Boeing 737 Max Schwächen der Boeing 737 Max

Zwei Maschinen des Typs 737 MAX sind kürzlich abgestürzt. Foto: AP

Innerhalb von nur fünf Monaten sind zwei Maschinen des Typs 737 MAX wenige Minuten nach dem Start abgestürzt. Was über die Absturzursachen bekannt ist, ob und wann das Flugverbot aufgehoben wird und welche Auswirkungen der Skandal auf Boeing hat – ein Überblick.

Stuttgart - Innerhalb von nur fünf Monaten sind zwei Maschinen des Typs 737 MAX wenige Minuten nach dem Start abgestürzt, am 29. Oktober 2018 ein Flugzeug der indonesischen Gesellschaft Lion Air und am 10. März eines von Ethiopian Airlines. 346 Menschen sterben; keine Überlebende. Ein weltweites Flugverbot für diesen Typ war wenige Tage später die Folge.

 

Was ist die Boeing 737 MAX für ein Flugzeug?

Mit dem Airbus A320neo brachte Airbus seinen amerikanischen Konkurrenten in Zugzwang, ebenfalls ein Kurz- und Mittelstreckenflugzeug mit den neuesten besonders sparsamen und leisen Triebwerken anzubieten. Ähnlich wie die Europäer löste Boeing dies nicht durch eine zeitraubende und teure Neuentwicklung, sondern durch die Weiterentwicklung der seit 1996 in Produktion befindlichen Version der 737. Die wichtigsten Unterschiede zwischen der alten und der neuen 737 sind die neuartigen Flügelspitzen sowie die Triebwerke. Letztere haben einen um 20 Zentimeter größeren Durchmesser, was die Integration schwierig machte, denn die 737 hat ein kurzes Fahrwerk und damit unter dem Flügel wenig Platz. Die Ingenieure in Seattle lösten dies, indem sie die Triebwerksaufhängung so veränderten, dass sich der Motor bei der 737 MAX ungewöhnlich weit vor dem Flügel befindet.

Was ist über die Absturzursachen bekannt?

Bei beiden Unfällen laufen die Untersuchungen noch. Für den Lion Air-Absturz liegt ein Zwischenbericht der indonesischen Behörden vor. Bei dem Flugzeug war ein Sensor defekt, der den Anstellwinkel misst, also den Winkel zwischen dem Flügel und der anströmenden Luft. Wird dieser Winkel zu groß, reißt die Luftströmung über dem Flügel ab, der Auftrieb bricht zusammen und das Flugzeug verliert stark an Höhe bzw. stürzt ab. Der Sensor war vom Wartungspersonal nicht ordnungsgemäß repariert worden und löste kurz nach dem Start ein Sicherheitssystem mit dem Namen MCAS aus. Dieses verstellt die Höhenrudertrimmung des Flugzeugs so, dass die Maschine in einen starken Sinkflug übergeht. Die Piloten erkannten nicht, warum das Flugzeug gegen ihren Willen immer wieder die Nase senkte, und ergriffen deshalb nicht die richtigen Gegenmaßnahmen. Der Flugdatenschreiber und die Sprachaufzeichnung aus dem Cockpit des Flugzeugs von Ethiopian Airways wurden in Frankreich ausgewertet. Die Ergebnisse werden voraussichtlich innerhalb der nächsten zwei Wochen im Rahmen eines Zwischenberichts veröffentlicht. Allerdings wurde bekannt, dass auch hier das MCAS das Flugzeug in einen Sinkflug gebracht hat.

Wo liegt das Problem mit dem MCAS?

Das MCAS (Maneuvering Characteristics Augmentation System) ist eine Software, die die Flugeigenschaften der 737 MAX bei geringen Geschwindigkeiten und hohen Querneigungen verbessern soll. Weil die Triebwerke so weit vor dem Flügel angebracht sind, erzeugen sie ein Moment, das die Nase des Flugzeugs nach oben drückt. Dass kann dazu führen, dass das Flugzeug zu langsam wird und es zu einem Strömungsabriss kommt.

Das MCAS soll dem entgegenwirken, indem es die Neigung des Höhenleitwerks vergrößert. Dadurch erhört sich der Auftrieb und die Nase des Flugzeugs senkt sich. Boeing hat die Piloten nicht über dieses System informiert. Man ging offenbar davon aus, dass dies nicht nötig sei, weil sich ein Fehler genauso beseitigen lässt wie eine andere Fehlfunktion des Höhenrudertrimmung – nämlich durch schlichtes Abschalten mit Hilfe von zwei dafür vorgesehenen Knöpfen in der Konsole zwischen den beiden Pilotensitzen. Inzwischen wurden die Pilotenhandbücher und die Schulungsunterlagen ergänzt.

Gravierender ist, dass das System nur die Daten von einem Anstellwinkelsensor berücksichtigt, obwohl zwei vorhanden sind. Fehlerhafte Daten kann es also nicht erkennen. Zudem hat sich während der Flugerprobung der 737 MAX gezeigt, dass die Höhenflosse nicht um 0,6 Grad geneigt werden muss, wie ursprünglich geplant, sondern um massive 2,5 Grad. Trotz dieser gravierenden Veränderung wurde dem MCAS während der Zertifizierung des Flugzeugs durch die US-Luftfahrtbehörde FAA nur wenig Beachtung geschenkt.

Wann wird das Flugverbot wieder aufgehoben?

Boeing arbeitet bereits seit November an einer neuen Software. Diese wurde Anfang Februar auch der Europäischen Flugsicherheitsbehörde EASA vorgestellt und Mitte dieses Monats bei Testflügen erprobt. Diese neue Version des MCAS beseitigt die Defizite, indem sie die Daten beider Anstellwinkelsensoren auswertet und die Trimmung nicht mehr so stark verstellt, dass die Piloten dies nicht mit dem Höhenruder kompensieren könnten. Nach der Überprüfung und Zertifizierung wird sie an den Fluggesellschaften ausgeliefert, die ihre Flugzeuge dann nach einem Software-Update wieder einsetzen dürfen.

Welche Auswirkungen für Boeing aus?

Bisher haben 81 Kunden 5015 Boeing 737 MAX bestellt. Es ist nach aller Erfahrung nicht damit zu rechnen, dass es hier zu Abbestellungen kommt. Wer heute bei der Konkurrenz eine A320 neo ordert, muss mit sechs bis sieben Jahren Wartezeit rechnen. Für den wirtschaftlichen Schaden, den die Airlines durch die Stilllegung der bereits ausgelieferten 381 Flugzeuge erlitten haben, wird Boeing aufkommen müssen.

Dieser Betrag dürfte mit geschätzt 150 Millionen Dollar klein sein im Vergleich zu dem Schadenersatz den Boeing an die Hinterbliebenen der beiden Abstürze wird zahlen müssen. Hier wird es um Milliarden gehen. Außerdem hat das FBI Ermittlungen aufgenommen, um festzustellen, ob sie jemand bei Boeing oder bei der FAA strafbar gemacht hat.

Und schließlich haben einflussreiche Kongress-Abgeordnete bereits angekündigt, dass auch sie die Vorgänge um die Zulassung der 737 MAX untersuchen wollen. Die These: Weil die Republikaner dem FAA nicht genug Budget zur Verfügung gestellt haben, fehlte es der Behörde an qualifizierten Mitarbeiter, um das Zulassungsverfahren mit der gebotenen Sorgfalt und Sachkenntnis durchführen zu können.

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