Schwerter zu Pflugscharen in Böblingen Die Friedensbewegung bekriegt sich
Was ist der richtige Weg zum Frieden in der Ukraine und im Gaza-Streifen? Die Friedensbewegung im Kreis Böblingen ist sich da uneins.
Was ist der richtige Weg zum Frieden in der Ukraine und im Gaza-Streifen? Die Friedensbewegung im Kreis Böblingen ist sich da uneins.
Die Friedensbewegung ist wieder da und seitdem sie da ist, gibt es auch gleich wieder Streit. Getragen ist die Bewegung heute teils von denselben Aktivisten, die sich schon von 1981 an gegen die Stationierung von atomaren Mittelstreckenraketen in Europa wandten. Es ging um die Pershing-Raketen der Nato und die SS-20 Raketen des Warschauer Paktes.
Nach dem letzten Golfkrieg im Jahr 2003 hatte sich die Bewegung im Kreis Böblingen aufgelöst. Wiederbelebt wurde sie Ende August, als der Herrenberger Historiker und Aktivist Volker Mall das „Bündnis für den Frieden“ gründete. Es gab einen Infostand am Böblinger Bahnhof, und es gibt einen Aufruf zur Friedensdemo am 3. Oktober in Berlin, bei der Sahra Wagenknecht sprechen soll.
Nun haben sich weitere ehemalige Köpfe der Friedensbewegung von damals gemeldet, die mit der Ausrichtung des „Bündnisses für den Frieden“ nicht einverstanden sind. Der Sindelfinger Historiker Michael Kuckenburg und der Stadthistoriker Klaus Philippscheck waren es, die zu einer Pressekonferenz luden. Kuckenburg findet den Satz im Flyer des Bündnisses für den Frieden „Wir stehen (...) nicht auf der Seite Russlands oder der Ukraine und der Nato“ schlichtweg unerträglich. „Sich nicht mit dem Überfallenen gegen den Angreifer zu solidarisieren ist etwa so, wie den Vergewaltiger und die Vergewaltigte auf eine Stufe zu stellen.“
Die erhöhte Kriegsgefahr gehe eben nicht von Deutschland aus, sagt Kuckenburg. Der einzige, der mit Atomwaffen drohe, sei der russische Präsident Wladimir Putin. Aber Sahra Wagenknecht und ihre Anhänger zögen „die roten Linien“ nur beim Westen, und noch schlimmer, sie benutzten Putins Atomdrohung als Argument gegen die Unterstützung der Ukraine, eine klassische Täter-Opfer Umkehrung, so Kuckenburg weiter. Die Friedensbewegung damals habe einen Krieg verhindern wollen, die Friedensbewegung heute habe es mit einem bereits ausgebrochenen Krieg zu tun, und deswegen mit einer gänzlich anderen Situation.
Damals freilich hatte die Friedensbewegung einen riesigen gesellschaftlichen Konsens. Die Bewegung kulminierte im sogenannten heißen Herbst 1983. Sie schaffte es, mit rund 400 000 Teilnehmern eine 108 Kilometer lange Menschenkette von Neu-Ulm nach Stuttgart zu bilden, es gab unzählige Friedensforen – und wie immer, wenn eine neue Bewegung an Dynamik gewinnt, sprangen alle möglichen Gruppierungen auf: Die Vegetarier waren dabei, weil Fleischessen angeblich aggressiv mache; die Pädagogen waren dabei mit ihrer Friedenserziehung; die Atomkraftgegner waren dabei, weil Atomkraftwerke und Atomwaffen ähnliche Bedrohungen zu sein schienen; die Alten waren dabei, weil sie sich noch an den Krieg erinnerten, die Jungen, weil sie eine Zukunft haben wollten; die Christen waren dabei, weil sie Schwerter zur Pflugscharen machen wollten; die Linken und die Gewerkschaften mit ihren Gedanken von internationaler Solidarität waren sowieso dabei.
Es war eine Bewegung, wie sie heute vielleicht die Klimabewegung darstellt. Damals wurde alles, an dem Maß gemessen, wie es gegen den Atomkrieg hilfreich war, so wie heute alles, was man tut, daran gemessen wird, ob es dem Klima dient.
Und was sagt der über 80-jährige Volker Mall zur Kritik aus Sindelfingen? Er sagt, „wir wollen, dass es aufhört.“ Dass man Waffenlieferungen stoppe und in Verhandlungen eintrete. Dass sich das Bündnis selbstverständlich auch gegen den Gaza-Krieg und die Stationierung von weiteren Atomwaffen in Deutschland wende, wie damals. Einen Unterschied gibt es allerdings zu „damals“. Zur Friedensdemo nach Berlin geht er nicht mehr, „dazu bin ich zu alt.“