Stuttgart - Draußen regnet es, als sich Veronica Robinson in einem Stuttgarter Hotelzimmer hinsetzt und beginnt zu erzählen: von sich, ihrer Familie, ihrem Erbe. Veronica Robinson ist die Urenkelin von Henrietta Lacks, heute auch bekannt als Mutter der modernen Medizin. Was nach einer ruhmreichen Familienhistorie klingt, ist geprägt von Rassismus und verlorenem Vertrauen.
Um das zu verstehen, ist ein Blick in die Geschichte notwendig. Henrietta Lacks wächst im Jahr 1920 unter den Fittichen ihres Großvaters im US-Bundesstaat Virgina auf, heiratet, gebärt fünf Kinder. „Zu einer Zeit, in der Schwarzsein quasi bedeutete, auf eine Landmine zu treten“, erzählt Robinson. 1951 besucht ihre damals 30-jährige Urgroßmutter mit starken Unterleibsblutungen ein Krankenhaus. Diagnose: Gebärmutterhalskrebs. Acht Monate später stirbt Lacks. Der Krebs hatte ihren Körper bereits vollständig zerfressen.
Ein Meilenstein in der Medizin
Noch während der Behandlung entnehmen Forscher der schwer kranken Frau ohne ihr Einverständnis Proben des Tumors. Die Zellen erweisen sich als außergewöhnlich widerstandsfähig und ermöglichen einen wissenschaftlichen Durchbruch: Hela-Zellen, benannt nach den ersten beiden Buchstaben von Henrietta Lacks Name, gedeihen im Labor so gut wie keine Zellen zuvor.
In der Folge ermöglichen sie einige der größten medizinischen Errungenschaften der vergangenen 70 Jahre. Lacks Zellen helfen mitunter bei der Entwicklung des Polio-Impfstoffes und der Herstellung unterschiedlicher Medikamente zur Bekämpfung von Krebs, HIV und Parkinson. Auch Impfstoffe gegen das Coronavirus basieren auf den Zellen. Während Henrietta Lacks im Sterben liegt, schreibt ihre DNA Geschichte und geht später um die Welt – ohne, dass sie oder ihre Angehörigen darüber informiert werden.
„Wir müssen unser Vermächtnis zurückholen“
Hier beginnt das Erbe der Lacks-Familie. Erst rund 20 Jahre nach Henrietta Lacks Tod erfahren ihre Angehörigen nach und nach von den medizinischen Erfolgen und der Pharmaindustrie, die aus den Hela-Zellen Multimilliarden Dollar erwirtschaftete. Auch andere erkennen die bemerkenswerte Geschichte: Es wird ein Bestseller über Henrietta Lacks geschrieben, die weltbekannte US-Schauspielerin und Talkmasterin Oprah Winfrey spielt 2017 in einem Film über das Leben der jungen Schwarzen mit.
Die Angehörigen von Lacks werden zu alldem zwar befragt, fühlen sich aber zunehmend außen vor gelassen und beklagen eine an manchen Stellen verzerrte Darstellung ihrer Mutter, Großmutter, Urgroßmutter. Sie sind sich einig: Zu oft wurde über ihre Familie geredet, zu viel Geld mit ihrem Namen verdient. Auf eine Entschädigung für die illegale Probenentnahme und den daraus entsprungenen Erfolg wartet die Familie noch heute.
„Wir müssen unser Vermächtnis zurückholen, unsere eigene Geschichte kontrollieren – ohne Menschen von außerhalb, die für diese Familie sprechen“, sagt deshalb Alfred Lacks Carter Jr., Enkel von Henrietta Lacks, der sich mittlerweile neben Veronica Robinson gesetzt hat.
Auf Tour durch Deutschland
Im vergangenen Jahr rief die Familie eine Bildungskampagne ins Leben, ging kürzlich erstmals international auf Tour, um aus ihrer Sicht über die Geschichte Henrietta Lacks aufzuklären. „Wissen Sie, wenn Henrietta weiß gewesen wäre, dann wäre diese Diskussion gar nicht nötig“, sagt Lacks Carter Jr. Bei dem Vermächtnis seiner Großmutter gehe es nicht nur um Medizin, sondern auch um Rassismus.
„Ihr Name wurde nachträglich in Helen Lane oder Helen Larson geändert, damit die Leute nicht merken, dass sie eine schwarze Frau war. Weil sie dachten, dass die Leute die Polio-Impfung nicht nehmen wollten, wenn sie wüssten, dass sie von einer Schwarzen ermöglicht wurde“, erklärt Lacks Carter sichtlich bewegt.
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Auch darauf lag ein Fokus der Tour. Auf dem Gelände der Universität von Bristol enthüllte die Familie eine lebensgroße Bronze-Statue in Form von Henrietta Lacks. Es ist die erste öffentliche Statue einer schwarzen Frau, hergestellt von einer Schwarzen in Großbritannien.
Auf Einladung des Stuttgarter deutsch-amerikanischen Zentrums sprachen Familienmitglieder in Stuttgart und erhielten Tage später eine Ehrung von der Weltgesundheitsorganisation WHO. „Die Proben von Henrietta wurden ohne ihr oder unser Einverständnis veröffentlicht“, sagt Veronica Robinson. „Das ist unser Weg, uns dagegen zu wehren und zu sagen: Ihr könnt das nicht weiter mit uns machen.“
Ein langer Weg
Mittlerweile hat die Familie Klage gegen ein Technologieunternehmen eingereicht. Die Verantwortlichen hätten sich mit der unerlaubten Nutzung von Lacks Gewebeproben ungerechtfertigt finanziell bereichert. Weitere Firmen sollen folgen, kündigten die Anwälte der Familie an.
„Henrietta Lacks DNA ist die DNA meines Großvaters, ist die DNA meines Onkels, ist unsere DNA“, sagt Robinson. „Ich will unser Vermächtnis weiterführen.“ Draußen hat der Regen aufgehört. Das schwere Erbe der Lacks-Familie besteht weiter.
Hintergrund
Henrietta Lacks Stiftung
Vor Jahren hat die Autorin des Bestsellers „The Immortal Life of Henrietta Lacks“ , Rebecca Skloot, die Henrietta Lacks Stiftung gegründet. Sie hilft Nachkommen von Menschen, die ohne ihr Einverständnis an wissenschaftlichen Studien teilnehmen mussten. Die Lacks-Familie distanziert sich inzwischen von der Stiftung und ruft dazu auf, direkt an die Familie über die Internetseite ihrer Initiative zu spenden.
Experimente an Schwarzen
Zwischen 1932 und 1972 führte eine Behörde des US-Gesundheitsministeriums in Alabama eine Langzeitstudie an Afroamerikanern durch, um den Verlauf von tödlichen Syphilis-Infektionen zu untersuchen. Die Forschenden klärten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer nicht über ihre Erkrankung auf und behandelten sie nicht mit einem zur Verfügung stehenden Medikament. Noch bis heute wirkt diese Erfahrung in der schwarzen, amerikanischen Community fort. Viele stehen Coronavirus-Impfungen misstrauisch gegenüber. Mit ihrem Engagement will die Lacks-Familie nicht nur auf ihre eigene, sondern auch auf die Geschichte vieler schwarzer Menschen aufmerksam machen.