Schwarzwald-Tourismus Der Filz wird nur halbherzig durchleuchtet
Aufträge an die Firma der Freundin, eine untaugliche App, kumpelnde Kontrolleure – im Schwarzwald-Tourismus gäbe es viel zu untersuchen. Geschieht das auch?
Aufträge an die Firma der Freundin, eine untaugliche App, kumpelnde Kontrolleure – im Schwarzwald-Tourismus gäbe es viel zu untersuchen. Geschieht das auch?
Die Wirtschaftsministerin war auf die Frage sichtlich vorbereitet. Bei der Pressekonferenz nach der Kabinettssitzung musste Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) nicht lange überlegen. Ob ihr bekannt war, dass die Schwarzwald Tourismus Gesellschaft (STG) in Freiburg einen Teil der Landeszuschüsse an jene Agentur weiterleite, bei der die Lebenspartnerin des STG-Geschäftsführers in leitender Stellung arbeite? Und dass die mit hunderttausenden Euro ihres Ressorts geförderte KI-generierte „Schwarzwald-Marie“ weitaus schlechter funktioniere als ein gängiges Sprachmodell für ungleich weniger Geld? „Nein, mir war das nicht bekannt“, antwortete die Ministerin. Für die Tourismusförderung habe man ein „ganz transparentes Verfahren aufgesetzt“, und den Erfolg der digitalen Markenbotschafterin bewerte man, wie stets, erst nach Abschluss des Projekts.
Bei den STG-Gesellschaftern war die persönliche Verbindung zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer angeblich bereits seit 2018 bekannt. Da habe der 2017 verpflichtete Hansjörg Mair (57) offenbart, dass er mit Claudia Raith (51) von der Saint Elmo’s Tourism privat liiert sei. Doch die Vertreter der Schwarzwald-Landkreise fanden lange offenbar nichts dabei. Erst als unsere Zeitung über die verdächtig nach Filz riechende Konstellation berichtete, gaben sie plötzlich eine Sonderprüfung in Auftrag. Eine unabhängige Gesellschaft solle sich nun die Auftragsvergaben anschauen und auch prüfen, ob die eigenen Compliance-Regeln ausreichten.
Seither sind Wirtschaftsprüfer von Deloitte im Freiburger „Tourismus-Kompetenzzentrum“ unterwegs, wo die Schwarzwald-Vermarkter, Saint Elmo’s und weitere Akteure unter einem Dach residieren. Einen niedrigen fünfstelligen Betrag lässt sich die STG die Untersuchung dem Vernehmen nach kosten, den „ersten Berichtsentwurf“ erwarten Aufsichtsrat und Gesellschafter noch vor Weihnachten. Bis dahin werden keine Fragen mehr beantwortet. Die Prüfung sei „auf einen spezifischen Sachverhalt begrenzt“ und werde „professionell und vertraulich durchgeführt“, heißt es nur. Mögliche Versäumnisse früherer Gremienvorsitzender seien nicht Teil des Auftrages.
Dabei liegen solche Versäumnisse geradezu auf der Hand – weniger bei den aktuellen Vorsitzenden, den Landräten Christian Ante (Breisgau-Hochschwarzwald) und Thorsten Erny (Ortenau), sondern bei ihren Vorgängern: Dorothea Störr-Ritter (70), heute Landesgeschäftsführerin der CDU, und Frank Scherer (62), heute als Unternehmensberater tätig. Wenn beide schon seit Jahren von der Verbindung Mair-Raith wussten, warum wird diese erst jetzt, da sie öffentlich wurde, unabhängig untersucht? Darauf gibt es von niemandem eine Antwort. Offen bleibt auch, wie der seit 2024 amtierende Freiburger Kreischef Ante auf Problemanzeigen reagiert hat, von Touristikern und sogar der zuständigen Fachfrau aus seiner eigenen Behörde.
Dabei hätte es offenbar schon früh Anlass gegeben, genauer hinzuschauen. Bereits bei der ersten oder einer der ersten Auftragsvergaben an Saint Elmo’s soll es zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein. Die Formverstöße seien auch aufgefallen, aber für „geheilt“ erklärt worden – wie, wird nicht verraten. Mit der Kontrolle nahmen es die Aufseher offenbar nicht sonderlich ernst. Alle wichtigen Dinge hätten die Landräte vorab besprochen, berichtet ein Kommunalpolitiker aus dem Aufsichtsrat, das Gremium habe es bei Kaffee und Kuchen dann nur noch abnicken dürfen. Wer kritische Fragen stellte, machte sich unbeliebt. Zudem galten Scherer – lange der starke Mann in den STG-Gremien – und der Geschäftsführer Mair als dicke Kumpels.
