Kreis Böblingen - Verunsicherung und emotionaler Stress sind die täglichen Wegbegleiter einer Schwangerschaft. Dasselbe lässt sich wohl auch über die Coronapandemie sagen. Ist dem so, käme eine Schwangerschaft während der Corona-Zeit einer doppelten Belastung gleich. Die Schwangerenberaterinnen und Hebammen im Umkreis bestätigen dies: Ihren Klientinnen geht es durchschnittlich schlechter als in den Vorjahren.
Viel mehr Beratungsgespräche als früher
Bei der katholischen Schwangerschaftsberatung der Caritas Rottenburg-Stuttgart blieb die Zahl der Beratungsfälle nach Ausbruch der Coronakrise auf gleichem Niveau wie im Vorjahr, das berichtet Referentin Eva-Maria Bolay. 2019 nahmen 7038 Klientinnen die Beratung in Anspruch, 2020 waren es 7028. Ein signifikanter Anstieg zeigte sich dagegen bei der Anzahl der Beratungsgespräche, diese nahmen um 14,5 Prozent zu.
Das Beratungsangebot habe man seit Beginn der Pandemie durchgängig aufrechterhalten. „Jede Ratsuchende hat eine Betreuung bekommen“, betont Eva-Maria Bolay. Dies sei auch richtig so, denn der Anspruch auf eine Beratung in allen Fragen der Schwangerschaft sei im Gesetz verankert.
Viele Klientinnen sorgen sich um die Gesundheit ihres Säuglings
In seinem Bericht für das Coronajahr 2020 verzeichnet der Caritasverband verschiedene Problemlagen. Zunächst kämpften viele Klientinnen aufgrund von Kurzarbeit oder Arbeitsplatzverlust mit wirtschaftlicher Not und Existenzängsten. Rosa Giaccone, Schwangerenberaterin bei der Caritas Böblingen/Calw, bestätigt dies für den Kreis Böblingen: Im Jahr 2020 waren finanzielle Probleme bei mehr als 90 Prozent der Ratsuchenden Thema der Beratung. Mehr als 60 Prozent hatten sozialrechtliche Fragen, also Fragen die den Mutterschutz, die Elternzeit, die Betreuungsmöglichkeiten und ähnliches betreffen. Hier zeichne sich ebenso eine Steigerung zur Vor-Corona-Zeit ab.
Darüber hinaus beklagten viele Klientinnen seelische Belastungen, die vor allem durch ihre Isolation hervorgerufen wurden. Den Schwangeren fehle es an Austausch und Unterstützung. Viele erhielten frühzeitig eine Beschäftigungsverbot und verloren daraufhin den Kontakt zum Arbeitsumfeld. Gruppenangebote wie Elternkurse, die normalerweise die Möglichkeit bieten, mit anderen werdenden Müttern in Kontakt zu treten, fielen aus. Häufig konnten Väter oder andere Familienmitglieder bei Arztterminen oder der Geburt nicht dabei sein. „Die Schwangeren waren auf sich gestellt“, sagt Eva-Maria Bolay. „Daran litten vor allem Alleinerziehende“, ergänzt Rosa Giaccone. Schwangere aus kinderreichen Familien hatten zusätzlich mit Überlastung zu kämpfen. In Zeiten von Schulschließungen verbrachten viele Familien ihre Zeit auf engem Wohnraum, was Spannungen und Konflikte auslöste.
Große Unsicherheit wegen der Impfung
Auch die evangelische Schwangerschaftsberatung der Diakonie Leonberg bestätigt eine Zunahme an finanziellen sowie psychischen Problemlagen. Viele ihrer Klientinnen sorgten sich zudem um die Gesundheit ihres Säuglings – einerseits vor dessen Ansteckung mit dem Coronavirus und andererseits um die Auswirkung einer Schutzimpfung auf das noch ungeborene Kind. „Da gibt es große Verunsicherungen“, sagen die Beraterinnen Kerstin Gerischer und Kathrin Schwerin. Die Sorgen hätten zwar mit der Zeit abgenommen, aber seien nach wie vor präsent. Auch Rosa Giaccone hat diesen Eindruck: „Viele wollen sich nicht impfen lassen“, sagt sie.
