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Schweiz Vergangenheit und Gegenwart

Von aus Grimentz 

Wer ins Land der Eidgenossen reist, der findet zum einen spektakuläre Landschaften. Zum anderen aber auch jede Menge historischer Orte, die vom Patriotismus der Menschen zeugen.

Asiaten und Araber aus den Golfstaaten sind inzwischen eine der stärksten Besuchergruppen in der Schweiz, bleiben aber nur zwei bis drei Tage. Foto: Grabitz
Asiaten und Araber aus den Golfstaaten sind inzwischen eine der stärksten Besuchergruppen in der Schweiz, bleiben aber nur zwei bis drei Tage. Foto: Grabitz

Es fängt schon mit den Blumen an - den Sommerblumen. Nur wer in der warmen Jahreszeit kommt, kann auf einer grünen Alm wandern und die reine blaue Farbe von Enzianblüten einmal selbst sehen. Oder die Geranien. Als der 400-Seelen-Ort Grimentz im katholischen Wallis 1831 eine eigene Kirche bekommen hat, sollen die Frauen das ganze Dorf mit Geranien geschmückt haben. Der Grund: Sie hatten sich so darüber gefreut, dass sie künftig für das sonntägliche Hochamt nicht mehr erst ins Tal hinabsteigen müssen. Seitdem wird in Grimentz jedes Jahr ein Wettbewerb ausgefochten, wer sein Haus am schönsten mit Geranien schmückt. Selbst im September ist die Blütenpracht noch beeindruckend. Wer ist nur auf die seltsame Idee gekommen, die aus Südafrika stammende Pflanze in die Nähe des gepflegten Spießertums zu rücken? Bestimmt nicht der 83-jährige Jean Vouardoux. Der rüstige Alte serviert den Touristen im Bürgerhaus von Grimentz Rèze, einen Gletscherwein, der in 900 Liter großen Fässern aus Lerchenholz bei konstant zwölf Grad Temperatur gelagert wird und in seinem Geschmack etwas an Portwein erinnert.

Der Tourismus der Schweiz

Jean erzählt, wie der Tourismus das Leben hier oben auf 1500 Meter Höhe verändert hat: Früher waren die Bewohner in dieser Region saisonale Nomaden. Den Sommer über oben auf der Alm, im Herbst zogen die meisten Bauernfamilien dann hinunter ins Rhone-Tal, wo sie den Winter verbrachten. Und zwar zusammen mit ihren Kühen. „Ich habe die 18 Kilometer lange Strecke irgendwann in den 50er Jahren das letzte Mal zu Fuß gemacht“, erinnert sich Jean. 1957 wurde ein erster Skilift gebaut, zehn Jahre später dann einer, der ordentlich war. So richtig mit dem Ski-Tourismus sei es dann in den 70er Jahren losgegangen. Luftlinie sind es von Grimentz aus ja nur ein paar Kilometer über die Berge ins Berner Oberland. Welch ein großes Hindernis die 3500 Meter hohen Alpen für die Menschen lange darstellten, das spiegelt sich heute noch im Sprachgebrauch im Wallis wider. „Als der Lötschberg aufging, sind wir schon näher an die Schweiz gerückt“, berichtet eine Dorfbewohnerin. Kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges ist den Ingenieuren das Meisterstück gelungen, erstmals eine elektrisch betriebene Lokomotive durch den Lötschberg-Tunnel fahren zu lassen. „Wir sind das Mekka von Mekka“, scherzt Dieter Aegenter, der Hüttenwirt am Harder Kulm.

