Schwimmangebot im Rems-Murr-Kreis Wo behinderte Kinder planschen dürfen

Unbeschwerte Momente im kühlen Nass – die teils schwer beeinträchtigten Mädchen und Jungs können bei Nicole Hogh-Kowarz planschen und das Element Wasser erleben. Foto: Gottfried Stoppel Foto:  

In der Abteilung Schwimmen des SC Korb bietet Nicole Hogh-Kowarz einen Kurs für schwerbehinderte Kinder an, solche mit Autismus oder Down Syndrom. Weil derlei Angebote im Rems-Murr-Kreis Mangelware sind, sind die Betroffenen mehr als dankbar.

Rems-Murr: Simone Käser (sk)

Im Kurs von Nicole Hogh-Kowarz und Ulrike Winter werden alle mit einem Lied begrüßt, egal ob sie sich im Wasser tummeln und kaum zu bremsen sind, müde und angeschlagen im Rollstuhl vom Beckenrand aus zuschauen oder geborgen und in Sicherheit auf dem Arm erst mal vorsichtig die Lage sondieren. Für alle singen die Kursleiterinnen gemeinsam mit den anwesenden Kindern und Eltern ein kleines Willkommenslied, bei dem jeder mit seinem Namen angesprochen wird. Auch Arme und Beine werden spielerisch in die Begrüßung miteinbezogen.

 

Es ist Erkältungszeit und die behinderten Kinder sind anfälliger

An diesem Nachmittag im Korber Hallenbad mit seinem schönen Blick in die freie Natur fehlen bei dem liebevollen Anfangsritual mindestens fünf Kinder. Es ist Erkältungszeit, und die Mädchen und Jungs, die für den besonderen Mittwochnachmittagskurs eingeschrieben wurden, sind durch ihre Behinderungen anfälliger. „Manchmal bekomme ich auch ganz kurzfristig eine Krankmeldung, weil ein Kind die Nacht vorher mehrere Anfälle gehabt hat und weder es selbst noch die Mutter danach noch die Kraft haben, um zum Schwimmen zu kommen“, erklärt Nicole Hogh-Kowarz. Dann schwimmt die Frau aus Korb zum Beckenrand und holt kleine Bälle. Wenige Sekunden später ist die Wasseroberfläche des kleinen Schwimmbeckens übersät mit bunten Tupfen. Rot, Grün, Blau, Gelb – ein wunderschönes Farbenspiel.

Die bunten Bälle kommen gut an bei den Kindern

Und die bunten Bälle kommen gut an bei den Kindern. Wer kann, schnappt sich einen und versucht ihn in einen Behälter zu werfen. Andere schwimmen und tauchen in dem bunten Teppich umher und lassen die bunten Kugeln mit Schwung, Lachen und Zielsicherheit durch die Luft fliegen. Wer sich nicht rechtzeitig duckt, wird zur Zielscheibe.

Spaß ist Nicole Hogh-Kowarz ganz wichtig bei dem Angebot, das die Schwimmlehrerin gemeinsam mit Maike Schneider – Sonderschullehrerin und selbst betroffene Mutter – ins Leben gerufen hat. „Die Kinder sollen das Element Wasser spüren, eine andere Körperwahrnehmung genießen und dadurch eine, so gut es geht, unbeschwerte und gelöste Zeit im Wasser verbringen können“, sagt die 50-Jährige, die quasi schwimmt, seit sie denken kann, und gefühlt auch schon seit Ewigkeiten Unterricht gibt. Nahezu 30 Jahre schon lernen Babys und Kleinkinder mit ihr das Element kennen. Selbst den Heiratsantrag bekam sie im Hallenbad. „Dann wollte ich mit meiner Tochter ins Babyschwimmen. Weil es keines in Korb gab, habe ich es damals mit Heide Stettnisch ins Leben gerufen.“

