Schwierige Partnersuche Warum klappt es nicht mit der Liebe?

„Keiner von diesen Narren hat dich jemals richtig geküsst“, sagt Rhett Butler zu Scarlett O’Hara im Film „Vom Winde verweht“, „du bist zur Liebe bestimmt. Foto: dpa

Das Interessanteste aus dem Plus-Archiv: Nichts im Leben überlässt der Mensch dem Zufall – nur bei der Suche nach dem richtigen Partner wartet er auf Amors Pfeil und die Macht des Schicksals. Doch romantische Vorstellungen können das Glück verhindern.

Psychologie/Partnerschaft: Nina Ayerle (nay)

Stuttgart - „Gott sei dem Manne gnädig, der dich einmal wirklich liebte. Du brächest ihm das Herz, mein Liebling, du grausames, gefährliches Raubtier“, sagt Rhett Butler zu Scarlett O’Hara in „Vom Winde verweht“. Scarletts dramatisches Liebesleben bewegt sich zwischen Hoffnung und Enttäuschungen. Eigentlich liebt sie Ashley Wilkes, einen 17 Jahre älteren Mann, der eine andere heiratet. Obwohl die Situation für Scarlett von Beginn an aussichtslos ist, schafft sie es nicht, sich von dieser unerfüllten Liebe zu lösen. Sie wartet. Andere Verehrer, wie den smarten Rhett Butler, verschmäht sie – erst acht Jahre später wird sie dann doch seine Frau, aus materiellen Gründen. Ihr Herz gehört weiterhin Ashley. Scarlett und ihr Ehemann Rhett halten so beide über Jahre an einer unerfüllt bleibenden Liebe fest.

 

Die Unerfüllbarkeit ist die Grundlage so mancher ausdauernd dramatischen Liebe, auch im wirklichen Leben. Dabei ist diese Zuneigung dann oft mehr Schein als Sein, denn wenn das Objekt der Begierde plötzlich wirklich zu haben ist, verlieren hitzig Verliebte schnell das Interesse – eine klassische Bindungsphobie. Das passiert auch bei Scarlett, als ihre langjährige Konkurrentin, die Frau von Ashley Wilkes, stirbt. Scarlett bekommt Angst, ihre Fantasien könnten real werden und wendet sich wieder ihrem Mann Rhett zu. Der wiederum hat sich von ihr abgewendet – was ihn für sie jetzt begehrenswert macht. Ein trauriger Teufelskreis.

Am Ende geht es denen am schlechtesten, die sich für niemanden entscheiden

Die meisten Menschen suchen in ihrem Leben das Glück zu zweit. Und manchen fällt es offenbar leichter als anderen, die große Liebe zu finden. Liegt das wirklich nur am Schicksal, ist es Glück oder Pech? In seinem Buch „Nähe – wie wir lieben und begehren“ verknüpft der italienische Hirnforscher Giovanni Frazzetto dramatische Erzählungen mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen und betrachtet darin, wie Menschen zueinander finden und welche Rolle dabei Hormone, Gene und vor allem soziale Normen spielen.

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Frazzetto hat festgestellt, dass viele darüber klagen, alleine zu sein. Dennoch unternähmen sie nichts dagegen oder flüchteten, wenn es ernster werde, weil sie die Kompromisse scheuten. Am Ende gehe es denjenigen am schlechtesten, die dem Überangebot unterlägen – und sich für niemanden entschieden: „Es scheint als lebten wir heute in einer Gesellschaft, die kollektiv zwischenmenschliches Agieren schwierig macht, obwohl wir wissen, dass das Wunder der Nähe im Hinblick auf die Verbesserung unserer Lebensqualität wirkt.“

Auch Deutschlands bekanntester Beziehungsexperte Wolfgang Schmidbauer malt ein düsteres Bild. Immer mehr Menschen lebten allein. „Wenn es so weitergeht, dann dauert es noch gut 100 Jahre, und die eine Hälfte der Menschen in diesem Land besteht aus Singles, die andere aus Alkoholikern; nicht wenige sind beides zusammen“, schreibt der Münchner Psychoanalytiker in seinem Buch „Die Angst vor Nähe“. Hinter Depressionen, Angstzuständen und psychosomatischen Erkrankungen versteckten sich laut Schmidbauer „fast immer Einsamkeit, Trennungen, die vergebliche Suche nach Nähe und Geborgenheit.“

Wir glorifizieren die romantische Liebe

Bei manchen sind es aber auch jene von Filmen wie „Vom Winde verweht“ geprägten, romantischen Vorstellungen, die sie daran hindern, einen Partner zu finden und mit ihm glücklich zu werden. Fast nichts in seinem Leben überlässt der postmoderne Mensch dem Zufall oder göttlichen Mächten – doch sobald es um die Wahl des richtigen Partners geht, verlässt er sich auf das Schicksal: Die Liebe muss zu ihm kommen, ihn finden, muss groß sein. Hollywood hat dafür gesorgt, dass wir die romantische Liebe glorifizieren. Wir warten bei einem Date darauf, dass es funkt, andernfalls wäre uns der andere nicht gut genug.

