Schwäbische Kultfiguren Der Häberle – und das Gesicht Stuttgarts
Jörg Pauly stehen spannende Monate bevor. Er wird Papa, wird für Stuttgart werben – und steht als Oscar Heiler bei „Häberle und Pfleiderer“ auf der Bühne.
Jörg Pauly stehen spannende Monate bevor. Er wird Papa, wird für Stuttgart werben – und steht als Oscar Heiler bei „Häberle und Pfleiderer“ auf der Bühne.
Mehr geht nicht für einen Schwaben. Die Historiker streiten ja bis heute, ob Willy Reichert und Oscar Heiler mit ihren Figuren „Häberle und Pfleiderer“ den schwäbischen Hintersinn beschrieben oder ob sie das hiesige Gemüt nicht sogar geprägt haben. „So, so – Ja, ja“, damit isch alles g’schwätzt. Und Jörg Pauly (46) aus Waiblingen darf nun diese Essenz der schwäbischen Seele auf der Bühne der Komödie Marquardt herausarbeiten.
Monika Hirschle spielt den Pfleiderer und Pauly den Häberle. Von ihrem jüngeren Landsmann Uli Keuler sind sie in seiner Dissertation so beschrieben worden: „Der ständig belehrende Häberle wirkt als der eigentlich Unvernünftige, während der unvernünftige Pfleiderer als der eigentlich Vernünftige erscheint.“ Man merkt schon, da steckt mehr drin, als man glaubt. Und dann kommt hinzu: Pauly spielt den Häberle, aber auch dessen Darsteller Oscar Heiler. „Ich musste mir zwei Figuren drauf schaffen.“
Denn das Stück ist nicht nur eine Aneinanderreihung von Sketchen. Es ist eine Zeitreise, Lale Andersen und Claire Waldoff singen; es nähern sich auch Willy Reichert und Oscar Heiler. Sie trennen die Menschen von den Figuren. Doch für alle, denen es so geht wie Pauly, der von Heiler und Reichert kaum was wusste, von Häberle und Pfleiderer wenig, ein kurzes Ausflug zurück. Sie dürfen nicht fehlen, wenn man die Geschichte des Friedrichsbaus erzählt. Willy Reichert hatte Häberle und Pfleiderer erfunden, 1931, für einen einmaligen Auftritt mit dem Sketch „Die Friedenskonferenz“.
Das Publikum liebte das Duo. Das Stück wurde zum Dauerbrenner. Als der Ur-Häberle Charly Wimmer einen Unfall hatte, sprang Heiler ein. Als Reichert 1934 Direktor im Friedrichsbau wird, nimmt er Häberle und Pfleiderer mit. Knapp 200 Szenen entstehen. 1972 treten sie letztmals gemeinsam auf. Ein Jahr später stirbt Reichert. Heiler wird bei der Eröffnung des neuen Friedrichsbau-Varietés 1994 an alter und historischer Stelle stürmisch gefeiert. Ein letzter Triumph. Er stirbt 1995.
Das ist schwäbisches Allgemeingut. Doch wer war dieser Oscar Heiler? „Es gibt wenige Aufnahmen von ihm“, sagt Pauly. Also hat er sich eingelesen. Und gemerkt, welch interessanter, feinsinniger und freigeistiger Mensch hinter dem schwäbischen schwerfälligen Spießer Häberle steckte. Der Papa, ein Hotelier, starb früh. Heiler geht ins Karlsgymnaisum, hisst 1918 als Zwölfjähriger die rote Flagge am Fenster. Er wünscht sich zur Konfirmation Rosa Luxemburgs „Briefe aus dem Gefängnis“. Lernt die Schauspielerei an der Arbeiterbühne in Botnang, verehrt den Arzt, Autor und Kommunisten Friedrich Wolf, den Vater des spätereren DDR-Spions Markus Wolf.
