Schwäbisch-Abgewöhnkurs Bruddler und Quäker

Von Christine Luz 

Der Manager, der seine Firma überregional präsentieren soll. Der Verkäufer, den die Kunden zwar nett anlächeln, aber nicht verstehen: Ariane Willikonsky gewöhnt ihren Schülern das Schwäbischschwätzen und das Badischbabbeln ab.

Das Kiefergelenk immer schön locker halten: Die Kursleiterin (links) übt mit ihrer Schülerin Dorothee Schneider Foto: Oliver Willikonsky
Das Kiefergelenk immer schön locker halten: Die Kursleiterin (links) übt mit ihrer Schülerin Dorothee Schneider Foto: Oliver Willikonsky

Stuttgart - Die prüden Brüder knackt Dorothee Schneider im zweiten Anlauf. „Die lüsternen Schülerinnen verführen die prüden Brüder“, liest sie fehlerfrei, in einem Rutsch. Dann huschen ihre Augen in die nächste Zeile, in der eine Maus Frau Schlaus Lauchauflauf klaut. „Die Maus“, setzt sie an, „die Maus“, sie stockt und stöhnt: „Das sind ja fiese Sätze.“

Dorothee Schneider will ohne Dialekt sprechen. Endlich. Nicht leicht in einem Bundesland, wo Breschdlengs-Gsälz aufs Weggle kommt, Gscheidle und Driebl leben und die Menschen angeblich alles können – außer Hochdeutsch. Deshalb hat sie sich Hilfe gesucht. Ihr gegenüber sitzt eine blonde Frau, weißes Shirt, blauer Schal. In einer Tasse auf dem Tisch dampft frisch aufgebrühter Früchtetee. Ariane Willikonsky, 49, entschuldigt sich, sie sei heute erkältet. Mit belegter Stimme klingt sie allerdings immer noch besser als manch routinierter Redner. Sie ist Sprachtrainerin und sehr gefragt. Schauspieler bereitet sie auf Auftritte vor, Topmanager heilt sie vom Nuscheln, und selbst Ministerpräsident Winfried Kretschmann trainiert bei ihr seine Stimmbänder. Und dann gibt es noch die Schwaben und Badener, die endlich „Dialektfrei Deutsch sprechen“ wollen. So heißt der Kurs, der Dorothee Schneider an diesem Abend ins Fon Institut nach Bad Cannstatt geführt hat.

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Mit Sätzen wie „Sen Sie der, der gerschd scho agrufa hodd?“ soll Schluss sein. Ebenso mit eigenwilligen Uhrzeitangaben. „Wir treffen uns um viertel drei, das versteht in Hamburg kein Mensch“, sagt Ariane Willikonsky. Nicht nur Wortschatz und Grammatik trennen den Schwaben vom Hochdeutschen, sondern vor allem der Klang. Was in ihrem Institut passiert, klingt mitunter nach medizinischen Notfällen. Da wird „plastisch artikuliert“ und „vokalisiert“, da sollte ein E mal „abspannen“ und das R „nicht hinten wegrutschen“. Sie sagt: „Hochdeutsch kann jeder lernen, sogar ratzfatz.“ In zehn Kursstunden kuriere sie ungewünschte Mundartauswüchse.

„Ich liebe das Sssss“

An diesem Abend möchte sie vor allem am R und S arbeiten. In einer Ecke steht eine beige Liege, daneben wacht eine Buddhafigur. Das Licht ist gedämpft. Die Frauen sitzen sich am Schreibtisch gegenüber, vor ihnen liegen Blätter mit Übungssätzen. Es geht an die Zischlaute.

„Ich liebe das Ssss, ich finde, das ist so ein feiner erotischer Laut“, sagt Ariane Willikonsky und schiebt ihrer Schülerin einen Bleistift zu. Dorothee Schneider soll die stimmhaften S umkringeln. Das war der leichte Teil. Dann liest sie „Susi isst gern Zitroneneis mit süßer Sahne“. Dann liest sie es noch einmal und noch einmal. Draußen ist es kühl für die Jahreszeit, im Zimmer kommt die Schülerin ins Schwitzen. Zitroneneishitze. Nach dem fünften Mal ist die Lehrerin zufrieden. Nächster Satz.

Für Dorothee Schneider kommt der Abend einem Rollenwechsel gleich. Sonst ist sie es, die anderen Ratschläge erteilt. Sie ist 48, die dunklen Haare trägt sie modisch auf Kinnlänge geschnitten. Zur schwarzen Jeans hat sie eine leuchtend rote Strickjacke kombiniert. Sie weiß, wie man sich präsentiert. In ihrer Praxis bietet sie Einzelcoachings zur Persönlichkeitsentwicklung an. Außerdem hält sie Vorträge in Deutschland, der Schweiz, Österreich und leitet Seminare für Führungskräfte. Mit dem Hochdeutsch-Kurs will sie sicherstellen, dass ihre Inhalte bei den Leuten ankommen.

Fast immer sind es berufliche Gründe, die jemanden zu Ariane Willikonsky führen. Der Manager, der seine Firma auf einmal überregional präsentieren soll, der Verkäufer, der besser von seinen Kunden verstanden werden will, die Lehrerin, die wegen ihres Dialekts belächelt wird. Menschen, die Angst haben, inkompetent zu wirken, weil sie schwäbeln. Manchmal sind es auch die Firmen, die ihre Führungselite zu Willikonsky schicken. Mitunter stehen dann Männer vor ihr, die sich wundern, was sie hier eigentlich sollen. Wo doch dia andere emmer vrschdanda, wass se gsaid hen.

Sie bietet auch Gruppenkurse an, doch die meisten nehmen lieber Einzelstunden. Keiner brüstet sich gerne damit, ihre Hilfe zu brauchen. 2003 hat sie ihr Fon Institut gegründet, inzwischen hat sie mehrere Filialen und knapp 50 Mitarbeiter. Die Hochdeutsch-Kurse machen nur einen Teil ihres Angebots aus, aber sie sind sehr begehrt.

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