Historiker-Streit unter Narren Das braune Erbe der schwäbisch-alemannischen Fasnacht

Fröhlicher Rassismus: eine Stockacher Schülergruppe hat sich 1938 als afrikanische Wilde verkleidet. Foto: Stadtarchiv Stockach_Rfb21

Das heutige Gesicht der Südwest-Fasnet wurde maßgeblich im Dritten Reich geprägt. Das behauptet eine Ausstellung in Konstanz, die auch dem Fasnachtsprofessor Werner Mezger widerspricht.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Die Konstanzer Blätzlebuebe haben Tradition. Bis 1414, dem Beginn des Konstanzer Konzils, soll sie zurückreichen. Zumindest behauptet das der Schöpfer Ludwig Müller, als er 1934, ein Jahr nach Adolf Hitlers Machtergreifung, das angeblich „althistorische Häs“ mit seinen tausend Flicken vorstellt. Die Elefanten AG, der er als Elferrat angehörte, hatte ein Problem. Ihre Profession waren Kostümbälle und die Bühnenfasnacht rheinischer Prägung. Doch das war plötzlich nicht mehr en vogue. Man wolle eine „Fasnacht wie früher“ feiern, propagiert der nationalsozialistische Oberbürgermeister. Doch wie sah die aus? Etwas „aus grauer Vorzeit“ musste her. Müller erklärte es vier Jahre später in einem Artikel: „Da man nun im heutigen Deutschland mehr denn je das alte deutsche Brauchtum schützt und fördert, so war für mich im Jahre 1934 der Zeitpunkt gekommen, das lang in Vergessenheit geratene, nur noch vereinzelt bekannte Blätzlehäs neu erstehen zu lassen.“

 

Das was der Konstanzer Museumsdirektor Tobias Engelsing in einer Ausstellung und in einem dicken Begleitband am Beispiel der Bodenseefasnacht zusammengetragen hat, erschüttert das tradierte Selbstbild der Narren im Südwesten. Denn bisher galt gewissermaßen eine Nischentheorie, wenn es um das Verhalten der Narren schwäbisch-alemannischer Prägung im Dritten Reich ging, maßgeblich geprägt vom Volkskundler
 Werner Mezger. Klar, Widerstand habe es fast nirgendwo gegeben, aber man habe sich zumindest nicht vereinnahmen lassen. Engelsing sagt jetzt: die schwäbisch-alemannische Fasnacht lag von Anfang an voll auf Linie. Und dass sie heute weit mehr als der Karneval die südwestdeutsche Narretei prägt, interpretiert er als durchschlagenden Erfolg der NS-Brauchtumspolitik. Selbst der Rathaussturm begann damals als Appell beim NS-Bürgermeister. Die heutigen närrischen Akteure, die so gerne von Tradition sprächen, sollten sich endlich damit befassen, findet Engelsing.

Karneval als Einfallstor für Ideologie

Bisher hatte vor allem der Karneval als Einfallstor für NS-Ideologie gegolten. Mezger, der sich durch seine Auftritte bei den Umzugsübertragungen des SWR, vor allem aber durch seine wissenschaftliche Arbeit den Ruf als Fasnachtsprofessor erarbeitet hat, erklärte es bei der Eröffnung einer von ihm kuratierten Ausstellung zum großen Jubiläum der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte (VSAN) vor einem Jahr noch so: Wo karnevalistische Formen überdauert hätten, seien bei den Umzügen nach 1933 antisemitische Themen aufgetaucht. Die schwäbisch-alemannische Fasnet sei hingegen weit weniger anfällig gewesen.

„Das liegt in der Natur der Sache“, sagt Mezger auch jetzt. „Wie will man eine voll vermummte Figur mit historischem Kleid wie in Villingen oder Rottweil politisch instrumentalisieren?“ Auch in Rottweiler Narrenbüchern, aus denen beim so genannten Strählen in den Gaststätten humorvoll vorgetragen wird, habe er „fast nichts Antisemitisches“ gefunden.

Närrisches Gemetzel auf der Reichenau

Hingegen gab es bei eher karnevalistischen Veranstaltungen vor und nach 1933 rassistische und antisemitische Beiträge zuhauf. Engelsing dokumentiert sie in seiner Ausstellung. Schon 1908 führte der Narrenverein Gundel von der Insel Reichenau ein „Gefecht unserer deutschen Schutztruppen mit den Herreros“ auf. Am Ende lagen 100 Inselbewohner als scheinbar totgeschlagene Afrikaner auf der Ergat, dem Hauptplatz der Klosterinsel. In Villingen wurden 1939 Umzugswagen präsentiert, auf denen Juden als „internationale Brunnenvergifter und Giftmischer“ dargestellt wurden, in Konstanz wurde zwei Tage nach der Reichspogromnacht 1938 mit den örtlichen NS-Größen fröhlich der Fasnachstauftakt gefeiert. Die zerstörte Synagoge war kein Thema.

