Schwieriges Verhältnis der Briten zur EU Ambivalent von Anfang an

David Cameron kündigt 2013 das Referendum an. Boris Johnson geht im Mai 2016 auf Brexit-Tour.Die Queen grüßt Mitte 2016 die neue Premier May. Foto: picture alliance / dpa

Das Verhältnis der Briten zur Europäischen Union ist von jeher zwiespältig gewesen. Das liegt auch an den Versäumnissen vieler Politiker.

Korrespondenten: Peter Nonnenmacher (non)

London - Hat es letztlich so kommen müssen? War es unvermeidlich, dass die Briten „Europa“ wieder den Rücken kehren würden, um ihrer eigenen Wege zu ziehen? Viele, auch im Vereinigten Königreich selbst, fragen sich das zum Ende dieser Woche, da die britische Mitgliedschaft im europäischen „Club“ nach 47 Jahren und 31 Tagen erlischt. 

 

Die Frage ist durchaus verständlich. Ihr Inseldasein, die frühere Weltmachtrolle, die Eigenart ihrer Gesellschaft hat die Briten immer von anderen Nationen unterschieden. Selbstverständlich haben Geschichte und Geografie die Mentalität hierzulande geprägt. Das sah schon Charles de Gaulle so, als er den Antrag Londons auf Aufnahme in den Gemeinsamen Markt 1963 erstmals sabotierte. Mit ihren „sehr speziellen, sehr originellen Gewohnheiten und Traditionen“ würden die Nachbarn sich in Europa nie richtig einpassen, prophezeite er damals. 

In Phasen wirtschaftlicher Stabilität nahm das Interesse zu

Als Großbritannien dann zehn Jahre später doch dazustieß, ging es bei der Teilhabe am „europäischen Projekt“ in der Tat weniger um historische Notwendigkeit oder kulturelle Identifizierung als um einen pragmatischen Schritt aus vorwiegend kommerziellem Interesse. Die liberale Tageszeitung „Guardian“ erschien zum 1. Januar 1973 mit der Schlagzeile: „Wir sind drinnen – aber ohne Feuerwerk“. Zwiespältig sind die Briten dem „Projekt“ denn auch von Anfang an gegenübergestanden. Umfragen aus der Zeit des Beitritts zeigen, dass 38 Prozent mit der Mitgliedschaft glücklich waren und 39 Prozent nicht. 23 Prozent war das Ganze egal. 

43 Jahre später, bei David Camerons EU-Referendum von 2016, sollte man bezeichnenderweise auf fast identische Verhältnisse kommen. Ambivalenz war immer charakteristisch fürs britische Verhältnis „zum Kontinent“. Zwischendurch, in diesem knapp halben Jahrhundert, ging es auf und ab mit Ressentiments gegen und Sympathien für die EU auf der Insel. In Phasen wirtschaftlicher Stabilität nahm das Interesse zu. Die Eiserne Lady Margaret Thatcher selbst war eine entschiedene Befürworterin des europäischen Binnenmarkts. Anders als die heutigen Hardliner ihrer Partei hielt Thatcher es immer für unerlässlich, im größten Markt der Welt mit dabei zu sein. 

Verhandlungen mit Brüssel über Sonderbedingungen

Erst danach, als „Europa“ zur Währungseinheit und auf engere politischer Verzahnung drangt, wandte sich Thatcher ebenso vehement gegen die Verbindung. Sie und ihr Nachfolger John Major begannen, Brüssel die Stirn zu bieten und Sonderbedingungen auszuhandeln. Ausgerechnet Major, der sein Land „im Herzen Europas“ hatte ansiedeln wollen, boykottierte in den 1990er Jahren wegen beginnender scharfer Gegensätze die Gremien der EU. Eine Geschichte immer neuer Konflikte mit Brüssel überschattete von den diesen Jahren an das Verhältnis. Für eine britische Regierung nach der anderen wurde EU-Politik zu einer Frage trotziger Selbstbehauptung gegenüber „dem Rest“. Niemand in Downing Street und Whitehall machte sich wirklich die Mühe, den Nutzen der EU für Großbritannien, den Sinn der Mitgliedschaft, zu erklären.

Eine mächtige antieuropäische Rechtspresse, wie sie in dieser Form nirgendwo sonst existiert in Westeuropa, bot sich als Megafon für feindselige Botschaften an. Hätte sich ohne dieses Trommelfeuer der Medien ein anderes Verhältnis zur EU entwickeln können? Hätte couragierteres Auftreten eines anfänglichen EU-Stars wie Tony Blair zu einem anderen Ergebnis geführt? „Ganze Generationen politischer Führer haben versäumt, der Bevölkerung die Realitäten und die Zentralität unserer Mitgliedschaft auseinanderzusetzen“, klagt heute der frühere britische EU- und Washington-Botschafter Sir Nigel Sheinwald. „Sie arrangierten sich lieber mit der Little-England-Propaganda britischer Medien, als sich gegen sie zu stellen.“ 

Die unheilvolle Konstellation der letzten zwölf Jahre

Den Rest gegeben habe dem „europäischen Projekt“ auf der Insel die unheilvolle Konstellation der letzten zwölf Jahre, so Sheinwald: „Die Auswirkung der Finanzkrise, die Anti-Establishment-Stimmung, das offene Tor, das Camerons leichtfertiges Versagen als Führungsfigur den Brexiteers bot.“ Plus, nicht zu vergessen, die tiefsitzende Abneigung des Oppositionsführers Jeremy Corbyn gegenüber der EU. Der Mangel an Opposition. Dieser Konstellation und einer geschickt operierenden Brexit-Riege schreibt der Ex-Botschafter zu, dass man nun am Ausgang steht: „Dabei war der Brexit nie unvermeidlich.“

Alles hätte auch anders kommen können. Das erwarteten ja anfangs auch die Brexiteers. Vor allem in einer Zeit, in der EU-Recht und gemeinsamer Anspruch britischen Bürgern, Konsumenten, Umweltschützern, Gewerkschaftern, Studenten zugute kam in allen möglichen Bereichen. In der jungen Briten Freizügigkeit in Europa, die Boris Johnson nun beenden will, immer selbstverständlicher geworden ist. Eines der interessantesten Dinge beim Ringen um den Brexit war zweifellos, dass britische Pro-Europäer erstmals eine kollektive, eine vernehmliche Stimme fanden. Dass sie einen klaren Willen bekundeten, sich mit „Europa“ identifizierten, Banner schwenkten, zu Hunderttausenden auf die Straße zogen. An der mächtigen Niederlage, die sie erlitten haben, wird das nichts ändern. Ihr Aufstand kam zu spät. An diesem Freitag geht dieses Kapitel britischer Geschichte zu Ende. Aber die Saat künftigen Engagements ist in der unverhofften Mobilisierung der letzten, turbulenten Jahre ausgelegt. Ultimativ gelöst ist die Frage des britischen Verhältnisses zu Europa keineswegs.

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