Schwäbisches Fellbach Die Suche nach vergessenen Wörtern

Gugommer sagen die Schwaben – und meinen die Gurke. Foto: Adobe Stock

Der Kulturwissenschaftler Werner Unseld hat die erste Ausgabe der „Fellbacher Wortschätze“ vorgestellt. Die Sammlung soll nun weiter wachsen – vielleicht auch mit Hilfe eines Stammtischs.

Fellbach - Werner Unseld ist ein Genießer. Und für einen Genießer, der sich das Schwäbische auf der Zunge zergehen lassen will, führt natürlich kein Weg an diesem Wort vorbei: Breschdlingsgsälz.

 

Aus den Erinnerungen wird schnell ein Rezept

Für Reingeschmeckte oder Auswärtige mag sich die konsonantenhaltige Vokabel eher unappetitlich anhören – den hiesigen Schwaben läuft dabei unweigerlich das Wasser im Mund zusammen. Und bei der Vorstellung der „Fellbacher Wortschätze“ in der Stadtbücherei am späten Mittwochnachmittag wirkt das Wort geradezu wie ein Zündfunken – spontan begannen bei der Vorstellung einige der knapp 30 Zuhörerinnen von Kindheitserinnerungen und vom Einkochen zu schwärmen. Dass wilde Erdbeeren Berla oder Äberla genannt wurden, daran erinnern sich zwei. Oder dass man Gsälz am besten in der Messingschüssel einkocht. Und dass man für gutes Gelingen am besten eine reife Stachelbeere zu den Erdbeeren hinzufügen sollte. „Und schon haben wir ein Rezept zusammen“, sagt Werner Unseld, dessen Mutter auf ein Verhältnis von 1:1 bei Frucht und Zucker schwöre.

Im Auftrag des Stadtmuseums hatte Unseld zur 900-Jahr-Feier Fellbachs die Arbeit an einem Wörterbuch des hiesigen Dialekts begonnen. Die Bürger waren aufgerufen, vor allem Wörter einzureichen, die man nur hier sagt oder versteht. Es wurden also beileibe nicht nur schwäbische Begriffe gesucht – trotzdem machten sie 99 Prozent der Einsendungen aus, wie Unseld am Mittwoch bilanzierte. Und das, obwohl der „bodenständige Ortsdialekt der Alteingesessenen“ fast verschwunden sei. „Viele seiner lautlichen Besonderheiten, auch viele Wörter mit Bezug zur ländlichen Arbeits- und Lebenswelt, sind kaum noch zu hören“, sagte Unseld. Eigentlich waren Arbeitskreise geplant, um genau solche vergessenen Schätze zu heben. Das Interesse daran war auch unter den Zuhörern am Mittwoch spürbar groß. Doch die Pandemie machte diese Pläne zunichte. Ein Anfang sei trotzdem gemacht, sagte der Ludwigsburger Kulturwissenschaftler. Vielleicht seien solche Arbeitskreise ja in naher Zukunft wieder möglich. Dann könnte doch noch ein stattliches Wörterbuch aus dem kleinen Büchle werden.

Ein sprachlicher Streifzug durch den Garten

Woher das Wort Breschtling kommt, das konnte allerdings auch der 69-jährige Kulturwissenschaftler nicht erklären, der früher im Freilichtmuseum Beuren (Kreis Esslingen) den Sachgebietsbereich Forschung und Vermittlung geleitet hat. Wohl aber, dass das Eingsälzen sich ursprünglich aufs Haltbarmachen mit Salz bezog und dann beibehalten wurde, als man mit Zuckerrübensirup auch Süßes einkochen konnte. Womöglich sogar im Verhältnis eins zu eins, auf gut Schwäbisch also „Pfond für Pfond“.

Sein anschließender Streifzug durch den Garten klang jedenfalls wie eine Rückkehr in Großmutters Bauerngarten: Dort wuchsen Brockele, Äbira und Gelbe Rüba, genau wie Gugommern. Aber während viele der Zuhörer die Bezeichnungen für Erbsen, Kartoffeln und Karotten kannten, war das bei dem alten Wort für Gurken anders.

Tatsächlich habe man bis nach dem Zweiten Weltkrieg das Wort „Gurke“ eher selten verwendet, erzählte Unseld. Damals war das Wort Gugommer weit verbreitet. Und obwohl es so klingt, als sei es eine von vielen aus dem Französischen entliehene Vokabel, leitet sich das Wort von der lateinischen Bezeichnung für Gurke ab – dort heißt sie cucumis sativus. Dazu habe vermutlich vor allem der Tübinger Botaniker Leonhard Fuchs beigetragen, sagte Unseld. Er habe in seinem Kräuterbuch aus dem Jahr 1543 die Cucumis mit „gemeine cucumern oder gurken“ übersetzt. Bekannt gewesen seien sie hierzulande aber schon seit den Römern.

Dem Nachbarland sprachlich treu geblieben – trotz vieler Kriege

Geradezu wehmütig wurden viele, als Unseld aufzählte, was das Schwäbische alles vom Französischen übernommen hat: Nicht nur die halbe Einrichtung wird französisch benannt – vom Buffet über die Chaiselongue bis hin zum Bottschamber, dem Nachttopf also. Auch bei vielen alltäglichen Tätigkeiten ist der Einfluss des Nachbarlandes herauszuhören: Wer Stoffe einfasst, paspeliert. Hat ein Kleid seine Form verloren, hat es keine Fasso mehr. Wer etwas schätzt, der ästimiert. Wer flirtet, pussiert. Selbst Namen haben sich im Lauf der Zeit verändert: „So wurde aus einem Georg ein Schorsch.“

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In vielen Worten sei immer noch der Einfluss des französischen Hofes und später von Napoleon spürbar, sagte Unseld. Selbst er staune darüber, wie das Schwäbische die Nähe zu Frankreich spiegele und trotz aller politischen Verwerfungen über die Jahrhunderte die Lehnwörter beibehalten habe. Aus seiner Sicht zeigt das auch, dass das Schwäbische weit weniger engstirnig ist als Spötter weismachen wollen. Mehr noch: er entdeckt darin gar einen Gegenentwurf zum Pietismus. Das Büchlein „Fellbacher Wortschätze von A bis Z“ ist im Stadtmuseum zum Preis von drei Euro erhältlich.

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