Die Nachfrage und die Freude der Eltern war groß angesichts des Kurses

Nun ist für die Mutter zweier Kinder und Oma, die auch als Schulbegleiterin arbeitet, neben den regulären Kursen noch das Angebot für behinderte Kinder dazugekommen. Die Nachfrage sei groß gewesen und die Freude der Eltern, als das Angebot beschlossen war, riesig, denn es gebe viel zu wenig und kaum Vergleichbares im Kreis. „Es ist natürlich ein anderer Betreuungsaufwand, deshalb trauen sich da viele nicht ran. Ich habe nicht locker gelassen. Wir sind immer zu zweit im Wasser und die Kinder haben ein Elternteil oder Betreuer dabei, dadurch ist es gut machbar, und wir können auch Schwerstbehinderte aufnehmen“, sagt Hogh-Kowarz und erklärt, dass andere Kurse oft leichter behinderte Kinder in den Normalbetrieb integrieren würden. „Bei uns ist es dagegen ein reiner Kurs für Behinderte, und es ist ganz egal, ob jemand schwimmen kann oder fast bewegungsunfähig ist. Alle sollen Erleichterung im Wasser erleben.

Die Kinder und deren stark geforderte Eltern danken es den Verantwortlichen. „Bei Kindern wie Leni, die stärker beeinträchtigt sind, kommt nicht jeder Kurs in Frage. In Korb gibt es nur ein kleines Becken, das Wasser ist warm und zu den Kurszeiten herrscht kein Normalbetrieb, sonst würde es für uns gar nicht gehen“, erklärt Maike Schneider, die den 45-minütigen Kurs mitinitiiert hat und an diesem Nachmittag ihre Tochter begleitet, die auf dem Arm ihrer Betreuerin Madeleine Volz das Wasser genießt, das Nicole Hogh-Kowarz vorsichtig über den Kopf des schwer behinderten Mädchens fließen lässt. Nicole Hogh-Kowarz und Ulrike Winter beobachten mit einem Lächeln auf den Lippen, wie positiv Leni darauf reagiert.

Sie haben ihre Schützlinge fest im Blick, geben Anweisungen, loben, helfen und wissen ganz genau, wann jemand eine Pause braucht. Denn die Mädchen und Jungs, die an diesem Nachmittag nach ihren Fähigkeiten und natürlich nach Herzenslust im Wasser planschen, haben es alles andere als leicht: Geistige und körperliche Behinderungen, Entwicklungsstörungen, schwere genetische Defekte, lebensbedrohliche epileptische Anfälle, Autismus, Herzschrittmacher, Down Syndrom und viele weitere Erkrankungen bremsen sie im Leben aus – doch im Korber Schwimmbad mit seinem überschaubaren Becken und der molligen Wärme können sie durchschnaufen – und ihre Eltern gleich mit. Und wenn es doch mal einem Kind zuviel wird oder es sich verschluckt, dann sind die Schwimmlehrerinnen sofort zur Stelle. „Ihr müsst blubbern, dann kann kein Wasser in die Nase kommen“, erklären sie und machen es direkt vor. Und die Mädchen und Jungs stellen sich mit ihren Eltern und Betreuern im Halbkreis auf und blubbern, mit dem Gesicht im Wasser, was das Zeug hält. Allen voran Bennett, Mattis und Hannes – die Jungs tauchen, schwimmen und spritzen im Wasser umher und sind total in ihrem Element. Aber auch Leni und Elli genießen augenscheinlich die vielen Möglichkeiten, die das Wasser mit sich bringt.

Die Kinder strampeln am Beckenrand und laufen über bunte Matten

Die Kinder strampeln am Beckenrand, laufen über Matten oder tauchen unter ihnen, geformt und bunt wie ein Regenbogen, durch – jeder wie er kann. „Die Bandbreite ist groß. Wir haben Kids, die beeinträchtigt sind, aber wild schwimmen und tauchen, andere sind schwerstbehindert und können kaum was“, sagt Nicole Hogh-Kowarz, die in ihren Kursen Sicherheit vermitteln will. „Bei uns lernt man zuerst Kraulen, weil das natürlicher ist. Wer nicht mehr kann, dreht sich auf den Rücken, und getaucht wird nur mit offenen Augen, denn man muss sich orientieren können“, sagt Nicole Hogh-Kowarz, die ihre Aufgabe erfüllt. „Das Schwimmen generell, und zu sehen und zu spüren, wie die Kinder es lernen und wie es den Behinderten guttut und ihnen hilft, ist für mich eine Herzensangelegenheit.“

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