den Gemeinderäten kündigte Nill jedenfalls an, sich vom Jahr 2022 an von den seit den 1990er Jahren eingesetzten grünen Plastikwuchshüllen zu verabschieden und keine mehr zu bestellen.
Wie viele solcher Hüllen im Landkreis Ludwigsburg stehen, sei eine wichtige Frage, lasse sich aber derzeit noch nicht beziffern, teilt die Forstverwaltung des Landratsamtes auf Anfrage mit. Das Fachportal www.waldwissen.net schätzt den Bestand in Baden-Württemberg aus den vergangenen 20 Jahren auf rund 4,5 Millionen Exemplare bei einer jährlichen Neuausbringung von rund 400 000 Hüllen und einer mäßigen Rückbauquote von 20 bis 49 Prozent. Viele dieser Wuchshilfen würden nicht eingesammelt oder durch Wind, Wetter und Wild so beschädigt, dass sie zum Beispiel abbrechen und das Mikroplastik so in den Boden gelangt. Studien für Baden-Württemberg über die Höhe der Belastungen gibt es laut Landratsamt Ludwigsburg noch nicht. Eine Studie der österreichischen Bundesforste belegt aber anhand von Bodenproben die Baumschutzhüllen als Hauptquelle.
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Verwendet werden die Wuchshüllen bisher, weil sie eine Reihe von Vorteilen auf sich vereinigen. So schützen sie unter anderem vor allzu hohem Schneedruck und sorgen für schnelleres Wachstum. Im Zentrum steht jedoch vor allem der Schutz vor Mäusen und vor Rehen. „Je höher der Verbissdruck insbesondere durch Rehe ist, desto dringlicher ist eine wirksame Schutzvorrichtung“, sagt Michael Nill. Meistens würden plastikfreie Kulturzäune verwendet, doch in manchen Fällen sei es besser, die Bäume einzeln gegen das Fegen der Rehböcke zu schützen. So eine Hülle halte in der Regel fünf bis zehn Jahre lang.
Die Bedeutung biologisch abbaubarer Alternativen wie etwa Jute, Papier und Holz im Angebot der insgesamt mehr als 160 erhältlichen Wuchshüllen in Europa werden im Projekt „The forest cleanup“ an der Hochschule für Forstwirtschaft in Rottenburg untersucht, das vom Land gefördert wird.
Der Landkreis Ludwigsburg teste bereits Prototypen, die zu 100 Prozent aus nachwachsenden Rohstoffen bestehen, berichtet Michael Nill. Diese Produkte seien zurzeit noch deutlich teurer. Die Preise würden sich aber wohl im Laufe der Zeit angleichen, wenn die neuen Wuchshilfen sich etablierten – auch dadurch, dass bei öffentlichen Ausschreibungen nachhaltige Produkte gefordert würden. „Es ist aber nicht vorgesehen, bestehende funktionierende Hüllen abzubauen“, sagt Förster Nill angesichts der relativ hohen Abbaukosten.
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Der Minister für den Ländlichen Raum, Peter Hauk, begrüßt es, dass der Forst in Baden-Württemberg im Staatswald künftig keine Wuchshüllen aus Plastik mehr einsetzen wird. Er will Alternativen fördern und künftig auch im Privatwald finanzielle Anreize für einen Umstieg setzen. Eine Ausnahme bilden jedoch noch größere Schadflächen durch Sturm, Dürre und Insekten. Dort werden die Hüllen gebraucht, um mit dem Treibhauseffekt in ihrem Inneren den Anwuchserfolg zu erhöhen.
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