Auskünfte zu den Aufträgen an Saint Elmo’s, eine Tochter der Serviceplan-Gruppe, gibt derzeit nur das Stuttgarter Wirtschaftsministerium. Auf Antrag des FDP-Landtagsabgeordneten Erik Schweickert listete es auf, wie viele Fördermittel zwischen 2022 und 2024 an die Agentur weitergeleitet wurden: fast 280 000 Euro. Gegenüber unserer Zeitung nannte das Ressort auch die Zahlungen für die Jahre 2019 bis 2021: gut 310 000 Euro. Für 2017 und 2018 – jene Jahre, in denen es zu Unstimmigkeiten gekommen sein soll – lägen keine Akten mehr vor, aufgrund von „Zweckbindungs- und Aussonderungsfristen“.
Das Geld floss in ganz unterschiedliche Projekte, erfolgreiche und weniger erfolgreiche. Als gelungen gilt die Zusammenarbeit mit dem Sportartikelhersteller Puma: Gemeinsam entwickelte man eine Sneaker-Collection, mit der der Schwarzwald bei einem jüngeren Publikum punktete. Ein datengestützter „Schwarzwald-Monitor“ erwies sich dagegen als Fehlschlag: „Unbrauchbar und teuer“ lautete das Urteil von Touristikern. Ständig, wird berichtet, seien Mair und Raith gemeinsam unterwegs gewesen – auch dann, wenn sich die Agenturfrau um neue Aufträge für Saint Elmo’s bemühte. Beim Aufbau einer gemeindeübergreifenden Zusammenarbeit im Markgräflerland etwa soll der STG-Chef die Akquise seiner Freundin flankiert haben. Doch schon um die Namensgebung gab es Streit.
Besonders fragwürdig erscheint das Projekt „Schwarzwald Marie“, ein KI-unterstützter Chatbot, der im Dialog detaillierte Tipps zu Angeboten und Ausflügen geben soll. Das funktioniert bisher mehr schlecht als recht. Gängige Sprachmodelle wie ChatGPT helfen weitaus besser und schneller weiter als die mit Daten der Region gefütterte „Marie“. Der kleine Remstal-Tourismusverein führte dem großen Schwarzwald kürzlich vor, wie man so etwas richtig macht: Mit seiner „Remstal-Lisa“ präsentierte er einen Beratungs-Avatar, der eine „neue Ära der digitalen Gästekommunikation“ einläute. Bald könnten Lisa und ihre Kollegen sogar auf Schwäbisch Tipps für Touren und Einkehrmöglichkeiten geben – und mit synchron bewegten Lippen.
Dahinter steht ein KI-System, das die Stiftung des im Remstal ansässigen Künstlers und Mathematikers Bernd Bartolome entwickelt hat – ganz ohne öffentliche Fördermittel. Es komme auf die richtige Datenbasis an, erläuterte er bei der Präsentation. Fehle es daran, stottere ein Avatar vor sich hin – wie die „Schwarzwald Marie“. Eine „Sophie“ mit Bollenhut, die er kreiert hat, stellt die teuer mit Steuergeldern geförderte Schwester klar in den Schatten. Kein Wunder, dass Bartolomes Konzept im Tourismus auf großes Interesse stößt – dem Vernehmen nach auch bei den Schwarzwald-Werbern und ihrem Datendienstleister.
Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut verweist derweil auf den Erfolg der „Schwarzwald-Marie“ beim Deutschen Tourismuspreis: Da habe sie bekanntlich den vom ADAC gesponsorten Publikumspreis gewonnen. Während der Abstimmung hatte der STG-Chef Mair in breit gestreuten Mails um Unterstützung gebeten, auch bei Politikern. Beim Tourismus-Innovationspreis des Landes, der im Januar auf der Messe CMT vergeben wird, fiel das vom Land geförderte Projekt dagegen als unausgereift durch. Warum das Remstal mit seiner ungleich fitteren „Lisa“ nicht zum Zuge kam, kann man dort „nicht nachvollziehen“. Begründet wird es bisher nicht.
Bei der Pressekonferenz wurde Hoffmeister-Kraut auch nach der Rolle ihres Tourismus-Staatssekretärs gefragt, des Breisgauer CDU-Abgeordneten Patrick Rapp. Der galt lange ebenfalls als dicker Duz-Kumpel des Schwarzwald-Geschäftsführers Mair. Gerne traf man sich im geselligen Kreis, auch mit der Agenturfrau Raith. Inzwischen bemüht sich Rapp, das Verhältnis als distanzierter darzustellen. Angesichts der Filz-Vorwürfe wirkt er zusehends nervös. Dass Mair die Recherchen unserer Zeitung per Rundbrief zum Angriff auf die „CDU-geführte Tourismus-Politik des Landes und insbesondere den Staatssekretär“ erklärte, war für ihn nicht hilfreich. „Eine Riesendummheit“, kommentiert ein altgedienter Schwarzwald-Vertreter.
Ob sie noch Vertrauen in die Amtsführung ihres Staatssekretärs habe, dem es erkennbar an Distanz zu den Akteuren fehle? Zu persönlichen Angelegenheiten könne sie nichts sagen, erwiderte die Ministerin, aber zum anderen Punkt. „Ich habe volles Vertrauen in die Amtsführung von Dr. Rapp.“