„Dabei braucht Liebe Zeit und den Willen, sie zu gestalten“, schreibt die Chefredakteurin des Onlinemagazins Edition F, Teresa Bücker, in ihrem Essay „Mythos große Liebe – warum wir immer den falschen Partner finden“. Je besser man sich selbst kenne, desto mehr gelinge das. Dann lebe man bewusst und habe für diese Erkenntnis viel Arbeit investiert. Die Aufgabe sei es nun, so empfiehlt Bücker, diesen anderen Menschen, mit dem wir Pläne haben, ebenso gut kennen zu lernen. Die Verliebtheit fällt einem manchmal direkt in den Schoß, die Liebe eben nicht. Die Schwächen des anderen und der banale Alltag einer Beziehung enttäuschen vor allem die Vollblutromantiker. Wer die Liebe rationaler angeht, an ihr arbeitet, gemeinsam mit dem Partner, könnte glücklicher sein.

In Jane Austens „Stolz und Vorurteil“ kämpfen die bürgerliche Elisabeth Bennet und der adelige und wohlhabende Mr. Darcy miteinander. Sie streiten sich permanent, kränken einander, vertragen sich, zerstreiten sich wieder. Letztlich verlieben sie sich doch ineinander, werden glücklich zusammen. Abgesehen vom spielerischen, sexuell aufgeladenen „Was sich liebt, das neckt sich“, zeigt die Geschichte auch: Das Paar ist miteinander gereift. „Eine solche Liebe kann bodenständiger und stabiler sein als die übliche romantische Liebe, bei der der Verstand ausgeschaltet ist“, glaubt Wolfgang Krüger. Der Berliner Psychotherapeut ist trotz seines Berufes überzeugt, dass sich aus den Romanen und Filmen der vergangenen Jahrhunderte mehr über Liebe lernen lässt als aus der Wissenschaft: „Schriftsteller haben das Wesen der Liebe schon immer besser erfasst.“

Wer unzufrieden ist mit sich, wird wählerisch und launisch

Doch im Gegensatz zum frühen 19. Jahrhundert, wo bei der Partnerwahl auch oft Pragmatismus notwendig war, setzen wir im 21. Jahrhundert auf die romantische Liebe als Ideal. Während Partnerschaften früher oft arrangiert waren, können wir frei wählen, wen wir lieben wollen, haben die Qual der Wahl. Früher trennten sich Paare äußerst selten. Heute, da eine Beziehung zum finanziellen Überleben nicht mehr notwendig ist, trennen sich Paare oft allein deswegen, weil sie hoffen, mit jemand anderem glücklicher zu werden. Jemanden zu finden, der noch besser zu einem passt, mit dem die Gefühle noch größer sind.

Dabei hängt vieles von uns selbst ab, glauben Psychologen: Wer unzufrieden ist mit sich und seinem Leben, wird wählerisch und launisch. Er braucht und sucht dauernd jemanden, der die eigenen Mängel ausgleicht. Der Autor und Beziehungstherapeut Harville Hendrix („Getting the love you want“), wiederum argumentiert in seinen Büchern, dass die Erfahrungen mit unseren ersten Bezugspersonen unsere spätere Partnerwahl beeinflussten. Die schmerzhaften Kränkungen versuchten wir in unseren erwachsenen Beziehungen zu heilen. Hendrix folgt damit der heute umstrittenen klassischen Psychoanalyse von Sigmund Freud, nach der sexuelle Anziehungskraft durch unsere vergangenen Erfahrungen zu erklären sei. Solange bis wir diese traumatischen Erfahrungen aufgearbeitet hätten, meint Hendrix, suchten wir uns jedes Mal aufs Neue einen Partner, der uns an die Bezugsperson erinnere, die unsere Verletzungen verursacht habe.

Ist eine erfüllte Liebesbeziehung wirklich Glückssache?

