20 Jahre lang hat es keine öffentlichen Führungen durch den Schwarzen Adler gegeben. Am Tag des offenen Denkmals war es endlich wieder mal so weit.

Das Interesse an Leonbergs ältestem Gebäude ist groß, schließlich gab es 20 Jahre lang keine öffentlichen Besichtigungen mehr. Rund 85 Neugierige stiegen am Sonntag am Tag des offenen Denkmals durch das markante Haus treppauf, treppab, so bilanziert Sylke Welz-Dambacher, die Tochter des Eigentümers Kurt Welz.

 

Dabei galt es gut 25 Meter zu überwinden, die der einstige Wohn- und Wehrturm in die Höhe ragt. Ganz oben im Dach angekommen, hat man eine prächtige Aussicht nach Süden und Norden auf die Stadt und das weite Umfeld. Schon das allein lohnt die Mühe, die teils steilen Treppen zu erklimmen.

Wohnungen und Büros auf zwei Etagen

Kurt Welz hat die geschichtsträchtige Immobilie im Jahr 1998 ersteigert und für die Komplettsanierung noch einmal Mehrfaches des Kaufpreises in das Denkmal investiert. Sein Schwiegersohn Jürgen Dambacher führte im ersten Stock eine Weile lang ein Restaurant mit „anspruchsvoller Küche“. Danach folgten viele Pächterwechsel. Inzwischen strömt kein köstlicher Essensduft mehr aus der Küche.

In den Räumen sind auf zwei Stockwerken Wohnungen und Büros eingerichtet worden. Nur im Erdgeschoss gibt es zwei Lokale, „Café Bar Schwarzer Adler“ prangt auf der Südseite unter dem Gasthausschild mit dem doppelköpfigen Adler und der Krone auf dem Haupt. „Das Schild stammt von 1899“, erzählt Kurt Welz. „Der Orkan Lothar hat es 1999 heruntergerissen, daher ist es jetzt mit zwei Ketten befestigt.“

Zum ersten Mal erwähnt wurde das Steinhaus im Jahr 1350, es ist aber vermutlich schon älter. Denn schon im 13. Jahrhundert bekam Leonberg eine Befestigungsanlage samt Stadtmauer. Der Wohn- und Wehrturm in der Nähe des oberen der beiden östlichen Stadttore war Teil dieser Anlage.

Noch heute ist dies im Inneren erkennbar. Welz weist auf eine Pulverkammer hin, und bei einem der Fenster sind in die dicken Mauern Wehrsitze eingearbeitet, auf denen die Wachen die Stadt im Blick behalten konnten.

Einst lagerten hier die Zehntabgaben

Immer weiter geht es hinauf im Leonberger Wolkenkratzer, der ursprünglich nur zwei Obergeschosse hatte. Der heute als Fachwerkkonstruktion sichtbare obere Teil wurde erst später aufgesattelt. Der mächtige Dachstuhl stammt von 1430. Er ist mit Eichen aus dem Leonberger Wald und Bäumen aus dem Schwarzwald errichtet worden und immer noch ganz gerade. Oben im Dachstuhl „ist alles original erhalten“. In früheren Jahrhunderten lagerten dort die Zoll- und Zehntabgaben, die in Naturalien entrichtet wurden. Diese wurden per Seilzug ganz nach oben befördert.

Der Schwarze Adler zählt eine Menge Zimmer und Kammern. Foto: Simon Granville

Das rund 800 Jahre alte Haus hatte – wie könnte es anders sein – eine ganze Reihe von Besitzern: Niederer Adel etwa und das Kloster Bebenhausen, Württemberger Grafen und Herzöge, die ihre Vögte und Oberamtsmänner dort unterbrachten. Mit Beginn des 19. Jahrhunderts ging es dann an „bürgerliche“ Eigentümer über, die das massive Gebäude für vielerlei Zwecke nutzten.

Besonders bekannt aber wurde es durch zwei Ereignisse. In seinen Räumen soll 1457 der Leonberger Landtag stattgefunden haben; die Örtlichkeit ist allerdings historisch umstritten. Zwar hat diese erste Versammlung an der auch erstmals Delegierte des Bürgertums beteiligt waren, in Leonberg stattgefunden, aber womöglich in den Räumen der damaligen Burg. Wie auch immer – Kurt Welz zeigt den Gästen ein Fenster, an dem der ehemalige Ministerpräsident Günther Oettinger für ein Foto anlässlich der 550-Jahr-Feier 2007 für den Leonberger Landtag posierte.

Schauplatz eines „Hexenprozess“-Verhörs

Zum zweiten Mal spielte der Schwarze Adler eine allerdings eher unrühmliche Rolle, als der herzogliche Untervogt Einhorn die in Leonberg wohnende Mutter des Weil der Städter Astronomen Johannes Kepler 1615 zum Verhör in das Gebäude beorderte und damit den „Hexenprozess“ gegen sie in Gang setzte.

Auf die Frage, was es für ein Gefühl sei, in einer langen Reihe von Vorgängern dieses außerordentliche Gebäude, ein Wahrzeichen der Stadt, heute zu besitzen, zuckt Kurt Welz die Schultern. „Mich kennen dadurch viele Leute, die ich selbst gar nicht kenne“, sagt der 83-Jährige schmunzelnd. „Aber das Haus war für mich noch nie eine Last, im Gegenteil, es gibt mir ein positives Gefühl.“