Schwäbischer Dichter Thaddäus Troll Wahlkampf für Willy Brandt

Politik/ Baden-Württemberg: Thomas Faltin (fal)

Aber Thaddäus Troll hatte auch eine sehr kämpferische Seite. Seine schwäbische Seite kennen fast alle, die politische nur wenige. So hat er sich 1969 gerne vom Stuttgarter Historiker Eberhard Jäckel für den Wahlkampf von Willy Brandt einspannen lassen. An der Seite von Günter Grass und Heinrich Böll warb er, teils auf mehreren Veranstaltungen täglich, für mehr Demokratie, die Brandt versprach. Er saß zwei Jahrzehnte im Rundfunkrat des Süddeutschen Rundfunks und arbeitete daran, dass der Sender frei von staatlichem Einfluss bleiben sollte. Und er setzte sich als Funktionär in den Schriftstellerverbänden dafür ein, dass geistiges Eigentum endlich etwas wert sei. Die noch heute für freie Autoren und Journalisten sehr wichtige Künstlersozialkasse war mit Trolls Werk. Und er hat die Gründung des Schriftstellerhauses in der Kanalstraße mit vorangetrieben. Ein typischer Vereinsmeier sei Thaddäus Troll nicht gewesen, schreibt der ehemalige StZ-Redakteur Jörg Bischoff, der jüngst die erste Biografie Trolls veröffentlicht hat. Und er zitiert die Schriftstellerin Irmela Brender, die sagte: „Wenn Thaddäus Troll eine Sitzung leitete, nahm die Tagesordnung Schaden, dafür gewann der Stil des Umgangstons.“

Den Nachgeborenen mögen diese Aktivitäten Trolls gleichgültig sein – für ihn selbst hatten sie größte Bedeutung. Das hat Trolls Tochter Manuela Bayer jetzt noch einmal betont. Kämpferisch waren auch viele von Trolls schwäbischen Gedichten: Sie besitzen eine starke politische Botschaft und hallen wider vor Abscheu vor allen Heuchlern, Frömmlern und Wendehälsen. Alfred Kirchner, der Regisseur der Uraufführung des „Entaklemmers“ 1976, arbeitet deshalb bis heute daran, dass Troll nicht nur als humoristischer, weinseliger Autor wahrgenommen wird, sondern als ein Schriftsteller mit Tiefgang.

Weit weg von jeglicher Heimatglorifizierung fährt Troll zum Beispiel im Gedicht „Stammeseigenschaften“, erschienen im sehr politischen Band „O Heimatland!“, den Schwaben an den Karren: „Uffrichtig ond grad­raus / – solang mer koin schada drvo hot – / guatmiatich bis dortnaus / – aber net wenn s om s geld goht – / wenn s sei muaß saugrob / solang nex uff-m schpiel schtoht – / dees isch dr schwob.“ Und den „Stillen im Lande“ ruft er wütend zu: „Saget net emmer – wenn s halt Gotts will isch – / ond faltet d händ ond lasset s gscheha. / merket eich: Gotts will ka mer au macha.“

Dunkler Fleck in der Vita

Diese Wut auf die Heuchler und Duckmäuser – sie galt auch sich selbst. Denn es gibt ein dunkles Geheimnis im Leben Trolls, das Jörg Bischoff nun in seinem Band klar herausgearbeitet hat. Während des Krieges hat Hans Bayer sechs Jahre lang in der Propagandatruppe von Joseph Goebbels gearbeitet und dabei als Kriegsreporter ins „Triumphgeheul der Wehrmacht und der Nazis“ eingestimmt. Manche Bildunterschriften seien regelrecht von Judenhass geprägt gewesen, schreibt Bischoff.

Dafür hat sich Troll, der nie ein Nazi war, sich aber durchgemogelt hat, später geschämt. Vielleicht fiel es ihm deshalb so leicht, 1946 seinen Namen zu wechseln. In einem kurz nach dem Kriegsende verfassten Lebenslauf schrieb Troll: „Wir ballten die Fäuste in den Taschen, als wir von den Bücherverbrennungen hörten. Wir ballten die Fäuste, aber wir schlugen nicht zu. Und da liegt unsere Schuld. Man hatte uns zu Hamlet-Naturen erzogen. Wir waren keine Rabauken wie die, die ein paar Jahre jünger waren. Uns mangelte die Tatkraft, ihnen die Einsicht. Und nur einer Generation, die beides gehabt hätte, wäre es möglich gewesen, dem Faschismus die Stirn zu bieten.“

Jörg Bischoff sieht in diesem Trauma sogar die eigentliche Triebfeder für Trolls „leidenschaftlichen Widerstand gegen staatliche oder parteiliche Alleinherrschaft, der ihm von nun an zeitlebens die Feder geführt hat“.

Mehr als 70 Bücher hat Thaddäus Troll in seinem Leben geschrieben, daneben unzählige Feuilletons und Theaterkritiken. Es ist noch eine Aufgabe, diese literarische Seite Trolls stärker ins Bewusstsein zu bringen. Was derzeit von ihm bleibt? Er hat mit „Deutschland deine Schwaben“ das Bild dieses Menschenschlages bis heute beeinflusst – obwohl die Sparwut der Schwaben, deren hohe Eigenheimquote und die viel besungene Kehrwoche allesamt hart am Klischee vorbeischrammen.




Unsere Empfehlung für Sie