Purnima Grätz und Elisa Hofmann spielen Hauptrollen in der Serie „House of Yang“ von Stefanie Ren (von links) Foto: SWR, LUNA ZSCHARNT
Stefanie Ren hat an der Ludwigsburger Filmakademie studiert und verrät, wie ihre Kindheit im Schwarzwald zum Stoff für die Berlinale-Erfolgsserie „House of Yang“ wurde.
„Es ist 04:23 Uhr in der Früh und ich stecke irgendwo auf einer Berlinale-Party, auf der plötzlich niemand mehr ist, den ich kenne.“ Das schreib Stefanie Ren vor 14 Jahren in unserer Zeitung. Damals berichtete sie in der Online-Kolumne „Behind the Scenes“ regelmäßig darüber, was sie als Studentin an der Ludwigsburger Filmakademie erlebte. Heute schreibt sie statt Kolumnen Drehbücher und hat die Serie „House of Yang“ gemacht, die bei der Berlinale Premiere gefeiert hat und im Herbst im Ersten zu sehen ist. In der Mystery-Serie erbt eine Frau ein abgelegenes Haus, in dem schon mehrfach Mädchen verschwunden sind. Ein Gespräch über Alltagsrassismus im Schwarzwald der 1990er Jahre, Stephen King als Rettungsanker – und darüber, warum Mystery manchmal ehrlicher ist als jedes Sozialdrama.
Frau Ren, aus Ihrer Kolumne, die Sie als Studentin an der Filmakademie Ludwigsburg für diese Zeitung geschrieben haben, weiß ich, dass Sie 2012 schon einmal auf der Berlinale waren. Hätten Sie sich damals vorstellen können, dort selbst mit einem Film oder eine Serie vertreten zu sein?
Niemals. Man kommt hierher, sieht diese großen politischen Filme, dieses Arthouse-Kino – und ich habe mich immer eher im Unterhaltungsbereich gesehen. Ich möchte Tiefgang, aber eben auch Unterhaltung. Dass ich hier einmal mit einer Serie Premiere feiern würde, hätte ich mir nicht träumen lassen.
Tatsächlich war die Premiere von „House of Yang“ aber nicht ihr erster Berlinale-Auftritt: 2019 eröffnete der Film „Cleo“, für den Sie das Drehbuch geschrieben haben, die Kinderfilm-Reihe der Berlinale.
Ja, ich erinnere mich noch genau an die Premiere von „Cleo“ vor sieben Jahren im Haus der Kulturen der Welt. Diese Stimmung in diesem riesigen Saal – das war die schönste Premiere meines Lebens – bis dann „House of Yang“ im Zoo Palast lief.
Was hat Sie an der Filmakademie in Ludwigsburg am meisten geprägt?
Das Praktische. Ich habe viele Kurzfilme geschrieben, die dann auch gedreht wurden. In der Theorie kann man viel über Dramaturgie lernen. Aber erst wenn eine Szene auf der Leinwand ist, merkt man, ob sie funktioniert. Dieses unmittelbare Feedback war unbezahlbar. Und dann gab es den Austausch mit der UCLA in Los Angeles – wir waren unter anderem bei Roland Emmerich und bei HBO. Das war ein echtes Highlight.
Aufgewachsen sind Sie als Deutsch-Taiwanesin im Nordschwarzwald. Ihre Kindheit war allerdings nicht nur idyllisch. Sie sprechen in Bezug auf Ihre Serie von Alltagsrassismus.
Ja. Meine Kindheit war nicht immer rosig. In den 90ern war es einfach ungewöhnlicher, wenn jemand anders aussah oder eine andere Kultur hatte. Das war oft nicht böse gemeint. Ich erinnere mich an ein Mädchen im Kindergarten, das auf mich zeigte und fragte: „Warum siehst du so komisch aus?“ Das tut weh – auch wenn es Unwissenheit ist.
War es schwer, das jetzt erstmals so offen zu verarbeiten?
Überraschenderweise nicht. Ich hatte eher das Gefühl: Das will raus. Es war sehr heilsam, das aufzuschreiben.
Wie autobiografisch ist „House of Yang“?
In meiner Familie sind keine Mädchen verschwunden. Aber ich bin in einer deutsch-chinesischen Familie aufgewachsen. Meine Eltern haben Chinesisch miteinander gesprochen, ich verstand es nicht. Dieses Gefühl, in einem Haus zu leben und sich doch nicht ganz zugehörig zu fühlen – das kenne ich. Dazu kam die deutsche Großmutter, die den Krieg erlebt hat, und vieles, worüber geschwiegen wurde. Diese transgenerationalen Themen wollte ich erzählen.
