Schwere Zeiten für duale Ausbildung Weniger Azubis, mehr Studenten

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2030 werden 80000 Azubis weniger erwartet als heute - ein Rückgang um 17 Prozent. Eine Studie der Bertelsmann-Stiftung fordert deshalb fundamentale Reformen.

Volle  Hörsäle: der Trend geht zum Studieren. Foto: dpa-Zentralbild
Volle Hörsäle: der Trend geht zum Studieren. Foto: dpa-Zentralbild

Berlin - Es ist schon merkwürdig: International wird Deutschland gelobt, weil das hierzulande praktizierte duale Ausbildungssystem so viele Jugendliche in Lohn und Brot bringe und deshalb die Arbeitslosigkeit unter jungen Menschen vergleichsweise niedrig sei. Viele Länder versuchen deshalb die Kombination aus Praxis im Betrieb und Theorie in der Berufsschule in ihre Bildungssysteme zu übertragen. In Deutschland allerdings geht der Anteil derer, die eine solche Ausbildung anstreben, seit Jahren zurück. Eine Studie der Progmos AG, erstellt im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung, zeigt nun, dass dieser Trend wohl „vorerst unumkehrbar“ ist. Die so viel gepriesene duale Ausbildung bangt um Nachwuchs.

Die Wissenschaftler gehen davon aus, dass 2030 nur noch etwas mehr als 400 000 junge Menschen eine betriebliche Ausbildung beginnen. Das wären 80 000 weniger als heute, was einem Rückgang um 17 Prozent entspräche. Der Trend, der in der Studie beschrieben wird, ist keineswegs neu. 1995 hatten rund 350 000 Studienanfängern noch 520 000 Azubis gegenübergestanden. 2013 dann verzeichneten die Statistiker eine historische Zäsur. Erstmals begannen mehr junge Menschen ein Studium als eine Berufsausbildung. Die Forscher berechneten nun auf der Grundlage der vorhandenen Daten und unterschiedlicher Annahmen verschiedene Szenarien, denen eines gemein ist: Die Schere zwischen Studien- und Ausbildungsanfängern wird bis 2030 noch weiter auseinandergehen.

10,5 Millionen Fachkräfte gehen in Rente

Es ist also absehbar, dass die geburtenschwachen Jahrgänge, die bis 2030 in den Ausbildungsmarkt hineinwachsen, die duale Ausbildung in den Betrieben vor eine sehr viel größere Herausforderung als die Hochschulen stellen. Bereits im vergangenen Jahr blieben 40 000 Lehrstellen unbesetzt. In vielen Branchen wächst deshalb die Sorge, dass der Trend zum Studium den ohnehin schon beklagten Mangel an Fachkräften weiter verstärkt, zumal sich im gleichen Zeitraum geburtenstarke Jahrgänge in den Ruhestand verabschieden werden. Schätzungen zufolge scheiden bis 2030 rund 10,5 Millionen Beschäftigte mit abgeschlossener Berufsausbildung aus dem Erwerbsleben aus.

Die Hochschulen werden dagegen weiterhin hoch im Kurs stehen. Die Erstsemesterzahlen dürften der Studie zufolge bis 2030 gegenüber den heutigen Zahlen um lediglich fünf Prozent sinken. Zwar wird davon ausgegangen, dass der Anteil an Abiturienten, die ein Studium aufnehmen, nicht mehr nennenswert steigt. Allerdings werden immer häufiger Abschlüsse erworben, die ein Studium ermöglichen. Zwischen 1993 und 2013 ist dieser Anteil von 33 Prozent auf über 57 Prozent gestiegen. Außerdem haben die Hochschulen bei ausländischen Studierenden einen hervorragenden Ruf. Zuwanderung in die berufliche Bildung ist hingegen bisher kaum zu verzeichnen. Die Studie regt deshalb an, Zuwanderern und Flüchtlingen den Zugang zur beruflichen Bildung zu erleichtern.

Praxis ist im Studium angesagt

Die Wissenschaftler stellen allerdings eine interessante Entwicklung bei der Studienwahl fest, die ein Ausgangspunkt für eine Weiterentwicklung des nachschulischen Bildungssystems sein könnte. Den stärksten Zulauf verzeichnen nämlich diejenigen Studiengänge, die stark an der Praxis orientiert sind. Seit 1995 stieg der Anteil der Fachhochschüler unter den Einsteigern von 26 auf 39 Prozent, bis zum Jahr 2030 dürften es 43 Prozent sein. Auch die Nachfrage nach dualen Studiengängen steigt. Allein 2013 nahmen 21 000 junge Menschen ein Studium auf, das einen Bachelor-Abschluss mit einer Berufsausbildung oder längeren Praxisphasen im Unternehmen verbindet. 2030 sollen es 38 000 sein, die einen solchen Praxisbezug nicht missen wollen.

Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung, kommt angesichts dieser Zahlen zu dem Schluss, dass der Trend zur Akademisierung nicht zu stoppen sei: „Der gesamte nachschulische Bildungsbereich muss sich verändern und anpassen.“ Die traditionell strikte Trennung beruflicher und akademischer Ausbildung müsse weiter aufgebrochen werden und eine stärke Verzahnung und Durchlässigkeit der Bildungswege das Ziel sein. Die Stiftung empfiehlt beispielsweise die Einführung einer zweijährigen Kombination aus Studium und Ausbildung, an deren Ende drei Optionen offen stehen: Fortführung der Berufsausbildung, des Studiums oder Aufnahme eines dualen Studiums. Eine weitere große Gruppe möglicher Azubis seien die Studienabbrecher. 28 Prozent der Studierenden brächen derzeit ihr Studium ab, von denen jedoch nicht einmal jeder Vierte danach eine Ausbildung beginnen würde.