Nach dem Tod des Vaters ist kaum Geld da. Essen holt er bei der Mittelstandsnothilfe bei Dinkelacker. Eine Bombe vernichtet später Hab und Gut. Wegen eines Tumors wird ihm als jungem Kerl sein linkes Bein amputiert. Vielleicht sympathisierte er deshalb zeit seines Lebens mit den Habenichtsen. Und er war ein leiser Rebell. Wie Reichert schützte ihn der Erfolg vor den Nazis. Doch so weit wie der nicht nur in den Sketchen widerborstige Reichert geht er nicht. Eines Tages riss Reichert auf der Bühne den rechtem Arm nach oben. Pause. Und er fragt verschmitzt: „Regnet’s?“
So ein bisschen Regen war immer für Heiler, der „Melancholie mal die schwäbische Krankheit“ nannte. Bei allem Geiste, der Körper war ihm nicht fremd. Er war wichtiger Teil der FKK-Bewegung, pflegte mehrere Liebesbeziehungen gleichzeitig, zeitweise lebte er mit Gattin Lydia und anderen Frauen zusammen. Eigensinnig war er bis in den Tod. Seine letzten Worte im Hospiz lauteten: „Lasst m’r mei Ruh!“
Tja, das kann Jörg Pauly nicht beherzigen. Er wird Heiler wieder auferstehen lassen. „Eine große Herausforderung“, sagt er. Denn man darf davon ausgehen, dass so mancher Gast den Heiler noch selbst gesehen und erlebt hat. Und so richtig viel Zeit hatte er auch nicht. Während er in das „Abschiedsdinner“ spielte, liefen die Proben für „Häberle und Pfleiderer“. Alltag eines Schauspielers, der sich immer wieder neu für Engagements bewerben muss.
Den Beruf hat er von der Pike an gelernt. Als „Klassenclown“ am Staufergymnasium vor dem kritischsten Publikum, das es gibt, dann auf der Schauspielschule in Köln. Dort hat er zehn Jahre lang gelebt, ehe es nach Bruchsal ging an die Badische Landesbühne. Da bewegte er sich schon südwärts, zog nach Heidelberg. Dann kam er heim nach Stuttgart. Dort lebte er mit seiner Partnerin in Uhlbach. Konnte mit dem Rad ins Theater fahren und hatte es nicht weit zu Wald und Weinbergen. Wer fast jeden Abend auf der Bühne steht, braucht daheim nicht auch noch Trubel.
Aber ruhiger wird es nicht. In den Coronajahren verdiente er sein Geld mit Werbung. Er war da so erfolgreich, dass sich Freunde beschwerten, man sehe ihn zu häufig auf dem heimischen Fernseher. Die Clips hatten es Pauly aber angetan. Für seinen Instagram-Kanal nahm er kurze Stücke auf, erkundete die schwäbische Seele.
Die machten Stuttgart-Marketing neugierig. Dort suchte man ein Gesicht für die Kampagne zur Stuttcard. Nun wirbt Pauly für die Karte, mit der man günstiger in viele Museen, Bäder und Attraktionen kommt. „Das ist natürlich eine Ehre“, sagt er, „und ich freue mich, den modernen Schwaben zu verkörpern.“ Abseits aller Klischees wie Kehrwoche, Geiz und hochgeklappter Trottoirs.
Auf der Bühne des Marquardt bringt er nun beides zusammen. Denn ein Sketch wie die „Friedenskonferenz“ ist wieder erschreckend aktuell. Da diskutieren Häberle und Pfleiderer über die Viererkonferenz 1954 in Berlin. Damals wurde die Spaltung Europas und Deutschlands in Ost und West zementiert. Der Kalte Krieg wurde noch kälter. Und wer denkt bei einem Satz wie „der Minister äußert sich. Und nach dem Mittagessen dementiert er, was er morgens geäußert hat“, nicht an den aktuellen US-Präsidenten. Manchmal möchte einem schon ein „Lugabeutel“ oder „Grasdaggl“ entschlüpfen.
Der schwäbische Dialekt bietet da allerlei Variationen. Zu gerne würde Pauly einmal im Fernsehen eine Liebeserklärung ans Schwäbische, ans moderne Stuttgart sehen, die nicht verzopft und altbacken daherkommt, und natürlich gerne selbst Teil davon sein. Aber die muss er wahrscheinlich selbst schreiben. Man denke nur an die jüngste Stuttgarter „Tatort“-Folge von der Alb, als die Schwaben wieder mal als tumbe Trottel daherkamen. Doch erst einmal wird Pauly bis 11. Mai den Häberle und Heiler geben – und die alten Schwaben den jungen und neuen Schwaben nahebringen.