Schwabengarten in Leinfelden Kommt halb Stuttgart auf die Filder?

Von Uwe Bogen 

Selten hat es viel so Publicity für den Neustart eines Biergartens gegeben wie in Leinfelden. Und erneut zeigt sich: In einem Biergarten menschelt es sehr. Bei dem miesen Osterwetter fleht unser Kolumnist Uwe Bogen: Sonne, bitte, komm’ schnell!

Die neuen Pächter vom Schwabengarten in Leinfelden. Foto: Andreas Rosar
Die neuen Pächter vom Schwabengarten in Leinfelden. Foto: Andreas Rosar

Leinfelden-Echterdingen - Der Burger ist dick und vom Koch gut gemeint. Rot quillt’s aus allen Seiten. Wenn man den Brötchendeckel hebt, stößt man zwischen Kraut auf Schweinefleisch in Barbecue-Soße, das ziemlich zerrupft ist. Das bei niedriger Temperatur langsam gegarte Fleisch ist butterweich, wie es sich für einen aus den USA stammenden Pulled-Pork-Burger gehört.

Das Pork-Brötchen ist nicht gerade ein typisches Biergarten-Essen, das neuerdings im Schwabengarten in Leinfelden neben Klassiker wie Maultaschen und Wurstsalat angeboten wird. Die Brüder Juan und David Blanco del Rio, Wirte des Delhi und Classic Rock Café in Stuttgarts Mitte, haben auf den Fildern eine seit Jahren beliebte Freiluft-Gastronomie als Pächter übernommen. Selten hat es so viel Publicity für den Saisonstart eines Biergartens gegeben. Und dies lag daran, dass Kirchenvertreter den Fassanstich an Karfreitag kritisierten, was von allen Medien aufgegriffen wurde. Selbst RTL hat ein Kamerateam nach Leinfelden geschickt.

Interne Feier mit Freunden und Kollegen

Gefeiert haben die neuen Pächter auch intern mit Freunden, Familie, Kollegen. Man sah viele bekannte Gesichter aus Stuttgart, die zum kostenlosen Essen und Trinken auf die Filder durften. Die Autos standen kreuz und quer im Wohngebiet und auf der Wiese. Anwohner dachten, wie wird das künftig, wenn halb Stuttgart in den Schwabengarten kommt?

Doch künftig muss jeder selbst zahlen. Da regelt sich manches von allein. Eine Frage hörten die Gastro-Brüder an diesem Abend oft: Habt ihr euch den PR-Trick für Karfreitag selbst ausgedacht?

Nein, haben sie nicht. Vielleicht waren sie mit dem Stress der Betriebsübernahme so sehr beschäftigt, dass sie zu wenig nachgedacht haben über alles andere. Die Blancos sind Katholiken. Juan erzählt, dass er auf dem Jakobsweg zum Grab des Apostels Jakobus gepilgert ist. Für den 1. Mai will er Pfarrer einladen.

Im Biergarten menschelt es

Auf Beistand von oben sind Biergarten-Betreiber angewiesen. Wenn das Wetter nicht mitspielt, hilft der beste Filderkraut-Pork-Burger nicht. Ein verregneter Sommer kann für höhere Bank-Kredite sorgen. Doch wenn die Sonne strahlt, lachen die Kassen - und für die Gäste gibt es kaum einen schöneren Ort als einen Biergarten.

Hinaus ins Freie, die frische Luft atmen, den Wind spüren, die Sonnenstrahlen einfangen! Im Biergarten kannst du Mensch sein - und deine Mitmenschen beim Menschsein beobachten. Du bist der Seligkeit ganz nah. Im Biergarten spiegelt sich die menschliche Vielfalt wider wie sonst nur in der Stadtbahn. Der Biergarten ist ein Ort des sozialen Lebens – und des gesunden Lästerns. Du kannst dich wundern über den Mittsechziger mit dem jungen Ding gegenüber - und noch mehr darüber, dass dein Bierkrug leer ist.

Der vor über 200 Jahren in München erfundene Biergarten ist eine urdemokratische Einrichtung, die keine Klassen, keinen Türsteher, keine Gesichtskontrolle kennt. Selbst wenn der Wurstsalat aus dem Eimer kommt, fühlt du dich mitunter dem Paradies hier ziemlich nah.

Der April schickt Frost

Doch das Wetter muss stimmen. An Ostern sind quer durch Deutschland die meisten Biergärten eröffnet worden. Und was macht der April? Mal wieder, was er will. Der April schickt Frost.

Ist’s ein Zufall? Man sollte diese Frage gar nicht erst stellen. Mit der von der Geistlichkeit hart kritisierten Biergarten-Eröffnung von Leinfelden an Karfreitag hat das schlechte Osterwetter garantiert nichts zu tun. Der liebe Gott rächt sich nicht.

Dem Fleißigen hilft Gott, heißt ein Sprichwort. Freiluft-Wirte waren fleißig vor Ostern. Jetzt hoffen wir, dass die Kälte des Aprils rasch verschwindet. Der bevorstehende Sommer macht den Menschen zum Träumer. Sonne, bitte, komm’ schnell! Uns drängt es nach draußen – dorthin, wo es menschelt.

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