Auf seiner Sonnenterrasse tummeln sich viele Touristen, die aus der Golfregion kommen. Teils streng verschleiert, teils westlich gekleidet drücken flitternde Muslime um die Wette auf ihre Smartphones. Der Ausblick ist schon für Mitteleuropäer spektakulär: Zu den Füßen liegt Interlaken mit den beiden Seen, Thuner und Brienzer. Und dahinter die Alpenkette mit Jungfrau (4158 Meter), Mönch (4107 Meter) und Eiger (3970 Meter). Was muss das für ein Eindruck sein für Augen, die in der Sandwüste zu Hause sind? Traditionell sind aber die Schweizer Touristen diejenigen, die im Land der Eidgenossen für die meisten Übernachtungen sorgen. Das ist auch heute noch so. Bis 2008 lagen die Deutschen auf Platz zwei. Das hat sich durch den starken Franken inzwischen aber massiv geändert. Martina Fuhrer von Interlaken-Tourismus erläutert: „Jetzt liegen China, Hongkong, die Golfstaaten und Korea vorn, dann erst kommt Deutschland und bald danach Indien.“ Die Schweizer Gastronomen tragen es mit Fassung, dass der EU-Markt gerade so gut wie zusammengebrochen ist. Sie können es verschmerzen, wenn nur genügend zahlungskräftige Kunden mit außereuropäischem Pass den Weg hierhin finden. Im Schnitt, so hört man, gibt jeder Gast aus den Golfstaaten am Tag in Interlaken zwischen 600 und 700 Franken aus. Da kommen die allermeisten Italiener, Deutschen und Österreicher nicht mehr mit. Und schon gar nicht, wenn sie mit Kindern unterwegs sind.

Die Schweiz und ihre historischen Ereignisse

Bilderbuchlandschaften gibt es auch rund um den Vierwaldstätter See. Und Geschichte. In Brunnen im legendären Hotel Walstätter Hof sind schon Winston Churchill, die englische Königin Victoria und der Schriftsteller Hermann Hesse abgestiegen. Damals waren die Verweildauern der Reisenden freilich anders als heute. Besucher aus den Golfstaaten kommen heute für zwei, drei Tage in die Schweiz, die englische Königin blieb gleich mehrere Wochen. Auch das Grand Hotel, das 1904 eröffnet wurde und inzwischen in Eigentumswohnungen mit fantastischem Blick umgebaut wurde, könnte viele Geschichten erzählen. Macht und Mythos der Schweiz verdichten sich dann regelrecht zu einer Landschaft auf der anderen Seeseite. Vorbei geht es mit dem Boot am Schillerstein, der 20 Meter aus dem Seewasser ragt. Friedrich Schiller, der das Drama über den Nationalhelden der Schweiz, Wilhelm Tell, schrieb, soll übrigens selbst nie Schweizer Boden betreten haben. Die Idee für das Stück soll ihm sein Freund Johann Wolfgang von Goethe abgetreten haben. Dann das Rütli, eine Lichtung im Wald, über der an diesem Mittag im Herbst ein Habicht kreist. Der Legende nach sollen hier die Vertreter der Urkantone 1291 einander den Rütlibund geschworen haben.

Dies ist der historische Ort der Schweiz, Gründungsstätte der Eidgenossenschaft. Der Ort besticht durch die Abwesenheit von Pathos und Rummel gleichermaßen. Kein Nepp, keine Buden, und die Gaststätte in unmittelbarer Nähe serviert sogar ein erstklassiges Mittagessen. Die Schweizer mögen eigen und große Patrioten sein. Man muss ihnen aber lassen, dass sie eine wohltuende Zurückhaltung selbst bei den Taten an den Tag legen, auf die sie stolz sein dürfen. Henri Guisan war es, der am 25. Juli 1940 mit einer spektakulären Aktion die Neutralität der Schweiz wahrte. Der Offizier, der in dieser heiklen Phase des Zweiten Weltkriegs den Oberbefehl über die Armee hatte, protestierte gegen Ergebenheitsadressen, die Schweizer Politiker an Hitler-Deutschland gesendet hatten. Er sorgte nämlich dafür, dass 500 Offiziere der Schweizer Armee mit dem Dampfschiff „Stadt Luzern“ zum Rütlirapport herbeigebracht wurden, und ließ sie antreten. Die angereisten Soldaten schworen den Eid des unbedingten Widerstandes gegen die von Faschisten regierten Nachbarländer Deutschland und Italien. Eine unscheinbare Blechtafel weist heute auf dieses Zeugnis schweizerischen Patriotismus hin. Im Winter verdeckt allerdings manchmal der Schnee die Schrift.

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