Die Stimmung war entspannter als erwartet: Bei den Sondierungsgesprächen reden Union und Grüne über Gemeinsamkeiten und betonen gleichzeitig, was sie trennt. Am Ende zeigen alle verhaltene Zufriedenheit.

Titelteam Stuttgarter Zeitung: Armin Käfer (kä)

Berlin - Für Claudia Roth, eine Woche noch Vorsitzende der Grünen, ist an diesem Donnerstag „Veggie-Day“. Sie wollte Käsespätzle ordern, als Angela Merkel in der Parlamentarischen Gesellschaft am Berliner Spreebogen zu Tisch bat. Doch die Kanzlerin ließ nur Schnittchen und Kuchen servieren. Der Tafelrunde, die da zusammen saß, lag ohnehin genug anderes schwer im Magen.

So war CSU-Chef Horst Seehofer zum Beispiel darauf bedacht, nicht ausgerechnet neben Jürgen Trittin Platz nehmen zu müssen. Für Seehofer könne der Tisch, an dem acht Grüne und vierzehn Unionisten ausloten wollten, ob sie sich auf das Abenteuer von Koalitionsgesprächen einlassen, gar nicht groß genug sein, erzählt ein Vertrauter. Nach der Wahl hatte der CSU-Chef ja verkündet, einem wie Trittin werde er nicht die Hand geben. Später ließ er ausrichten, auf Trittin komme es ja nicht mehr an. Schließlich haben sie es aber doch knapp drei Stunden miteinander im gleichen Raum ausgehalten.

Die Stimmung war entspannter als erwartet

Die Stimmung, die da herrschte, wurde entspannter beschrieben, als die unfreundlichen Wortwechsel vorab erwarten ließen. So hatte ausgerechnet Trittin Innenminister Hans-Peter Friedrich noch kurz vor dem Treffen wegen dessen Einlassungen zum Schicksal der Flüchtlinge auf Lampedusa beschimpft. Der CSU-Mann offenbare einen „Abgrund an Zynismus“.

Das haben sie dann später nicht weiter vertieft. Das Thema sei „nur angerissen“ worden, berichtet Grünen-Chefin Roth. Der gleiche Befund gilt für weiteren heiklen Gesprächsstoff: etwas den Klimaschutz, die Massentierhaltung, die Bürgerrechte und die Finanzpolitik. Die Reizworte Bürgerversicherung, Betreuungsgeld und Mindestlohn kamen noch gar nicht zur Sprache. Insgesamt, so drückt sich Roth aus, habe sie „nicht die Begegnung der unheimlichen Art“ erlebt.

Kommenden Dienstag gehen die Gespräche weiter

Dem widersprechen die Unionisten nicht. CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe berichtet von einem „offenen, sachlichen, sehr an Inhalten orientierten Gespräch“. Allerdings seien dabei „zum Teil ganz erhebliche Unterschiede“ in der Bewertung politischer Notwendigkeiten offenbar geworden. Gröhes CSU-Kollege Alexander Dobrindt formuliert mit minimalem Aufwand an Charme: „Das Treffen ist nicht so verlaufen, dass man sich nicht wieder treffen könnte.“

Dieses Fazit wurde nach 174 Minuten des Dialogs gezogen. Da twitterte Grünen-Sprecher Michael Schroeren, das „Konsolidierungsgespräch“ sei vorerst beendet. Es wird am kommenden Dienstag um 17 Uhr an gleicher Stätte fortgesetzt. Nach der zweiten Runde müsse dann aber entschieden werden, ob Koalitionsverhandlungen sinnvoll sind – oder eben nicht. Bis zur Konstituierung des Bundestags am 22. Oktober müsse der Wähler Klarheit darüber haben, wer künftig regiert.

Dobrindt, der unlängst noch dafür plädiert hatte, die Grünen mit Missachtung zu strafen, hat nun eine „ernsthafte und professionelle Atmosphäre“ wahrgenommen. Gröhe fügte hinzu, die Gespräche seien „mit der gleichen Ernsthaftigkeit“ geführt worden, wie am Freitag vergangener Woche mit der SPD. Einen Unterschied haben die beiden Unionisten aber festgestellt. „Der Weg von den Grünen zu uns ist etwas weiter als von der SPD zu uns“, sagte Dobrindt. Er habe den Eindruck gewonnen, „dass man mit dem einen oder anderen besser auskommt als mit einem Dritten“. Und Gröhe fasste zusammen: Man habe sich bisher eigentlich mehr „über das Abstecken von Wegmarken“ unterhalten als über „das Bewältigen von Wegstrecken“.