Schutzkonzepte verabschiedet Sexualisierte Gewalt – Was Esslinger Schulen dagegen tun

Die Unterschriften auf dem Bilderrahmen symbolisieren die Unterstützung für das Schutzkonzept am THG Esslingen. Foto: THG

Sexualisierte Gewalt an Schulen ist oft ein Tabu-Thema. So geht das Esslinger Theodor-Heuss-Gymnasium damit um.

Reporter: Petra Pauli (pep)

In jeder Klasse sitzen statistisch gesehen ein bis zwei Schülerinnen und Schüler, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind. Tatsächlich dürften es noch mehr sein, denn Experten zufolge ist die Dunkelziffer hoch. Das Thema Gewalt und Missbrauch haben die Schulen im Land zwar längst auf ihrer Agenda. Was aber häufig noch fehlt, ist ein systematischer Ablaufplan, um Schülerinnen und Schüler besser zu schützen und Betroffenen zu helfen. In dieser Hinsicht gehört Esslingen zu den Vorreitern. Das Theodor-Heuss-Gymnasium (THG) nimmt für sich in Anspruch, als eines der ersten Gymnasien in Baden-Württemberg ein umfassendes Konzept gegen sexualisierte Gewalt entwickelt zu haben. Aber auch das Schelztor-Gymnasium hat bereits in diesem Schuljahr ein Schutzkonzept verabschiedet.

 

Inzwischen verpflichtet das Kultusministerium alle Schulen dazu, künftig solche Schutzkonzepte vorzulegen. Am THG hatte man sich lange vor diesem Erlass dafür entschieden. Zusammen mit der Esslinger Fachberatungsstelle „Wildwasser“ erarbeiteten engagierte Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler sowie Eltern ein Konzept, das Prävention, Sensibilisierung und konkrete Schutzmaßnahmen verbindet.

Fast drei Jahre hat dieser Entwicklungsprozess in den Arbeitsgruppen gedauert. Den Anstoß dazu gab Lehrerin Sabrina Winter nach einem Vorfall an der Schule. Als die betroffene Schülerin sie damals um Hilfe bat, brachte das Sabrina Winter ins Grübeln. „Es gibt für alles einen Ablaufplan, ob für Feueralarm oder den Umgang mit Drogen. Aber nichts dazu, welche Schritte beim Verdacht von sexualisierter Gewalt zu tun sind“, erinnert sich die Pädagogin daran, wie ratlos sie im ersten Moment war.

 

Von anzüglichen Kommentaren bis Berührungen

Mit dem Schutzkonzept ist das nun anders. Es beginnt bereits mit einer Begriffserklärung. Konkret und teilweise mit Beispielen wird aufgelistet, welche Formen sexualisierter Gewalt und Grenzverletzungen es geben kann. Diese reichen von anzüglichen Kommentaren durch Mitschüler über Vorfälle außerhalb der Schule bis zu Berührungen durch Lehrkräfte. Ob jemand selbst betroffen ist, Augen- oder Ohrenzeuge wurde oder nur entfernt von einem Vorfall gehört hat – für die verschiedenen Varianten gibt es jeweils einen Interventionsplan und anhand von Schaubildern werden Wege aufgezeigt, wie sich die Beteiligten weiter verhalten können. „Es sind sehr viele konkrete Erfahrungen eingeflossen“, sagt die Zehntklässlerin Maria Schwicker, die an dem Konzept mitgearbeitet hat. Dieser Plan muss nicht Schritt für Schritt abgearbeitet werden. „Es ist eher ein Angebot als eine Anleitung“, betont Gesine Enenkel. Sexuelle Gewalt sei aber ein heikles Thema. „Da ist es gut, wenn jeder konkret weiß, was er tun kann“, sagt die Lehrerin, die am Schutzkonzept mitgearbeitet hat.

Statistisch gesehen sind in jeder Klasse ein bis zwei Kinder von sexualisierter Gewalt betroffen. Foto: picture alliance/dpa

„Sexuelle Gewalt ist ein heikles Thema“

Gedacht ist das Schutzkonzept, das jüngst am THG in einer Feierstunde vorgestellt wurde und bereits seit November 2025 auf der Schulhomepage steht, weniger als formales Papier. Es wird als Prozess verstanden, der kontinuierlich weitergeht. „Es soll nicht im Schrank verschwinden, sondern von allen gelebt werden“, sagte Barbara Franzen, Lehrerin und Mitglied der Arbeitsgruppe. Das Schutzkonzept ist nicht nur als Hilfeplan gedacht, sondern soll präventiv wirken. „Es soll allen Sicherheit geben und ist zugleich eine Verpflichtung, nicht wegzuschauen“, sagt Schulleiter Frank Arnold. Zur Prävention gehören neben einem Verhaltenskodex auch regelmäßige Veranstaltungen für die jeweiligen Klassenstufen.

Auch der Umgang mit unbegründeten Verdachtsfällen ist geregelt

Die Beteiligten am THG sind überzeugt, dass das Schutzkonzept bereits jetzt das Klima an der Schule positiv verändert hat. „Gleichzeitig darf das Schutzkonzept aber nicht zum Machtmittel werden“, betont Gesine Enenkel. Ausdrücklich thematisiert wird deshalb auch der Umgang mit Verdachtsfällen, die sich am Ende als unbegründet herausstellen.

Zu dem Schutzkonzept gehören neben vielen Tipps, etwa wie man mit Betroffenen ein Gespräch führt, auch eine Liste von weiteren Anlaufstellen. Am THG selbst gibt es zudem Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler als Ansprechpartner. Wer den direkten Kontakt scheut, kann einen Kummerkasten nutzen.

Viele dieser Kernpunkte finden sich auch in dem Schutzkonzept des Esslinger Schelztor-Gymnasiums. Dort sind die Reaktionen ebenfalls positiv. „Für die Schulgemeinschaft bedeutet das vor allem mehr Verlässlichkeit und Transparenz“, sagt Schulleiter Jörg Leihenseder, „wir stärken damit eine Kultur der Achtsamkeit und des Hinsehens.“

Schutzkonzept

Schelztor-Gymnasium
Neben dem THG hat mit dem Schelztor-Gymnasium ein weiteres Esslinger Gymnasium sein Schutzkonzept gegen sexualisierte Gewalt frühzeitig vorgelegt. Eckpfeiler sind klar geregelte Melde- und Interventionswege sowie eine altersangemessene Präventionsarbeit mit den Schülerinnen und Schülern. Unter anderem gibt es eindeutige Zuständigkeiten, Ansprechpersonen sind niedrigschwellig erreichbar und die Präventionsveranstaltungen sind fest im Jahreslauf verankert.

Erlass
In Baden-Württemberg sind alle Schulen inzwischen dazu verpflichtet, Schutzkonzepte gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen zu entwickeln. Grundlage hierfür ist ein entsprechender Erlass des Ministeriums für Kultus, Jugend und Sport, den Ministerin Theresa Schopper im März 2025 bekannt gab. Der Erlass orientiert sich an den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz (KMK) sowie an der Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“ des Bundes. Zusätzliche Unterstützung bietet eine neue Internetplattform des Ministeriums mit Materialien und Fortbildungsangeboten. Häufig werde das Problem der sexualisierten Gewalt noch bagatellisiert und tabuisiert, sagte Schopper damals. „Es kann überall vorkommen, an jeder Schule“, so die Kultusministerin.

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