Schweigemarsch in Geislingen Stadt gedenkt Zwangsarbeitern

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Mehr als 2000 Frauen und Mädchen sind in der Zeit des Nationalsozialismus bei WMF und anderen Geislinger Betrieben als Zwangsarbeiter eingesetzt worden. Ein Schweigemarsch soll an ihr Schicksal erinnern.

Die WMF hatte an der Heidenheimer Straße ihre Baracken für die Zwangsarbeiter aufgestellt. Foto: Stadtarchiv
Die WMF hatte an der Heidenheimer Straße ihre Baracken für die Zwangsarbeiter aufgestellt. Foto: Stadtarchiv

Geislingen - Mit einem Schweigemarsch unter der Überschrift „erinnern, ehren, versöhnen“ gedenkt Geislingen am Freitag, 8. Mai, der jüdischen Frauen und Mädchen im Alter von 11 bis 45 Jahren, die während der Naziherrschaft im dortigen KZ-Außenlager lebten und bei der WMF als Zwangsarbeiterinnen schuften mussten. Initiiert von der Evangelischen Allianz Geislingen, beteiligen sich weitere kirchliche, kulturelle und gesellschaftliche Gruppierungen an dem Marsch, an den sich eine Infoveranstaltung in der Jahnhalle anschließt. Neben dem Bericht einer ehemaligen Gefangenen, die eigens aus Israel angereist ist, wird auch die Geschichte des Lagers und der Umgang der Geislinger mit diesem düsteren Kapitel der Stadtgeschichte thematisiert.

Am Freitagvormittag empfängt der Oberbürgermeister Frank Dehmer eine zwölfköpfige israelische Delegation um die Überlebende des Geislinger Lagers, Miryam Sobel, im Rathaus. Dehmer möchte Sobel die Hand zur Versöhnung reichen und ihr für den Besuch in der Stadt danken, in der sie „großes Unrecht erfahren hat“. Sobel wird begleitet von ihrer Familie und Verwandten einer weiteren Leidensgenossin. Die Israelin hat sich bereit erklärt, bei der Abendveranstaltung in der Geislinger Jahnhalle über ihre Erlebnisse in dem Geislinger Lager zu berichten.

Spur der Zwangsarbeiter findet sich in Yad Vashem

Initiiert worden sind der Marsch und die Abendveranstaltung von der Evangelischen Allianz, zu der mehrere evangelische Kirchengemeinden wie Baptisten und Methodisten sowie die Volksmission und die Liebenzeller Gemeinschaft zählen. Auf der Suche nach der Identität der damaligen Gefangenen konnten Mitglieder der Allianz in diesem Frühjahr von einer Reise zur Jerusalemer Holocaustgedenkstätte Yad Vashem überraschenderweise die Namen von 813 WMF-Zwangsarbeiterinnen mitbringen.

„Wir wollen ein Zeichen setzen und uns der Vergangenheit stellen“, beschreibt Dehmer 70 Jahre nach Kriegsende die Stimmung in der Stadt, die von 1941 an rund 2000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene vorwiegend aus Osteuropa, auf verschiedene Unterkünfte verteilt, beheimatete. Die meisten dieser Verschleppten waren bei der WMF in der Rüstungsproduktion eingesetzt, viele mussten aber auch in anderen mittelständischen Unternehmen, in Kleinbetrieben und in der Landwirtschaft die von der Wehrmacht eingezogenen Betriebsangehörigen ersetzen. Erst 1944 richtete die WMF in Zusammenarbeit mit dem elsässischen KZ Natzweiler-Struthof das Geislinger Außenlager auf einem städtischen Gelände an der Heidenheimer Straße ein. Dort wurden von Juli 1944 an insgesamt rund 1000 jüdische Frauen und Mädchen untergebracht.

Das Mahnmal soll nicht in den Stadtpark

Mit ihrem Schicksal hat sich der SPD-Stadtrat Hansjürgen Gölz schon in den 80er Jahren beschäftigt und sich mit einer Bürgerinitiative vergeblich für ein Mahnmal im Stadtpark eingesetzt. Stattdessen wurde das Mahnmal 1984 weit ab vom Ort des Geschehens auf dem Friedhof Heiligenäcker errichtet. Weil die Zeit reif sei, fordert Gölz nun die Versetzung in den Park.

In der Jahnhalle will der geschichtsbewusste Pädagoge am Freitagabend darüber berichten, wie sich der Umgang der Geislinger mit der Erinnerung an das vergessene Kapitel der Stadtgeschichte gewandelt hat. „Früher gab es darüber heftigste Kontroversen. Das Verdrängen, Verleugnen und Vergessen ist heute vorbei. In den 80er Jahren war man noch betroffen, aber jetzt ist es Geschichte.“




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