Der jüngste Paukenschlag in der an überraschenden Entwicklungen und vor allem Stagnationen nicht armen Historie des Fellbacher Super-Hochhauses befeuert weiterhin die Debatten in der Stadt am Fuße des Kappelbergs. Der Bericht in unserer Zeitung Ende der vergangenen Woche unter der Überschrift „Der seltsame Fluch auf dem Tower-Areal“ samt Rückblick auf die Pleiten diverser Investoren hat einen Leser, der in der Christofstraße in Sichtweite des halb fertigen Wohnturms lebt, per Mail an unsere Redaktion zu einem geharnischten Kurzkommentar veranlasst: „Seltsamer Fluch? Pfeifendeckel! Inkompetenz, Abgehobenheit, Realitätsferne und aberwitzige Omnipotenzanwandlungen bei Investoren und blindgläubigen Stadträten und OBs!“
„Fellbach ist nicht Manhattan“
Ähnlich kantige Worte, allerdings in größerer Ausführlichkeit, findet auch SPD-Stadtrat Hans-Peter Krause. Näher dran am Geschehen geht kaum: Schließlich wohnt der Lokalpolitiker seit Mitte der 1990er Jahre in Sichtweite des Geländes, auf dem damals noch eine Hotelruine stand und sich mit vielen Verzögerungen der Wohnturm in die Höhe auf schließlich 107 Meter schraubte. Und als scharfer Kritiker des Schwabenlandtowers ist Krause, Mitbegründer der 2007 gestarteten Initiative „Fellbach ist nicht Manhattan“, schon lange bekannt.
Diese Kritik bekräftigt der 67-Jährige nun auch in einem Statement zum angekündigten Vorhaben der Adler-Group, den Tower verkaufen zu wollen. Während diverse Stadträtinnen und Stadträte es gegenüber unserer Redaktion als wenig wahrscheinlich einstuften, dass das Bauprojekt SLT 107 in einer Bauruine enden wird, ist dagegen für Hans-Peter Krause „die Befürchtung, nüchtern betrachtet, relativ groß und vor allem real“.
„Aufstellung des Krans war nur Blendwerk“
Die Adler-Group beziehungsweise die CG-Gruppe hätte seinerzeit das Hochhaus erworben, „vermutlich nicht mit dem Ziel, hier Wohnungen zu bauen“. Adler brauchte nach Krauses Einschätzung „vielleicht weitere Objekte zum Abschreiben und/oder als Spekulationsobjekt“, wie es bei vielen anderen Objekten, die die Adler-Group in der Vergangenheit in ganz Deutschland erworben habe, auch der Fall gewesen sei. „Alles andere, die vorgeschobene Bautätigkeit und die Aufstellung des Krans, waren Blendwerk und Augenwischerei und sollte den Verantwortlichen in der Stadtverwaltung suggerieren, dass was vorwärtsgeht und vor allem die Baugenehmigung nicht erlischt.“
Die Gemeinderatsmehrheit, die das Projekt einst „durchgewunken“ habe, „hüllt sich jetzt bedeckt und spielt die Angelegenheit herunter“. Vorreiter seien die Fraktionsvorsitzenden von CDU und Freien Wählern/Freien Demokraten gewesen. „Leider haben sich unsere Befürchtungen bestätigt“, sagte FW/FD-Fraktionschef Ulrich Lenk vergangene Woche in einer Stellungnahme zur aktuellen Tower-Entwicklung. Krauses Kommentar dazu: „Hätte er damals diese Befürchtungen gehabt, dann wären wir jetzt nicht in diesem Dilemma.“ Auch die CDU „hat sich nicht mit Ruhm bekleckert und sich damals vehement dafür eingesetzt, dass die Frist für die Finanzierungsbestätigung verlängert worden ist“, sagt der pensionierte Kriminalbeamte Krause. „Immer so, dass man sich nicht gegen den Willen des damaligen OBs stellt.“
Schon damals ein Blender
Die frühere CDU-Fraktionschefin Simone Lebherz, mittlerweile zur zweiköpfigen Gruppe Die Stadtmacher gehörend, hatte sich vor wenigen Tagen gegenüber unserer Zeitung gegen ein „Nachkarteln“ und ein „großes Wehklagen“ nach dem Motto „I han’s doch glei gsagt“ ausgesprochen, das bringe den Bau „auch nicht schneller voran“. Doch von dieser Empfehlung, die Vergangenheit ruhen zu lassen, hält Krause wenig: Hätte die „BWLerin“ (Lebherz über sich selbst) „damals schon ihren betriebswirtschaftlichen Sachverstand in die Waagschale geworfen, so wäre sie vielleicht zu der Erkenntnis gelangt, dass Warbanoff bereits damals ein Blender war und dass sich das Projekt finanztechnisch nicht rechnet“. Krause erinnert in diesem Zusammenhang an einen Spruch des Juniorchefs des Immobilienunternehmens, Marc G. Warbanoff: „Mein Vater ist 240 Millionen schwer, da gibt es keine Finanzprobleme“, habe jener gesagt.
Doch auch die damalige Grünen-Fraktionschefin, stichelt Krause, habe beim Votum zum Hochhaus „ihren immensen Sachverstand bewiesen“. Ihre Aussage seinerzeit: „Ich finde das Projekt lobenswert, dann sehe ich in Zukunft schon aus der Ferne, wohin ich nach Fellbach fahren muss.“ Immerhin, Hochhaus-Skeptiker und CDU-Stadtrat Erich Theile schätzt nach Krauses Meinung die Situation wohl realistisch ein. Seine eigene betriebswirtschaftliche Ausbildung, sagt Krause, „hat mir schon im Jahr 2007 geflüstert, dass das Turmprojekt, damals noch Gewa-Tower genannt, scheitern wird“. Sein Fazit: „Ich wage mal die Behauptung, dass Stuttgart 21 schneller fertig ist und dass ich den Blick von meinem Balkon auf die Ruine noch einige Jahre ertragen muss.“
Wichtigste Abstimmung fürs Super-Hochhaus
Geprüft
Die entscheidende Sitzung zur Realisierung des 34 Stockwerke hohen Wohnturms liegt nun auch schon bald neun Jahre zurück. Im Mai 2014 akzeptierten die Räte ganz im Sinne der Stadtverwaltung um den damaligen OB Christoph Palm das Ergebnis des Prüfungsberichts einer Projektmanagementgesellschaft, wonach der von Michael G. Warbanoff vorgelegte Finanzierungsnachweis „hinreichend gesichert“ sei.
Beschlossen
Die Gegner des 107 Meter hohen Wolkenkratzers, die von „überdimensionierten Ausmaßen“ und dem „Koloss von Fellbach“ sprachen, blieben erfolglos: Die klare Mehrheit (21 zu 11 Stimmen) stellte sich hinter das Projekt der Esslinger Investorengesellschaft Gewa. Nur mit der vorgesehenen Lösung werde die seitherige „hässliche Bauruine“ entfernt, sagte Ulrich Lenk (FW/FD). Auch OB Palm lobte: „Fellbach wird von einem Schandfleck befreit.“ Denn bei einer Absage, warnte CDU-Fraktionschef Hans-Ulrich Spieth, „müsste ein jahrelanges Feilschen um eine hochproblematische Baulücke wieder von vorn beginnen“.