Frauen mit wenigen Sprachkenntnissen tun sich am Telefon schwer
Ebenso hat die Beratungsstelle der Pro Familia Böblingen die finanzielle Not ihrer Klientinnen zu spüren bekommen. Seit Beginn der Pandemie wurden deutlich mehr Anträge auf finanzielle Hilfen gestellt, berichtet Schwangerenberaterin Sarah Carstensen. Die Zunahme der Anträge bei der Bundesstiftung Mutter und Kind beispielsweise betrage etwa 20 Prozent. „Man merkt, dass den Familien das Einkommen fehlt“, sagt Carstensen.
Seit Beginn der Pandemie setzt Pro Familia Telefonberatungen ein, die persönliche Beratung wird je nach Inzidenz ausgeweitet beziehungsweise eingeschränkt. Die Beratung via Telefon fände laut Sarah Carstensen bei vielen Klientinnen Zuspruch. „Es ist bequemer“, sagt sie. Insbesondere für Frauen, die einen weiteren Anfahrtsweg haben oder Kinder, auf die sie aufpassen müssen, sei sie eine gute Alternative. Auch bei der Caritas wurden damit gute Erfahrungen gemacht: „Vor allem die jüngere Generation hat die Telefonberatung gut angenommen“, sagt Rosa Giaccone.
Für Schwangere mit Sprachproblemen allerdings sei die Telefonberatung eine Herausforderung, so die Sicht der Schwangerenberatungsstelle des Landratsamts in Böblingen. Diese Frauen hätten sich teilweise nicht getraut ihr Anliegen telefonisch vorzubringen. Die Beratungsstelle des Landratsamts verzeichnet leicht rückläufige Beratungszahlen seit Beginn der Pandemie. Die Fälle haben von 2019 auf 2020 um etwa elf Prozent abgenommen, die Gespräche um circa sieben.
Der Hebammenmangel wird in der Pandemie nochmals deutlich
Neben finanzieller und psychischer Beratung muss die Beratungsstelle seit Ausbruch der Pandemie auch vermehrt beim Ausfüllen von Formularen und Anträgen Hilfestellung leisten. Besonders in Zeiten des Lockdowns, in denen Ämter geschlossen hatten, und Anträge vermehrt online gestellt werden mussten, war diese Unterstützung gefordert. Und das noch nicht genug: „Hinzu kommt die Schwierigkeit eine Hebamme zu finden“, sagt Beraterin Brigitte Binder-Kirn.
Der Hebammenmangel ist ein altbekanntes Problem. Doch durch die Coronakrise habe sich die Situation nochmals verschärft. Laut der Freiberuflerin Simone Müller-Roth sei der Betreuungsbedarf seit Ausbruch der Pandemie stark gestiegen. „Die Frauen kommen mit mehr und mit anderen Fragen“, sagt sie. „Sie sind stark verängstigt.“
So wie die Beratungsstellen führe auch Simone Müller-Roth vermehrt Telefonberatungen durch, jedoch gehe sie auch weiterhin auf Hausbesuche. Dies sei letztlich notwendig, damit sie die Schwangeren richtig untersuchen könne. Um weiter Präsenzkurse anzubieten, mietete die Hebamme extra einen größeren Raum an, um die Abstandsregelungen zu gewährleisten. „Die Schwangeren sind sehr glücklich darüber, dass es diese Möglichkeit gibt“, betont sie.
Betreuung in der Schwangerschaft
Schwangerenberatungsstellen
Im Landkreis Böblingen gibt es vier Anlaufstellen für die Schwangerschaftsberatung: Das Gesundheitsamt Böblingen , das Caritas-Zentrum Böblingen, das Haus der Diakonie Leonberg und Pro Familia Böblingen. Weitere Informationen gibt es unter www.schwanger-in-bb.de im Netz.
Hebammen
Unter www.hebammen-bb.de wird eine Liste der Hebammen im Kreis Böblingen geführt. Aufgrund des Hebammenmangels wird Schwangeren empfohlen so früh wie möglich nach einer Hebamme zu suchen.
Hebammensprechstunde
Für Frauen die bei ihrer Hebammensuche erfolglos bleiben, wird donnerstags von 15 bis 18 Uhr eine Hebammen-Sprechstunde in Böblingen (Anmeldung unter 07031 / 6631740) und dienstags von 9.30 bis 11.30 in Leonberg (Anmeldung unter 07152 92030) angeboten.