Weil ich finde, dass man schwere Themen manchmal besser in ein Genre packt. Ich erzähle von Rassismus, von Traumata, von starken Frauenfiguren – würde ich das als reines Drama pitchen, würde man vielleicht sagen: Brauchen wir gerade nicht. In einem Mystery-Setting kann man all das miterzählen. Und es tut dann vielleicht weniger weh.
Sie sind bekennender Fan von Stephen King.
Absolut. Seine Außenseitergeschichten haben mir viel Kraft gegeben. Die Figuren wachsen über sich hinaus, finden Freundschaften, sind nicht mehr allein. Ich habe seine Bücher verschlungen. Und sein Buch „On Writing“ war das erste, das ich mir gekauft habe, als ich selbst zu schreiben begann. Von ihm kann man enorm viel lernen – gerade, weil er so populär ist, wird das manchmal unterschätzt.
Mystery birgt die Gefahr, am Ende zu enttäuschen. Wie schwer war es, ein Ende für die erste Staffel zu finden?
Das war tatsächlich das Schwierigste. Man baut ein Mysterium auf – und die Erklärung kann dem oft nicht standhalten. Ich wollte das vermeiden. Zwei Wochen bin ich mit meinem Partner in ein verlassenes Haus in Italien gefahren, um in Ruhe Episode fünf und sechs zu schreiben. Das war nötig. Und am Ende bin ich jetzt sehr zufrieden.
Stefanie Ren (dritte von links) mit dem „House of Yang“-Team Foto: IMAGO/imagebroker
Die Serie spielt auf mehreren Zeitebenen, unter anderem im Jahr 1999. Für diese Zeit schlägt Ihr Herz besonders heftig?
Definitiv. Die meisten in unserem Team sind Kinder der 90er. Wir haben uns gegenseitig gefeiert, wenn jemand noch etwas von früher mitgebracht hat. Wir hatten Geld für einen Song aus der Zeit und haben uns für die Freundeskreis-Nummer „Mit Dir“ entschieden. Diese Band war für mich wichtig: aus der Region, aber international im Sound. Das musste sein.
„House of Yang“ ist eine Produktion von SWR und soll im Herbst im Ersten ausgestrahlt werden. Wäre ein globaler Streamer reizvoller gewesen?
Natürlich wäre es schön, sofort weltweit verfügbar zu sein. Aber wir hatten beim SWR große Freiheiten. Niemand hat uns hineingeredet, was gerade klickt oder trendet, wir wurden stattdessen in unserem Erzählwunsch unterstützt. Ich glaube, nur so konnte diese besondere Serie entstehen. Und wir haben jetzt einen Weltvertrieb – ich bin zuversichtlich, dass sie reisen wird.
Vor drei Jahren haben Sie auch das Drehbuch für den tollen Aktivismus-Thriller „A Thin Line“ geschrieben – eine Serie des Streamingdiensts Paramount+, der wenig später sämtliche Eigenproduktionen eingestellt hat. Hat sich das Klima für neue Stoffe wieder verschärft?
Ja, ich glaube schon, dass eine Blase geplatzt ist. Es fühlt sich ein bisschen an wie vor dem Streaming-Boom. Für Berufsanfängerinnen ist es gerade nicht leicht. Ich habe großes Mitgefühl – ich erinnere mich noch gut, wie schwer der Einstieg war.
Sie arbeiten bereits an einem neuen Projekt mit skandinavischen Partnern.
Ja, das Projekt entsteht auf Englisch. Das ist eine Herausforderung, gerade bei Dialogen. Aber ich freue mich darauf. Man muss sich auch immer wieder aus der Komfortzone bewegen.
Und wie geht es jetzt weiter?
Nach den Berlinale-Terminen arbeite ich direkt weiter. Pause gibt es keine. Aber das ist ein Luxusproblem. Ich bin sehr dankbar, dass ich diese Geschichten erzählen darf – und dass sie hier gesehen werden.
Stefanie Ren und „House of Yang“
Person Stefanie Ren wird 1987 in Taiwan geboren und wächst im Nordschwarzwald auf. 2013 macht sie ihren Abschluss an der Ludwigsburger Filmakademie. Sie hat unter anderem die Drehbücher für den Kinofilm „Cleo“, den Netflix-Film „Für Jojo“ und die Paramount+-Serie „A Thin Line“ geschrieben. Stefanie Ren lebt in Berlin.
Serie Stefanie Ren ist Showrunnerin und Autorin der Mystery-Serie „House of Yang“, die bei der Berlinale Premiere gefeiert hat. Mit dem Serienkonzept hatte Ren den Ideenwettbewerbs „Tief im Südwesten“ gewonnen, den der SWR ausgeschrieben hatte. Der Sechsteiler ist voraussichtlich im Herbst 2026 in der ARD Mediathek zu sehen.