Schwäbisch als Kulturgut „Schwätza“ oder „sprechen“?

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Wolfgang Wulz ist der neue Vorsitzende des Vereins Schwäbische Mundart. Doch selbst er pendelt dauernd zwischen Schwäbisch und Hochdeutsch.

Wolfgang Wulz trägt als Heidenheimer den Spitznamen“Knöpfleswäscher“. Foto: factum/
Wolfgang Wulz trägt als Heidenheimer den Spitznamen“Knöpfleswäscher“. Foto: factum/
Herrenberg - Wolfgang Wulz ist seit Kurzem der Herr über die schwäbische Sprache. Der neue Vorsitzende des Vereins Schwäbische Mundart wirbt für einen selbstbewussteren Einsatz des Dialekts. Honoratiorenhochdeutsch lässt auch ihn schmunzeln.
Herr Wulz, bei welchen schwäbischen Wörtern geraten Sie ins Schwärmen?
Ganz oben auf der Liste stehen sicherlich „Muggaseggele“ und „Lällebäbbel“.

Was gefällt Ihnen an den Wörtern so gut?
Die Lautmalerei. Beide klingen sehr nett. „Muggaseggele“ ist ja die kleinste schwäbische Maßeinheit, eigentlich aber das Geschlechtsteil einer Stubenfliege. Und „Lällebäbbel“ bedeutet: dummer, fauler Kerl. Der Begriff hat seinen etymologischen Ursprung in „Lälle“ – eine riesige, heraushängende Zunge – und in „Bäbb“ – ein Kleber.

Sprechen Sie mit Ihrer Frau Schwäbisch?
Nur in speziellen Situationen. Ich muss gestehen, dass ich in den Dialekt rutsche, wenn wir ein wenig in Streit geraten.

Und wie unterhalten Sie sich, wenn Sie Ihre Frau loben oder ihr schmeicheln wollen?
Das schwäbische Lob ist ja oft sehr sparsam. Der Dichter Thaddäus Troll soll zu seiner Frau gesagt haben: „Du bisch mei guader Hond“. Und schwäbische Bauern nannten ihre Ehefrauen einst „beschde Sau“. Hinter den „Beleidigungen“ steckt aber jeweils ein Riesenlob. Das darf ich zu meiner Frau aber natürlich nicht sagen.

Mit Ihren Freunden und Bekannten unterhalten Sie sich auch auf Schwäbisch?
Ja, wenn Schwäbisch ihre Muttersprache ist und sie selbst gern Schwäbisch schwätzet. Und das müssen nicht nur ältere Menschen sein. Am Sindelfinger Goldberg-Gymnasium, an dem ich unterrichte, habe ich auch einige jüngere Kolleginnen, mit denen ich im Dialekt rede. Ich habe gleich gemerkt, dass sie etwas dafür übrig haben.

Wie unterscheidet sich Ihre Sprachauswahl im Berufsleben von der im Alltag?
Da regiert dann doch das Honoratiorenhochdeutsch mit schwäbischen Anklängen. So sage ich statt „ist“ meistens „isch“. Das lasse ich mir gerne anmerken. Ich komme ja auch hier aus dem Schwabenland.

Es ist ja sonst oft so, dass Mundartsprecher ihren Dialekt geradezu verheimlichen.
Das stimmt. Bei manchen neuen Bekannten merke ich erst nach Monaten, dass sie eigentlich perfekt Schwäbisch sprechen. Manche outen sich auch erst dann, wenn Sie erfahren, dass ich mich für die Pflege der schwäbischen Mundart einsetze.

Generell muss man im Alltag als Dialekt sprechender Mensch aber doch ein schwäbisch-hochdeutsches Doppelleben führen.
Ja, zum Beispiel fällt es mir sehr schwer, mit Ihnen Schwäbisch zu schwätzen, weil die Interviewsituation mir irgendwie aufdrängt, Hochdeutsch zu sprechen, das auch in der Zeitung stehen kann. Ich muss mich jetzt geradezu anstrengen, Schwäbisch zu schwätza. Interessant ist aber generell, dass man beim Beginn eines Gesprächs sofort weiß, ob man sich im Dialekt unterhalten wird oder nicht. So antworte ich generell auf Schwäbisch, wenn ich in der Mundart angesprochen werde. Es bildet sich sofort eine Art Sympathie, Vertrautheit und Verbundenheit. Anders ist es, wenn ich ein Gespräch eröffne. Ist mein Gegenüber wichtig, spreche ich zunächst Hochdeutsch. Insgesamt schwätz ich aber lieber so, wie mir der Schnabel gewachsen ist

Amüsant wird es bei Leuten, bei denen das Honoratiorenschwäbisch dominiert.
Ja, dann muss auch ich schmunzeln. Gerade wenn sie die Endungen der Wörter krampfhaft betonen, um damit auszudrücken, dass sie Hochdeutsch sprechen. Denn man soll die Endungen ja regelrecht verschlucken. Ich musste das auch erst lernen, denn ich komme aus Heidenheim, von dr Alb ra. Und in meinem Elternhaus wurde a broids Schwäbisch gschwätzt.

Sie unterrichten an einem Gymnasium Deutsch. Wie viele von Ihren Schülern sprechen Schwäbisch?
Leider keiner. Wobei ich schätze, dass höchstens zwanzig Prozent von ihnen den Dialekt beherrschen, was ich sehr schade finde. Spätestens nach dem Wechsel von der Grundschule aufs Gymnasium sprechen alle nur noch Hochdeutsch.

Gibt es gar keine Ausnahmen?
Ich habe vor zwanzig Jahren nur einen Fall erlebt, in dem sich ein Mädchen geweigert hat, im Unterricht Hochdeutsch zu sprechen. Nur in Theaterszenen hat sie es in einer wunderbaren Art beherrscht. Sie hat damals gesagt, dass sie sich ihr Schwäbisch nicht verbieten lasse. Recht hat sie gehabt.

Das Schwäbische ist Ihre Heimat. Sympathisieren Sie mit einem weiteren Dialekt?
Bayerisch gefällt mir sehr gut. Das Wort „Oachkatzlschwoaf“ – also Eichhörnchenschwanz – ist wunderschön. Aber auch das schwäbische Pendant „Dr Schwanz vom a Oichhörnle“ klingt doch nett, oder?
Das Gespräch führte Oliver im Masche.




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