Die Coronakrise macht die Armut sichtbar. Das sagt auch Hilli Pressel, die stellvertretende Projektleiterin der Schwäbischen Tafel. „Ja, die langen Schlangen sind erschreckend und machen die Armut in Stuttgart sichtbar. Normalerweise versuchen wir, dies unserer Kundschaft zu ersparen, indem es bei jedem unserer Läden einen Wartebereich gibt, in welchem die Menschen vor der Witterung und vor den Blicken der anderen Leute geschützt sind. Leider ist das derzeit nicht möglich.“
„Wir sind kein Abschaum, keine Asozialen und keine Penner“
Im Tafelladen in Möhringen etwa hat dies bereits zu Reibungen geführt. Denn die Schlange der Wartenden führte dort direkt an einem Biergarten vorbei. Das war sowohl für die Biergartengäste als auch die Tafelladenkunden unangenehm, zumal der vorgeschriebene Abstand teils nur schwer einzuhalten war. „Wir haben die Menschenschlange nun umverlegt“, sagt Pressel. Doch nun häuften sich die Klagen der Wartenden, keinen Schatten vom großen Kastanienbaum mehr abzubekommen.
„Wir haben zu Anfang der Krise mal eine Spende an Regenschirmen bekommen, die können wir jetzt auch als Sonnenschirme nutzen“, so Pressel. Dennoch hoffe man auf eine weitere Spende an Schirmen und Klappstühlen, denn auch das lange Stehen sei für viele eine schwierige Situation. „Wir lassen Menschen mit 100 Prozent Schwerbehinderung eine Viertel Stunde vor der regulären Öffnung rein. Wer gehbehindert ist, bekommt eine Einkaufshilfe an die Seite gestellt. Menschen, die nicht selber kommen können und Kontakt zu uns aufnehmen, werden an die Global Shapers verwiesen, die eine ehrenamtliche Einkaufshilfe organisieren, die dann auch in die Tafelläden kommen können“, sagt Pressel.
Kunden nehmen Wartezeiten in Kauf
Und wie ist das mit der Scham? „Alle die, die aus Scham nicht kommen, sprechen nicht mit uns. Wir können deshalb auch nicht einschätzen, wie viele es tatsächlich sind. Wir erhalten keine Anrufe oder Mails dazu“, sagt Pressel. Die Kunden, die kommen, äußerten sich positiv. „Sie sind froh, dass wir es schaffen, die Tafel weiterhin offen zu halten und sie mit günstigen Lebensmitteln zu versorgen. Sie nehmen die langen Wartezeiten in Kauf“, sagt Pressel. So etwa ein 69-Jähriger und seine 60-jährige Begleitung: „Wir sind aus Angst wegen der Pandemie lange nicht zur Tafel gekommen – jetzt sind wir sogar froh um die lange Schlange, denn der Abstand schützt uns“.
Eine 50-jährige Stuttgarterin hingegen sagt: „Ich gehe mittlerweile sehr offensiv damit um, dass ich beim Tafelladen einkaufe – es gab aber auch schon Tage, da bin ich heulend rausgelaufen“. Das habe an den unmenschlichen Umständen gelegen, der bis zu zweistündigen Wartezeit und daran, dass „sich die Menschen um das Bisschen kloppen“, sagt die Frau. „Ich möchte die Gesellschaft wachrütteln und dafür sensibilisieren, dass es uns gibt. Wir sind kein Abschaum, keine Asozialen und keine Penner. Ich etwa bin nicht arbeitslos, ich habe einen Job. Aber das Geld reicht nicht.“ Sie wünsche sich mehr Akzeptanz für Menschen wie sie. Und mehr Anerkennung für die Arbeit der Tafel, sagt die Frau.
„Durch Corona sind die Tafelläden in den Fokus der Öffentlichkeit geraten“
Hilli Pressel kann trotz allem auch positive Seiten sehen: „Bislang haben wir einfach unsere Arbeit gemacht, jetzt sind wir in den Fokus der Öffentlichkeit geraten. So schwierig dies auch ist, so hat es dennoch den Effekt, dass das Hilfsangebot groß ist, was uns wirklich über die Krise hilft. Allein die große Spende über die Corona-Soforthilfe hat dies deutlich gemacht“. Im April hatten die Stuttgarter Nachrichtenund die Stuttgarter Zeitung in einer gemeinsamen Aktion zur Corona-Soforthilfe aufgerufen, die Leser spendeten über 430 000 Euro. So konnte mit einer namhaften Summe die Existenz der Schwäbischen Tafel mit ihren vier Läden für zwei Monate gerettet werden.
Die Schwäbische Tafel bemerke ihre exponiertere Position aber auch an den vielen Angeboten an ehrenamtlicher Hilfe und durch kleine und größere Privatspenden. „Diese helfen uns über die Krise in sofern, dass wir in der Lage sind, den Notbetrieb aufrecht zu erhalten“. Alle Investitionen wie neue Autos, die wegen der Feinstaubverordnung nötig werden, Reparaturen oder neue Kühlregale, da die alten bei den Sommertemperaturen ausfallen werden, lägen allerdings auf Eis.