Schwarzer Donnerstag Wasserwerfer bei einer friedlichen Demonstration nicht gerechtfertigt

Thomas Mohr glaubt an die Gerechtigkeit. Deswegen ist er vor 21 Jahren Polizist geworden. Er war bei zahllosen Demonstrationen im Einsatz. "Ganz ehrlich, manchmal hätte ich mir gewünscht, so vorgehen zu können wie im Schlossgarten. Aber doch nicht gegen diese harmlosen Menschen."

Mohr ist ein nachdenklicher Mensch. Erst denken, dann reden. Wenn er über die Verhältnismäßigkeit des Einsatzes am 30. September spricht, sprudelt es aus ihm heraus. "Bei den Kurdenprotesten in Mannheim haben wir Wasserwerfer eingesetzt. Aber die wurden erst gerufen, als die Demonstration gewalttätig wurde", sagt er.

Damals sei es verhältnismäßig gewesen. "Aber dass die im Schlossgarten gleich von Anfang an da waren - mit dieser Machtdemonstration wurde die bewährte Linie der Deeskalation verlassen."

Verhältnis zwischen Polizei und Demonstranten hat sich verändert

Mohr weiß ohne nachzudenken, wann ihm vor einem Jahr klar wurde, dass der Einsatz nicht nach Plan läuft: 12.25 Uhr. "Ich kam mit meiner Hundertschaft in den Schlossgarten. Die Geräuschkulisse war nicht normal. So war es nie bei Stuttgart-21-Einsätzen."

23 Minuten später spritzt der erste Wasserwerfer. Die Stuttgart-21-Klientel kennt der Mannheimer Polizist gut. Bei elf Einsätzen ist der 49-Jährige vor dem 30. September dabei gewesen. "Wir haben immer mit allen geredet - es hat nur noch gefehlt, dass wir nach dem Einsatz zusammen Kaffee trinken gehen." Ein Umgangston, den er mag. Begegnungen mit Demonstranten, wie sie seit dem "schwarzen Donnerstag" kaum noch möglich sind.

Ein Jahr danach schlendert Ursula Viertel durch den Schlossgarten. Ein milder Herbsttag, genau wie damals. Unweit des Planetariums sieht sie ein buntes Zeltlager. Mit dem Schlossgarten-Camping verhält es sich, wie mit dem gesamten Projekt Stuttgart 21. Die einen sagen: ein Schandfleck für die Stadt, in dem sozial auffällige Menschen hausen. Die Gegner des Tiefbahnhofs entgegnen: eine Trutzburg des aufrechten Widerstands. Schwarz oder weiß. Nichts dazwischen.

Ursula Viertel saß mitten in der Kampfzone

Ursula Viertel zuckt mit den Schultern. Sie wuchs in Stuttgart auf, lebte 36 Jahre im Westen, bevor sie hinauszog nach Rudersberg. Ins Grüne. Am Amtsgericht schrieb sie jahrelang Protokolle: Diebstahl, Steuerhinterziehung, Körperverletzung. "Es ging kreuz und quer", erzählt sie. "Am Gericht menschelt es wie überall sonst auch. Aber ich hatte Vertrauen in den Rechtsstaat. Ich muss nicht immer mit ihm einig sein, aber ich muss alles nachvollziehen können."

Am 30. September ist etwas in ihr zerbrochen. Ursula Viertel blickt sich um. Neben dem Biergarten frühstücken Zeltbewohner. Auf der anderen Seite des Wegs ragen die blauen Container des Grundwassermanagements empor, wo früher Bäume standen. "Hier", sagt sie und blickt auf den Asphaltweg, der durch den Park führt, "hier saß ich." Mitten in der Kampfzone.

Wie Erinnerungsfetzen dringen Bilder in ihren Alltag ein. Ursula Viertel bleibt stehen, sie runzelt die Stirn: der verheulte Jugendliche, dessen Freund sie eine Flasche Wasser reicht. Sie selbst, wie sie von drei Beamten weggetragen wird und dabei noch sieht, "wie eine junge Frau neben mir eine volle Ladung Pfefferspray ins Gesicht bekommt".