Oft ergäbe sich aus Konflikten im Elternhaus auch später eine Bindungsangst. „Eine hochzerstrittene Beziehung der eigenen Eltern ist eine häufige Ursache“, sagt die Psychologin Stefanie Stahl. Eine weitere sei, wenn Kinder erlebten, dass sie sich zu sehr anpassen müssten, um ihren Eltern zu gefallen. „Bindungsängste resultieren aus der Mischung von Verlustangst und Angst vor dem Selbstverlust in einer nahen Liebesbeziehung.“ Wenig Selbstverantwortung, mangelndes Selbstvertrauen und die nicht vorhandene Auseinandersetzung mit den eigenen inneren Konflikten und verborgenen Ängsten – das, so der Stand der aktuellen Wissenschaft, könnten Gründe für Partnerlosigkeit sein. Stefanie Stahl hat mehrere Bücher zum Thema Bindungsangst, Liebe und Selbstwertgefühl veröffentlicht und ist überzeugt davon, dass „eine erfüllte Liebesbeziehung eben keine Glückssache“ sei. Sie sei „eine Frage der persönlichen Entscheidung und der inneren Einstellung“. Fast jeder könne eine glückliche Beziehung führen, „wenn ihm die Balance zwischen Anpassung und Selbstbehauptung gelingt“.

Selten bleiben wir heute für immer mit der Jugendliebe zusammen. Die meisten leben eine Art serielle Monogamie, eine Beziehung kommt nach der anderen. Trennungen und Enttäuschungen gehören dabei dazu, hinterlassen ihre Spuren. Die Hürde, nach einer gescheiterten Beziehung noch einmal neu anzufangen, wird mit steigendem Alter größer. Andererseits liegt darin auch eine große Chance: Was wir wollen und was nicht, lernen wir aus gescheiterten Beziehungen – wenn wir dazu bereit sind, uns mit uns selbst auseinander zu setzen.

Hat es mit den gesellschaftlichen Stellungen von Mann und Frau zu tun?

Die israelische Soziologin Eva Illouz sieht Beziehungsratschläge kritisch. Sie schreibt in ihrem Buch „Warum Liebe weh tut“: „Unzählige Selbsthilfeleitfäden und Workshops wollen uns dabei helfen, unser Liebesleben besser in den Griff zu bekommen, indem sie uns auf die vielen verborgenen Weisen aufmerksam machen, wie wir unbewusst unsere eigenen Niederlagen herbeiführen.“ Die Vorstellung, das „romantische Elend sei hausgemacht, hat im 21. Jahrhundert einen geradezu unheimlichen Siegeszug erlebt, vielleicht weil die Psychologie gleichzeitig das tröstliche Versprechen abgab, es könne überwunden werden.“ Illouz meint, die „Angst vor der Liebe“ oder das „Übermaß an Liebe“, ebenso wie die Enttäuschungen, die vielen Liebesbeziehungen anhaften, hätten ihre Gründe in „der sozialen Organisation der Sexualität, der romantischen Wahl und den spezifischen Formen von Anerkennung innerhalb romantischer Bindung“. Bindungsphobie und Bindungsunwilligkeit haben für Illouz, wie sie in einem „Spiegel“-Interview sagte, mit den gesellschaftlichen Stellungen von Mann und Frau zu tun: „Geben Sie den Frauen Macht und Geld, machen Sie sie zu Staatsführern, und lassen Sie die Männer in Konferenzen den Frauen den Kaffee servieren, ihre Kinder aufziehen und das Abendessen machen – dann wären die Männer diejenigen, die sich nach einer gefestigten, monogamen Beziehung sehnen.“

Wie stark Gesellschaft und Psyche wirklich unser Liebesleben beeinflussen, bleibt weiter ein Streitpunkt. Dennoch ist jeder gut beraten, der Partnerschaft und der Liebe nicht zu viel aufzubürden: Sie kann nicht zu jeder Zeit Lebenszweck, Heilung und totale Erfüllung sein – und dabei noch leidenschaftlich knistern und nach außen hin so hübsch aussehen wie im Kino. Vielleicht ist sogar für manche die romantische Zweierbeziehung auf Dauer überhaupt kein passendes Lebensmodell. Um Kinder groß zu ziehen, braucht es längst kein klassisches Elternpaar aus Vater und Mutter mehr. Und mit sich selbst innerlich im Reinen zu sein garantiert am Ende zwar auch nicht den Erfolg bei der Partnersuche. Aber es verschafft ein erfüllteres Leben.

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