Schwäbische Tafel Corona bringt Tafelladen in Finanznöte

Die Schwäbische Tafel setzt auf eine Mischung aus ehrenamtlichen Helfern und angestellten Kräften. Foto: /Bastian Nadj
Die Schwäbische Tafel setzt auf eine Mischung aus ehrenamtlichen Helfern und angestellten Kräften. Foto: /Bastian Nadj

Obwohl viele Menschen auf einen vergünstigten Einkauf angewiesen sind, macht dem Trägerverein ein drastischer Ertragsrückgang zu schaffen. In den vier Einrichtungen fehlen monatlich insgesamt 20 000 Euro.

Ludwigsburg: Sascha Schmierer (sas)

Fellbach - Wer die langen Warteschlangen vor dem Tafelladen in der Fellbacher Wernerstraße sieht, ahnt nicht unbedingt, dass die Corona-Krise auch den vor 25 Jahren gegründeten Trägerverein in die Bredouille bringt. Denn auf den ersten Blick scheint der Ansturm auf vergünstigte Lebensmittel angewiesener Kunden gewaltig. Teilweise stauen sich die vor dem Eingang wartenden Menschen bis zur nächsten Straßenecke zurück – so sichtbar war Armut im Stadtbild bisher eher selten.

Der unübersehbare Bedarf bedeutet freilich nicht, dass die Kasse in den vier Läden der Schwäbischen Tafel häufiger klingelt als in früheren Zeiten. Im Gegenteil: Obwohl es in der Region Stuttgart eine sechsstellige Zahl an Menschen gibt, die auf einen vergünstigten Einkauf angewiesen sind, macht dem Trägerverein ein drastischer Ertragsrückgang zu schaffen. Auf etwa 20 000 Euro beziffert der Tafel Vorsitzende Hans-Ulrich Rabeneick die monatlichen Einbußen in den vier Einrichtungen von Fellbach bis Möhringen.

Geldsorgen auch wegen der Corona-Maßnahmen

Dass weniger gekauft wird, liegt vor allem am Virus-Schutz: Durch die coronabedingt geltende Abstandsregel dürfen sich aktuell nur noch zehn Menschen gleichzeitig im Laden aufhalten. Wer früher geduldig im Vorraum wartete, bis er oder sie an der Reihe war, steht jetzt auf der Straße. Das behagt zum einen vielen Kunden nicht, weil sie beim Einkauf vergünstigter Lebensmittel nicht unbedingt gesehen werden wollen. Zum anderen hat der Tafelladen reagiert, um die Warteschlangen nicht zu groß werden zu lassen. Zum Einkauf dürfen die Bedürftigen seither nur noch jeden zweiten Tag kommen. Per Alphabet wird geregelt, wer in der Wernerstraße an welchem Tag den Einkaufskorb füllen darf.

Unterm Strich aber kaufen weniger Menschen im Tafelladen ein als noch vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie – mit inzwischen auch finanziell spürbaren Folgen. Fast noch schlimmer für den Trägerverein ist allerdings, dass sich durch den Virus auch die Zahl der helfenden Hände deutlich verringert hat. Viele ehrenamtliche Mitarbeiter mussten nach Hause geschickt werden, weil sie selbst aus Altersgründen zur Risikogruppe gezählt werden müssen. Auch etliche Ein-Euro-Jobber sind durch die Corona-Krise aus Fürsorgegründen nicht so einsetzbar wie bisher.

Kommunen und Unternehmen könnten Patenschaften übernehmen

Das hat beim Personal der Tafelläden zu unübersehbaren Lücken geführt, die festangestellten Kräfte kommen mit dem Auffüllen der Regale kaum noch hinterher. „Unsere Arbeit funktioniert nur, weil es so viele helfende Hände gibt“, erklärt die Projektleiterin Ingrid Poppe, dass allein für die Sammeltouren durch die Region bei der Schwäbischen Tafel im Schichtbetrieb knapp 50 Fahrer im Einsatz sind. Vor allem von ehrenamtlichen Kräften getragene Arbeitsbereiche wie die Secondhand-Boutique des Tafelladens haben deshalb ihre Pforten seit Monaten geschlossen – mangels Mitarbeitern muss sich die Schwäbische Tafel in der Krise auf den Lebensmittelbereich konzentrieren.

Aus diesem Grund befindet sich der Trägerverein mit Hans-Ulrich Rabeneick an der Spitze aktuell auch auf Betteltour durch die Region. Ziel ist, bei Kommunen und Unternehmen langfristige Patenschaften für einzelne Arbeitsplätze einzuwerben. In Fellbach hatte die Schwäbische Tafel bei diesem Vorstoß durchaus Erfolg: Im Sozialausschuss des Gemeinderats wurde jüngst einstimmig beschlossen, den Arbeitgeberanteil für eine Personalstelle für die nächsten drei Jahre zu übernehmen. Finanziell hat das für die Stadt eine überschaubare Größenordnung, es geht um einen Betrag von 11 000 Euro.

Keine zweite Stelle für den Tafelladen

Die SPD-Fraktion hätte sich deshalb auch gut die Finanzierung einer zweiten Stelle vorstellen könnten, Stadträtin Ruth Lemaire trug den Gedanken engagiert vor und fand bei Karl Würz von den Grünen prompt Unterstützung. Eine Mehrheit fand die zweite Stelle jedoch nicht. Dabei hat sich gerade der Einsatz von Langzeitarbeitslosen in der Corona-Krise schon positiv ausgewirkt: Weil der Tafelladen nicht nur auf ehrenamtliche Kräfte setzt, war er auch der einzige im Rems-Murr-Kreis, der auch während des Lockdowns im Frühjahr geöffnet hatte.




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