Steigende Durchschnittstemperatur, tendenziell mehr Dürrephasen in der Vegetationszeit und damit einhergehend ein zunehmender Druck durch Krankheiten und Schädlingsbefall – die Auswirkungen des Klimawandels machen den heimischen Streuobstwiesen zunehmend zu schaffen.
Die Erhaltung dieser die Region prägenden Kulturlandschaft liegt jedoch vielen am Herzen. So fanden bei einem Vortrag zum Thema resiliente Streuobstwiesen, den die städtische Stabstelle für Klima- und Umweltschutz und der Herrenberger VHS gemeinsam veranstalteten, nicht alle Interessierten einen Platz im 54 Sitzgelegenheiten zählenden VHS-Kino.
Nur das Wattenmeer ist noch wertvoller
Als „wahren Hotspot der Biodiversität“ bezeichnet der Referent Kevin Fleckenstein die Streuobstwiesen. Laut Studien würden dort mehr als 5000 Tier- und Pflanzenarten vorkommen, berichtet der Geograf. Das Wattenmeer sei das einzige Ökosystem Deutschlands, bei dem diese Zahl noch höher sei.
Bei seinem Promotionsprojekt an der Universität Hohenheim hat Kevin Fleckenstein zum Zustand der Streuobstwiesen in Baden-Württemberg geforscht. 6500 Hochstamm-Bäume hat das Team dafür in sieben Landkreisen – in der Region Karlsruhe, auf der Schwäbischen Albs sowie am Bodensee – kartiert.
Sonnenschutz vor Rindenbrand
Neben Standortdaten zur Topografie, zur Bodenbeschaffenheit und zum Klima sind dabei auch Parameter erfasst, die Zustand, Vitalität und eventuell gesichtete Krankheiten, insbesondere den Schwarzen Rindenbrand beschreiben. Auch der Befall von Misteln als parasitärem Schädling wurde dokumentiert.
Lediglich bei Apfelbäumen hätten sie bei ihrer Untersuchung Misteln entdeckt, berichtete Fleckenstein, der zur konsequenten Entfernung der Baumparasiten rät. Während diese tendenziell eher dort verbreitet seien, wo es wärmer ist, trete der Schwarze Rindenbrand verstärkt an Süd- und Westhängen auf. Da die Forscher einen Zusammenhang mit der intensiven Sonneneinstrahlung vermuten, empfehlen sie, die Stämme mit Kalk zu weißeln, „wie mit einer Sonnencreme“, so Fleckenstein.
Walnussbäume vertragen Trockenheit besser
Aus diesem Datensatz lasse sich zudem ableiten, dass pflegeintensive Obstsorten wie Äpfel und Kirschen in puncto Vitalität vergleichsweise schlechter dastünden. Bei diesen fallen noch knapp die Hälfte in die Kategorie „vital“. Dagegen sieht es bei weniger pflegeintensiven Sorten wie den trockenheitsverträglichen Walnussbäumen besser aus. Letztere könnten auch mal zehn Jahre ohne Pflegeschnitt auskommen, so Fleckenstein.
Er sei kein Freund von konkreten Sortenempfehlungen, betont Fleckenstein – auch nach ihrem Projekt hält er die Datengrundlage dafür noch für zu vage. Auf die Berücksichtigung des Standorts und der Pflegeansprüche komme es an: „Bei fachgerechter Pflege kann jede Sorte gedeihen“ – vorausgesetzt die Jungbäume bekommen in den ersten Jahren genug Wasser.
Sobald es sieben bis zehn Tagen lang nicht ausreichend regnet, dann sollten es schon 30 Liter pro Baum sein und zwar aus seiner Sicht für die ersten acht bis zehn Jahre, gibt er den Zuhörern mit auf den Weg.
Auf den Schnitt kommt es an
Wenn die Streuobstwiesen in ihrer Struktur erhalten bleiben sollen, die langfristige Schnittpflege für Neuanpflanzungen aber nicht gesichert ist, dann hält Kevin Fleckenstein Wildobstsorten wie die Echte Mispel, Kornelkirsche, Eberesche oder den Speierling für gute Alternativen.
Elsbeeren könnten beispielsweise bis zu 300 Jahre alt werden und ihre Krone gleiche der eines großen Birnenbaums.
Entwicklung
Zahlen
Um 1940 gab es noch rund 35 Millionen Streuobstwiesenbäume in Baden-Württemberg, die Dörfer und Städte oft wie einen Gürtel umgaben. Heute liegt die Zahl bei sechs bis sieben Millionen.
Gründe
Viele Streuobstwiesen mussten Neubaugebieten weichen. Der Erwerbsobstanbau konzentrierte sich zudem auf Niederstammplantagen, auch begünstigt durch die „Emser Beschlüsse“ von 1953, nach denen „Streuanbau, Straßenobstbau und Mischkulturen“ zu verwerfen seien. Bis 1974 wurden daher Rodungsprämien für Hochstamm-Obstbäume bezahlt.