Eine Spaziergängerin findet auf einem Weg am Stadtrand ein Neugeborenes. Die Mutter des Kindes gesteht vor Gericht, ihr Baby ausgesetzt zu haben - sie spricht von einem „riesengroßen Fehler“.

Es fällt schwer, sich hineinzuversetzen in den Kopf dieser Frau, zurück an jenen Tag, an dem sie nicht nur heimlich und alleine im Badezimmer ihr Baby empfangen, sondern das Neugeborene auch zurückgelassen hat. An einem kleinen Weg am Stadtrand von Schwäbisch Hall, in einer weißen Plastikwanne und mit einer Decke und ein paar Schnullern. Sie muss gewusst haben, dass das Kind sterben kann, wirft die Staatsanwaltschaft der 22-Jährigen vor. Nein, sie sei verzweifelt gewesen, sagt die junge Frau.

Vor dem Heilbronner Landgericht muss sich die Mutter seit Freitag wegen versuchten Totschlags verantworten. Sie soll ihren Jungen Anfang September wenige Stunden nach der Geburt an dem Weg ausgesetzt und sich erst mehrere Wochen später bei der Polizei gemeldet haben.

Frau räumt Tat ein

In einer längeren Erklärung, die sie zum Auftakt des mehrtägigen Prozesses durch ihre Verteidigerin verlesen lässt, räumt sie die Tat ein. Sie sei verzweifelt und ratlos gewesen damals, sagt sie. Und sie habe keine Erklärung für ihr Verhalten. „Ich habe einfach nur funktioniert wie ein Roboter“, beschreibt sie die Stunden nach der Geburt.

Sie könne sich ihr Verhalten heute nicht mehr erklären und habe einen „riesengroßen Fehler“ gemacht, den sie „nicht wiedergutmachen“ könne, liest die Anwältin weiter vor. Aber was hat sie sich dabei gedacht, als sie das Baby am Weg zurückließ, in ihr Auto stieg und zurück nach Hause fuhr? „Ich habe gedacht, dass, wenn ich die Box da hinstelle, jeder sie sofort sehen würde“, sagt sie. „Und ich glaubte, er sei bei einer anderen Mutter in besseren Händen als bei seiner eigenen.“

Wanne sei bei Rückkehr bereits verschwunden

Erst gegen Abend habe sie begriffen, was sie getan habe, sie sei zurück zum Wäldchen gefahren - doch die Wanne sei bereits fort gewesen. Gefunden von einer Passantin, die mit ihrem Hund unterwegs war.

Laut Staatsanwaltschaft hatte die Frau dem Jungen kurz vor dem Aussetzen für ihn unverträgliche Kuhmilch zum Trinken gegeben. Tatsächlich kommt es im Krankenhaus zu Komplikationen, das Baby erleidet eine lebensgefährliche Blutung im Magen-Darm-Trakt. Der Vorsitzende Richter kündigte allerdings an, es sei noch nicht eindeutig geklärt, dass der bedrohliche Zustand des Kindes in der Klinik tatsächlich durch die Kuhmilch verursacht wurde oder durch einen anderen Grund.

Zweites Kind lebt bei Großmutter

Der kleine Junge ist über das Jugendamt in eine Pflegefamilie zur Obhut übergeben worden. Das zweite Kind, das die Frau aus Michelfeld (Kreis Schwäbisch Hall) bereits im Alter von 15 Jahren bekommen hatte, lebt bei der Großmutter.

Nur einen Tag vor dem Fund von Schwäbisch Hall war auch ein neugeborenes Kind in Gammertingen (Kreis Sigmaringen) gefunden worden, ausgesetzt im Keller eines Hauses. Auch dessen Mutter wird sich vermutlich noch vor Gericht verantworten müssen. Die Ermittlungen dazu seien aber noch nicht abgeschlossen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft in Hechingen auf Anfrage. Die Kindsmutter war zwei Wochen nach dem Fund von den Ermittlern aufgespürt worden.

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