Schwäbischer Abend in Neuweiler Oifach mol drhoim sei
Mit dem Schwäbischen Abend hat der Äpflbutza-Wirt Klaus Bauer in Neuweiler etwas ganz Besonderes geschaffen. Sehnsuchtsort und Erfüllung zugleich.
Mit dem Schwäbischen Abend hat der Äpflbutza-Wirt Klaus Bauer in Neuweiler etwas ganz Besonderes geschaffen. Sehnsuchtsort und Erfüllung zugleich.
Wenn Sprache Heimat ist, dann bin ich auch ein Vertriebener, doch an diesem Freitag beim Schwäbischen Abend in Hinterweiler finde ich freundliches Asyl. Unter dem Dach der Besenwirtschaft Äpflbutza sind sie alle heimgekehrt aus ihrer Sprach-Diaspora zom Schwäbisch schwätza. Die Marion aus Esslingen ist da, der Herbert und der Gerhard, die Karin und die wilde Hilde sitzen bei mir am Tisch, die Musik macht der Otto aus Plattenhardt, Verzeihung: Plattahaard. Ich hoffe, man versteht mich.
Das Deutsche hat sich früher in Dialekte gegliedert, Bayrisch, Badisch, Schwäbisch, und man konnte auf zwanzig Kilometer einschätzen, wo einer herkam. Doch jetzt spaltet es sich auf in Soziolekte: Die städtische Oberschicht spricht hochdeutsch, die Unterschicht eine Art gutturales Ausländerdeutsch. Ond I? Schwätz schwäbisch.
Einsamer Rufer in der Sprachwüste. Beim Bäcker, in der Kneipe, im Laden, muss ich meine Sätze meist auf Hochdeutsch wiederholen, damit man mich versteht. So werde ich wohl der Letzte sein, der über den Unterschied von Soich-Hafa und Brunz-Kachel zu sinnieren vermag, und der den Unterschied kennt zwischen einem Ripple und einem Ripp. Kleiner Tipp: Das Ripple ist was zum Essen und die Ripp ist was zum Erbrechen.
Beim Äpflbutza-Wirt Klaus Bauer muss ich nicht viel sagen, schon steht der gespritzte Most auf dem Tisch. Seit 30 Jahren führt er die Besenwirtschaft, schenkte erst selbst gemachten Most aus, kaufte sich einen Weinberg für einen guten Roten, denn er sagt, „des ko koi Württemberger sei, der net mog an guada Wei“. Einmal pro Monat hat er eine Woche lang den Besen offen, dann muss die ganze Familie mithelfen beim Kochen und Bedienen und das macht sie mit viel Spaß. Karin neben mir meint, dass der Äpflbutza deshalb soviel Schwung hat, weil des no a Jonger macht, „der Klaus, der isch doch grad erscht siebzig.“
Aber der Klaus selbst ist ganz froh, dass er die Besenwirtschaft nach und nach seinen Töchtern übergeben kann. Das Essen wird serviert, ein Rostbraten unter einem Berg von geschmälzten Zwiebeln, der bis zum Hals in Bratensoße steckt. Senkt man das Messer in den Teller, dann erzeugt man eine Sturmflut an Soße, die mit voller Wucht gegen den Berg aus Kartoffelsalat brandet, und anschließend in einer milden Mischung aus Soße und Salat so herrlich sauer würzig im Mund verebbt.
Vor ein paar Jahren, nach einem Fußmarsch von 2000 Kilometern habe ich 500 Kilometer vor Santiago de Compostela einen Tschechen getroffen, der zwei Jahre auf dem Jakobsweg gepilgert war. Er sagte: „Ich hab nur einen einzigen Wunsch, einmal noch Schnitzel mit Kartoffelsalat.“ Er sagte das auf Deutsch. Wer wandert, trägt die Heimat mit sich, ihre Sprache, ihren Geschmack.
Wir essen, nach alter Sitte, schweigend.
Klaus Bauer versucht, mit diesem Schwäbischen Abend, mit Gesang und Unterhaltung, seinen Besen zu beleben. Die letzten Musik-Veranstaltungen waren nicht mehr ganz so gut besucht, und das sei doch auch traurig für die Musiker, wenn sie vor wenig Publikum spielen müssten. Heute ist die Bude voll, und Otto aus Plattahaard, ein drahtiger Mann mit Jeans und Schuhen und Hemd im Landhausstil, verteilt jetzt Liederbücher. Das zu schildern ist eigentlich unnötig, soll aber hier als dramatischer Kunstgriff dienen, um die Spannung zu steigern.
Die beiden Paare neben mir, also Herbert und Karin, Gerhard und die wilde Hilde, sind regelmäßige Besengänger. Auch dort hat die Modeküche ihren Einzug gehalten und das passt Herbert nicht. „Der Flammkuacha, do kosch doch glei a Stick Zeitongsbabier essa “, sagt er, worauf ich mich angesprochen fühle, denn bei Zeitungen kenne ich mich aus: „Ond wärsch auch no billiger“, füge ich hinzu und breche damit das Eis. Die beiden Paare sind aus Steinenbronn und Waldenbuch hergekommen, extra für diesen Abend. Nein, sagt Karin und ihr Gesicht wird kurz traurig, der Herbert ist nicht ihr Mann, sondern ihr Partner. Da fragt man natürlich nicht weiter.
Otto aus Plattahaard stärkt sich mit einem Schluck Bier und schnallt sich die Quetschkommode um. Klaus Bauer steht auf und haut mit Wucht zwei Kochdeckel zusammen. Alles schweigt verdattert.
Was der Unterschied ist zwischen einem Soich-Hafa und einer Brunz-Kachel? Gibt es nicht, beides bezeichnet den Nachttopf, der genauso verschwunden ist, wie das Schwäbisch verschwindet und nicht wieder kommt. Im Gegensatz zu mir, denn beim nächsten Schwäbischen Abend, da bin ich garantiert wieder dabei.
Otto spielt „Jetzt kommen die lustigen Tage“ und dann das wunderbar schwermütige Lied von der „Mühle im Schwarzwälder Tal“. Bei dem zärtlichen Vers „Ich gab ihr zum Abschied noch einmal die Hand“, drückt die Karin ihren Herbert ganz sachte am Arm.
Schwäbisch
Das Schwäbische ist ein Dialekt aus dem Kernland des alten Herzogtums Württemberg. Es gehört im weiteren Sinne zu den alemannischen Dialekten, die im mittelalterlichen Schwaben gesprochen wurden und heute in Baden, Württemberg, Bayern, Elsass, Schweiz und Teilen von Österreich und zu Hause sind.
Besenwirtschaft
Bauern können ihre Produkte wie Wein oder Most in eigenen Besenwirtschaften anbieten.