Zwei, die sich kennen und schätzen: Arezzo Shoaleh (links) freut sich auf die Zusammenarbeit mit Judith Raupp. Foto: Werner Kuhnle
Judith Raupp hört als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Ludwigsburg auf und wird beim Verein Frauen für Frauen Geschäftsführerin für Finanzen und Verwaltung. Wichtigstes Ziel: ein zweites Frauenhaus.
Was für eine Erleichterung für Arezzo Shoaleh und ihr Team. Eineinhalb Jahre lang war die Stelle der Geschäftsführerin für Finanzen und Verwaltung beim Verein Frauen für Frauen verwaist. Eineinhalb Jahre lang musste das Team versuchen, die Lücke irgendwie zu schließen – durch noch mehr Einsatz und noch mehr Arbeit. Das geht an die Substanz.
Umso größer ist die Vorfreude auf den 1. November. Denn mit diesem Tag wird besagte Lücke wieder geschlossen – und nicht nur das: Sie wird geschlossen mit einer Frau, die den Verein seit Langem begleitet, und deren Mutter zu den Gründungsmitgliedern gehört hat: Judith Raupp hängt ihren Job bei der Stadt Ludwigsburg an den Nagel. 15 Jahre lang war sie Teil der Stadtverwaltung: zehn Jahre lang in verschiedenen Funktionen im Fachbereich Organisation und Personal, fünf Jahre lang als Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Ludwigsburg.
100 Prozent Voraussetzung
„Ich habe meinen Job gern gemacht“, sagt die 56-Jährige. Und jeder, der mit ihr in dieser Funktion zu tun hat und hatte, weiß, mit wie viel Engagement sie ihre Aufgabe ausgefüllt hat. Doch dann kam die Anfrage des Vereins, dem sie sich seit Langem verbunden fühlt, und Judith Raupp begann zu überlegen, lange zu überlegen. Der Grund: Bisher war die Stelle der Geschäftsführerin beim Verein eine 60-Prozent-Stelle. Für Judith Raupp war für einen Wechsel jedoch Voraussetzung, dass es eine 100-Prozent-Stelle wird. „Ich habe mich nicht nur gefragt, was für mich gut ist, sondern auch, was für den Verein passt. Und was sich der Verein leisten kann“, erzählt die Ludwigsburgerin.
Die Geschäftsführung ist ab November wieder komplett. Foto: Avanti//Ralf Poller
Doch der Verein leistet sich die erfahrene Mitstreiterin für Frauenrechte. Ganz bewusst. „Die Geschäftsstelle ist das Fundament unseres Vereins. Wir sind sehr glücklich, dass wir die Stelle besetzt haben und vor allem so besetzt haben“, sagt Arezzo Shoaleh. Judith Raupps Netzwerk sei Gold wert. „Wir als Sozialarbeiterinnen sind ja eher die Macherinnen. Sie wird künftig ein organisatorisches Auge auf alles werfen“, beschreibt Shoaleh die Aufgabenbeschreibung der neuen Kollegin.
Raupp selbst nennt als ein Ziel ihres Tuns das Entlasten der pädagogischen Mitarbeiterinnen vom „Verwaltungskram“. Dem Verein Frauen für Frauen gehe es wie vielen anderen Vereinen, weiß Judith Raupp. „Ich sehe es als meine Aufgabe an, Stabilität in die Struktur zu bringen und Fördermöglichkeiten auszuloten.“
Und natürlich wird die künftige Geschäftsführerin für Finanzen und Verwaltung alles daransetzen, dass es endlich ein zweites Frauenhaus gibt, versichert sie. „Das Positive ist, dass der Bedarf nach meiner Wahrnehmung nicht mehr infrage gestellt wird“, sagt Raupp. Schwierig sei und bleibe jedoch die Frage der Finanzierung. „Es gibt keine gesetzliche Verankerung. Jede Kommune handelt das quasi selbst aus.“
In der Standortfrage selbst gibt sich Judith Raupp zurückhaltend. Das ehemalige Kurhotel in Hoheneck, der Favorit des Vereins, sei sicher die schnellste Lösung. „Und auch ich habe die Hoffnung, dass es noch klappt, aber mehr kann ich im Moment nicht sagen. Dafür bin ich noch nicht tief genug in der Thematik“, übt sie sich in Zurückhaltung.
Im Moment erstellt der Verein für das Wunschobjekt gerade ein Portfolio, stellt den Ist-Zustand dar ebenso wie den Bedarf und beschreibt die Zielsetzung. Damit soll dann leichter argumentiert werden können. Unterstützung bekommen die Frauen von dem Ludwigsburger CDU-Stadtrat Claus Dieter Meyer und seiner Frau sowie dem ehemaligen Baubürgermeister und CDU-Politiker Hans Schmid. Das Objekt in der Marbacher Straße, das von der Wohnbau noch immer freigehalten wird, habe noch immer höchste Priorität, betont Shoaleh.
Suche dauert an
Im März hatte der Landkreis die Kreissparkasse für die Suche nach Alternativen mit an Bord genommen. Mit Unterstützung der KSK wolle man den Immobilienmarkt nochmals ausloten, hatte Landrat Dietmar Allgaier erklärt. Doch das Ergebnis der Suche fällt bislang eher in die Kategorie ernüchternd. Man prüfe und bewerte derzeit mit dem Verein unterschiedliche, konkrete Optionen, heißt es aus dem Ludwigsburger Kreishaus. Neu im Fokus seien quartiersnahe Konzepte, die auch eine nachbarschaftliche Vernetzung für ein offenes Konzept ermöglichen.
In Kornwestheim könnte ein solches Konzept umgesetzt werden. Was den Standort und die Kooperationspartner angeht, wurde jedoch Stillschweigen vereinbart. Im Moment sei es noch zu früh, etwas darüber zu sagen, erklärt der Erste Bürgermeister Daniel Güthler.
Darüber hinaus hat die Stadt Sachsenheim dem Verein ein 1200 Quadratmeter großes Grundstück angeboten, auf dem ein Frauenhaus gebaut werden könnte. „Von der Lage und Infrastruktur her wäre es perfekt“, sagt Shoaleh. „Aber es bedeutet für unsere Mitarbeiter eine einfache Fahrzeit von 45 Minuten. Wie sollen wir das stemmen?“ Dennoch sei sie sehr dankbar für die Unterstützung, vor allem durch Stadtchef Holger Albrich, der sich sehr engagiere.
Gewalt gegen Frauen
Wer ist betroffen? Jede dritte Frau in Deutschland ist von sexueller und/oder körperlicher Gewalt betroffen.
Wie viele Plätze gibt es? In Ludwigsburg kann der Verein 19 Plätze anbieten.
Wo gibt es Hilfe? Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ ist bundesweit unter der Nummer 116 016 erreichbar – 365 Tage im Jahr, rund um die Uhr. Es wird anonym und kostenfrei beraten.
Wunschobjekt Kurhotel
Kurhotel Die Zahlen liegen auf dem Tisch: Der Umbau des dreistöckigen, aktuell leer stehenden Gebäudes in Hoheneck würde rund 3,8 Millionen Euro kosten. Zwei Millionen Euro soll der Kreis in seinen Haushalt einstellen, so zumindest die Signale aus den Fraktionen von SPD, Linker und FDP im Sommer. Auch von den Christdemokraten gab es positive Signale. Lediglich bei den Freien Wählern muss wohl noch Überzeugungsarbeit geleistet werden.