Schwäbischer Kalender aus Weinstadt Originalen aufs Maul geschaut

Von Annette Clauß 

Die Illustratorin Gisela Pfohl aus Weinstadt hat schwäbische Weisheiten ausgegraben und in ihrem Kalender „oms nomgugga“ bebildert. Er ist im Buchhandel erhältlich.

Für Gisela Pfohl gehört zum Zeichnen zum Tagesablauf Foto: Gottfried Stoppel
Für Gisela Pfohl gehört zum Zeichnen zum Tagesablauf Foto: Gottfried Stoppel

Weinstadt - Früher hat es Gisela Pfohl genervt, dass ihre Mutter für jede Lebenslage einen schwäbischen Spruch auf Lager hatte. Doch diese Zeiten sind vorbei. Schon seit einigen Jahren sammelt die 67-jährige Großheppacherin schwäbische Weisheiten, denn sie findet es schade, dass sie immer weniger Menschen geläufig sind. So hortet sie also, was geht. „Gerade ältere Leute benutzen solche Sprüche noch“, sagt Pfohl, „und hier im Remstal gibt es schon noch viele schwäbische Originale.“

Ein Notizblöckle hat die Illustratorin immer dabei, wenn sie vor die Tür geht, denn die Sprüche findet sie oft ganz unverhofft – mal auf der Straße, mal in der Wirtschaft, mal an der Ladenkasse. Und dann gilt es, sie rasch aufzuschreiben. „Sie sollen nicht verloren gehen“, sagt Gisela Pfohl, die eine spezielle Leidenschaft für jene Exemplare hat, „die man nicht an jeder Ecke hört“. Je abstruser – oder wie der Schwabe sagt „henderschevier“ – eine Redewendung ist, desto besser gefällt sie der Sammlerin. Kostprobe gefällig? Gisela Pfohl lächelt knitz. Bitteschön: „Dem kälberet dr Sägbock uff dr Behne.“ Eine Redewendung, bei der selbst gebürtige Schwaben ins Grübeln kommen, und die vor allem eines zum Ausdruck bringt: dass da einer ganz unverdient unverschämten Dusel hat. Denn wer hat schon mal davon gehört, dass ein Bock Nachwuchs bekommt, noch dazu einer aus Holz, der obendrein auf einem Dachboden steht?

13 Weisheiten für das Jahr 2018

Weil das Bewahren solcher Sprüche nur ein Aspekt ist, und das Benutzen ein weiterer, schreibt Gisela Pfohl die Weisheiten nicht nur auf, sondern bringt sie auch unters Volk. Zum Beispiel in Form ihres neuen Kalenders „2018 oms nomgugga“, der, inklusive Titelblatt, 13 schwäbische Redewendungen präsentiert. Ganz vorne zeigt er einen missmutig blickenden Mann mit gewaltiger Nase, der in einer Hand einen Eimer, in der anderen einen Besen hält, und einer typisch schwäbischen Beschäftigung nachgeht: der Kehrwoche. „Do braucht’s en Willa! (Ond den hot mei Weib)“ lautet der passende Spruch dazu.

Ganz hinten im Kalender gibt es zu jeder Weisheit für alle Fälle eine hochdeutsche Übersetzung. Jeden der Sprüche hat Gisela Pfohl, die schon als Kind mit Begeisterung gezeichnet hat, mit einer Illustration in ihrem ganz eigenen, unverkennbaren Stil versehen: Ihre Hauptdarsteller sind echte Persönlichkeiten, wobei der Zeichnerin das Kunststück gelingt, mit wenigen Strichen Charakterköpfe zu skizzieren. Die eher schlicht wirkenden, meist mit Fineliner zu Papier gebrachten Zeichnungen ergänzt Gisela Pfohl zu Collagen, indem sie ihre Protagonisten beispielsweise mit aus Katalogen ausgeschnittenen Kleidungsstücken ausstattet oder sie vor einem sorgfältig ausgewählten Hintergrund arrangiert. „Wenn ich ein Foto sehe, das mir gefällt, bastele ich das hinten rein.“

Kataloge, Zeitungen und Broschüren im Fundus

In einem Zimmer neben ihrem kleinen Büro bewahrt sie Unmengen von Material auf: Prospekte von Modelabels, aus Zeitschriften ausgeschnippelte Fotos, 40 Jahre alte Ikea-Kataloge, Bilder aus einer der drei Tageszeitungen, die es im Hause gibt, und die erst im Altpapier landen, wenn Gisela Pfohl sie komplett durchforstet hat. Für das Kalenderblatt mit dem Sägbock-Spruch hat die 67-Jährige extra einen Abstecher zu einem Autohaus gemacht und sich die Werbebroschüre eines Autobauers gesichert. Eine PS-starke grüne Protzkarre bildet nun im Monat April den Hintergrund für die Zeichnung, die einen jungen Schnösel mit Sonnenbrille zeigt, der stolz vor dem Gefährt posiert, zu dem er natürlich völlig unverdient gekommen ist.

Tag für Tag sitzt Gisela Pfohl in ihrem winzigen Büro mit Dachschräge und Regalen ringsum, in denen Grimm’s Märchen und Janosch-Bücher neben Liederbüchern und dem Schwäbischen Handwörterbuch, Pfohls Lieblingslektüre, stehen. „Ich brauche die drangvolle Enge zum Arbeiten“, sagt die Großheppacherin, deren erklärter Liebling Tomi Ungerer mit seinen bitterbösen Zeichnungen ist. Ihr Fundus an schwäbischen Sprüchen gebe noch Stoff für einige Kalender her, sagt Gisela Pfohl. Ihr nächstes Herzensprojekt allerdings wäre es, ein schwäbisches Kinderliederbuch zusammenzutragen und zu illustrieren. Damit auch die nächsten Schwabengenerationen „Widele, wedele hinterm Städele“ oder „Es schneielt es beielet“ singen können.