Doch die schwäbisch-alemannische Abteilung der Narretei war nicht besser, glaubt Engelsing: Beim „Konzept der Volksfasnacht“ hätten sich die nationalsozialistische Ideologie und das völkische Programm der schwäbisch-alemannischen Zünfte getroffen. Das Fundamt war längst gelegt. „Die im 19. Jahrhundert unter spätromantischem und nationalem Einfluss neo-historisierte Fasnacht ist in den 1920er Jahren unter den Einfluss einer völkisch grundierten Volkskunde geraten“, sagt Engelsing. Der Heimatautor Hermann Eris Busse avancierte zum Chefberater des damals neu gegründeten VSAN. Die Fasnacht deutete Busse als ursprünglich germanischen Brauch der Winteraustreibung. Alle katholischen Elemente versuchte er zu tilgen.

Was 2024 noch vom scheidenden VSAN-Präsidenten Roland Wehrle als Beleg für Systemferne der Altvorderen dargestellt wurde, enttarnt Engelsing als Mythos. Die schwäbisch-alemannischen Narren hätten sich darauf geeinigt, statt „Heil Hitler“ die Grußformel „Narri Narro“ zu verwenden, hatte Wehrle da erklärt. In Wahrheit, so Engelsing, habe das Regime selbst den Hitlergruß von Fasching, Fasnacht und Karneval freihalten wollen und dazu schon 1933 das Gesetz zum Schutz der nationalen Symbole erlassen.

Winfried Kretschmann gibt sich tief bewegt

In der Arbeiterstadt Singen wird 1939 dieser Wagen präsentiert: „Der Judenfresser“ vertilgt die letzten noch nicht vertriebenen Jüdinnen und Juden Foto: Simon Götz/Stadtarchiv Singen

Wehrles Nachfolger Roland Haag spricht von unterschiedlichen Reaktionen und Diskussionen, die die Ausstellung bei Besuchern ausgelöst habe. „Wir wollen sie uns von Verbandsseite auf jeden Fall noch anschauen.“ Ministerpräsident Winfried Kretschmann, selbst bekennender Narr, hat sie zusammen mit seiner Frau Gerlinde schon gesehen. Er sei tief berührt, sagte er hinterher. Sie sei „sehr erhellend“.

Mezger: Schau ist am richtigen Ort

Mezger hingegen betont, kein Brauchtum habe seine NS-Vergangenheit so ausführlich bearbeitet, wie die Fasnacht. Die Konstanzer Schau hält er dennoch für verdienstvoll – trotz der kritischen Töne auch ihm gegenüber. „Sie ist auch genau am richtigen Ort angesiedelt.“ Konstanz sei gewissermaßen ein Sonderfall. Er verweist nicht nur auf die Gründung der Blätzlebuebe 1934, sondern auch auf die Diskussionen über den Komponisten einer der bekanntesten Konstanzer Fasnachtshymnen, der in der NS-Zeit Propagandaredner gewesen war. In alten Narrenstädten wie Villingen oder Rottweil, wo schon lange vor 1933 die Narren juckten und sprangen, sei die Situation allerdings eine andere.

Engelsing ist hingegen überzeugt: Dass manche historisierte Narrenkleider schon um 1900 herumsprangen, ändere nichts am Befund. Nach dem Krieg beantragte die VSAN ihre Wiederzulassung. „Im deutschen Volk“, besonders in seinen „süddeutschen Stämmen“ sei noch „altes wurzelechtes Brauchtum lebendig“. Dieses „Ahnenerbe“ wolle man auch weiterhin erhalten, hieß es im bekannten völkischen Tonfall.

Fasching, Fasnacht, Karneval

Operball
Die Ausstellung „Maskerade: als die Fasnacht noch Fasching hieß“ im Kulturzentrum am Konstanzer Münster dokumentiert die Fasnacht in der Dreiländerregion am Bodensee vom 19. Jahrhundert bis heute. Anfänglich wird sie vom Wiener Opernball beeinflusst, in der 1848er Zeit ist sie ein Hort der Demokratiebewegung.

Narrenkappe
Doch vom Narr, der unter der Kappe den Mächtigen die unbequeme Wahrheit ins Gesicht sagt, bleibt bald wenig übrig. Unter dem Einfluss des rheinischen Karnevals, dessen Textbücher auch übernommen werden, breitet sich Biederkeit, dann Chauvinismus und Rassismus aus.

Weitere Themen

Weitere Artikel zu fasnacht Konstanz Ausstellung