Schweden als Vorbild Schweden macht Schule

Digitales Lernen – für viele, aber eben nicht für alle Schüler im Südwesten Realität: Oft fehlt das Endgerät. Foto: dpa/Sebastian Gollnow

Heilbronner Lehrer haben an Schwedens Schulen hospitiert, um sich Anregungen für die Integration von Migrantenkindern zu holen. Dann kam die Coronakrise. Was haben die Pädagogen gelernt?

Heilbronn - Eigentlich sollte es bei dem Besuch in Schweden vor allem um das Thema Sprachförderung in der Schule gehen. Diesen Bereich hat sich die Stadt Heilbronn besonders auf die Fahne geschrieben, nicht nur weil der Stadtkreis mit einem Migrantenanteil von 26,2 Prozent den zweitgrößten Ausländeranteil im Land hat – nach Pforzheim und vor Stuttgart. Landesweit liegt der Anteil bei 15,9 Prozent. „Auch die deutschen Kinder profitieren davon“, betont Anne Lepper vom städtischen Bildungsbüro, die die Hospitanz mit organisiert hat.

 

Dann kam die Coronakrise, und im Nachhinein erhält die Visite von 23 Heilbronner Lehrern im südschwedischen Lidköping im Februar und im März für die hiesigen Pädagogen noch eine zweite Lernebene. Denn in Schweden ist schon jetzt vieles schon digitaler Schulalltag, was in Baden-Württemberg erst noch eingeführt werden soll.

300 000 Schüler sollen ein Tablet oder ein Laptop ausleihen können

So hat Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) verkündet, dass Baden-Württemberg im Rahmen des Digitalpakts Schule Geld vom Bund bekomme. Das Land werde den Förderbetrag auf insgesamt 130 Millionen Euro aufstocken. Damit könnten künftig 300 000 Schüler, die zu Hause kein digitales Endgerät zur Verfügung haben, ein Tablet oder ein Laptop ausleihen. Das entspricht laut Ministerium etwa einem Fünftel aller Schüler im Land. „Es darf nicht sein, dass ein Kind in Baden-Württemberg benachteiligt ist, weil es keinen Laptop zur Verfügung hat“, sagt Eisenmann.

So ist es aber. Zwar gilt in Schweden wie in Baden-Württemberg die Lernmittelfreiheit. Nur gilt die in dem skandinavischen Land umfassend, sie reicht vom kostenfreien Schulbus über den Bleistift und das Heft und Arbeitsbücher bis zum Tablet und zum Mittagessen in der Schulmensa. Kreidetafeln haben ausgedient, gearbeitet wird mit Whiteboards. Tablets least die Schule für jedes Kind. Das digitale Endgerät kommt vielfach zum Einsatz, es ist Arbeitsheft, Aufgabenheft, Arbeitsbuch und Kommunikationsinstrument in einem. In Schweden, erzählt Anne Lepper, brauchen die Kinder keinen Ranzen. „Die hatten ein Vesperbrot in der Tasche und vielleicht noch einen Block. Das war alles.“

In Schweden wird eine Bildungsplattform landesweit genutzt

Hierzulande hat sich während der Coronakrise jede Schule, jeder Lehrer seine eigene digitale Bildungsplattform gebastelt. In Schweden gibt es eine einzige, die landesweit genutzt wird und auf die Lehrer und Schüler und auch die Eltern zugreifen können: Sie sehen, wo ihr Kind leistungsmäßig steht und sie kommunizieren mit den Pädagogen ihrer Sprösslinge über die Plattform.

Für Transparenz sorge das zum Beispiel auch bei einem Schulwechsel, sagt Harald Schröder, der Leiter der Heilbronner Elly-Heuss-Knapp-Gemeinschaftsschule, der zu den Hospitanten gehört hat. In Baden-Württemberg sei es Schulen untersagt, Informationen über Schüler an die künftige Schule weiterzugeben.

In Schweden sehen die Lehrer der neuen Einrichtung, wo das Kind Stärken hat, und wo die Schwächen liegen. „Zu uns kommt immer ein weißes Blatt“, sagt Schröder. Das habe einerseits den Vorteil, dass man sich ein eigenes Bild mache. „Manchmal wäre es aber schon gut zu wissen, was bereits alles unternommen wurde.“

Migranten erhalten Unterricht in ihrer Muttersprache

Und was ist mit dem Datenschutz? Auf die Frage hat Schröder fast schon gewartet. „Mit unserer deutschen Gründlichkeit stehen wir uns manchmal selbst im Weg“, klagt der Rektor. „Die Schweden sind schließlich den gleichen EU-Richtlinien unterworfen wie wir.“ Und da funktioniere es auch.

Aber auch in Sachen Sprachförderung hat die Reisegruppe einiges mitgenommen. So ist „Schwedisch als Zweitsprache“ ein eigenes Unterrichtsfach, und Migrantenkinder bekommen Unterricht in ihrer Muttersprache. Oft stehen dem Lehrer muttersprachliche Lernassistenten während des Unterrichts zur Seite. Denn wer seine eigene Sprache sicher beherrsche, lerne leichter andere Sprachen, erklärt Dorothea Eisele, Schulleiterin des Justinus-Kerner-Gymnasiums. „Schüler blühen auf, wenn sie sich von Anfang an in die Schulgemeinschaft aufgenommen fühlen.“ Eisele begrüßt die Digitalisierungsoffensive in Baden-Württemberg, „das Land unternimmt da gerade sehr viel, um sich weiter zu entwickeln“, sagt sie. Doch die Schüler-Lehrer-Beziehung sei durch nichts zu ersetzen.

Im Bildungsbüro der Stadt wird indes am neuen Sprachförderkonzept gearbeitet. Anregungen aus der Schwedenreise werden einfließen, insbesondere die Idee der Lernassistenten hat es Anne Lepper angetan. Man prüfe, sagt sie, ob sich das in Heilbronn umsetzen ließe.

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