Schwimmen: Kim Herkle Irgendwann sagt der Körper: Nee

Kim Herkle kommt    unter Europas Besten   nicht an ihre Bestzeiten heran. Foto:  
Kim Herkle kommt unter Europas Besten nicht an ihre Bestzeiten heran. Foto:  

Die Dauerbelastung, der Abiturstress zum Hochleistungsalltag, das damit verbundene Schlafdefizit: Wie Kim Herkle aus Oeffingen bei den Europameisterschaften in Budapest arg geschlaucht ihre Form im Wasser sucht.

Rems-Murr: Thomas Rennet (ren)
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Budapest - Nach dem Wettkampf, mag er erfreulich oder unerfreulich verlaufen sein, ist der Sporttag in aller Regel nicht vorbei. Der Weg führt zurück ins Wasser. Dem Einschwimmen vor der Zeitenhatz folgt das Ausschwimmen danach. Eineinhalb Kilometer dürfen das hinterher schon sein. Kaum auszudenken, wie viel Disziplin dafür erforderlich ist, wenn das Erlebte immer noch schmerzvoll nachwirkt. Für Hochleistungsschwimmer(innen) geht es so gut wie immer so gut wie direkt weiter, auch wenn sie gerade viel durchgemacht haben. Kim Herkle hat in der vergangenen Woche bei den Europameisterschaften in Budapest viel durchgemacht. Die 18-Jährige aus Oeffingen hat wenige Tage nach den schriftlichen Abiturprüfungen nicht mehr an die Form des Vormonats anknüpfen können. Sie hat verzweifelt an sich gezweifelt: „Ich komme einfach nicht vom Fleck.“ Aber sie hat weitergekämpft und sich gesteigert. Und sie hat bei ihren ersten internationalen Titelkämpfen unter Frauen reichlich Erfahrungen gesammelt. In gar nicht so ferner Zukunft will die Auswahlschwimmerin unter den Besten des Kontinents („Das war so ein starkes Teilnehmerfeld“) oder des gesamten Erdballs über die Vorläufe am Vormittag hinauskommen und vielleicht gar danach schneller noch vom Fleck kommen als die meisten anderen.

Kim Herkle verzweifelt, kämpft und sammelt Erfahrungen

Am Montagabend ist Kim Herkle via Frankfurt aus Ungarn zurückgekehrt. An diesem Dienstag zumindest kann sie zu Hause in Oeffingen ein bisschen entspannen. Die Ruhephase ist viel zu kurz, aber die Bundeskaderathletin ist auch über die kleine Auszeit froh. Bei den Titelkämpfen in Budapest hielten sich Wohlfühlerlebnisse in Grenzen. Die Tage dort waren nicht besonders abwechslungsreich. Die Schwimmerinnen und Schwimmer durften wegen der Coronakrise ihr Hotel nur zum Sport via Shuttleservice verlassen. Schon Spazierengehen war strengstens verboten. Und der Sport konnte Kim Herkle auch nicht wirklich aufheitern. Sie kam durchweg nicht an die Klassezeiten heran, die sie im April noch reihenweise erzielt hatte. „Drei, vier Wochen lang habe ich mein Niveau halten können. Aber jetzt hat sich alles aufsummiert”, sagt sie. Die Dauerbelastung, der Abiturstress zum Hochleistungsalltag, das damit verbundene Schlafdefizit – oder konkreter: frühmorgens Training, danach Schule, noch viel mehr Training, spätabends lernen. „Irgendwann sagt der Körper: Nee.“

Den Tiefpunkt erlebte Kim Herkle am zweiten Wettkampftag. Über 100 Meter Brust (1:11,57 Minuten) fühlte sie sich all ihrer Fähigkeiten beraubt. Brustschwimmen ist eigentlich ihre Spezialität, genau dafür hat sie eine besondere Begabung. Aber nun war allem Anschein nach nicht mehr viel übrig von dieser Begabung. „Alex, ich kann nicht mehr Brustschwimmen”, hat Kim Herkle im Gespräch mit ihrem Heidelberger Stützpunkttrainer Alexander Kreisel gesagt. Ratlos war sie, fassungslos über das, was sich da zugetragen hatte: „Ich bin nicht mehr ins Gleiten reingekommen, der Zug war weg. Ich habe nicht mehr ins Wasser gekriegt, was ich kann.” Der Analyse mit dem Trainer folgte indes ein erkennbarer Aufwärtstrend.

In wenigen Tagen folgen bereits die deutschen Titelkämpfe

Mit den ersten 150 der 200 Meter Brust an ihrem dritten Wettkampftag (2:27,54 Minuten) durfte sie angesichts der Umstände zufrieden sein. „Ich bin aus meinem Tief herausgekommen, aber auf den letzten 50 Metern haben mir die Körner gefehlt“, sagt Kim Herkle. Und über 200 Meter Lagen (2:14,75 Minuten) war sie gar nicht mehr so weit weg von ihren Vorleistungen. Jenen Vorleistungen, die sie vor den Europameisterschaften – nach einem Höhentrainingslager des Nationalteams in der südspanischen Sierra Nevada – mit gerade 18 Jahren auf ein neues Level aufsteigen ließen. Alexander Kreisel hat darauf im diskreten Gespräch schon in Budapest hingewiesen. „So oder so ist das eine saugute Saison“, daran hat er Kim Herkle in komplizierter Lage zwischen Erschöpfung und Enttäuschung erinnert.

Diese Saison ist noch gar nicht zu Ende. In neun Tagen, am 3. Juni, beginnen in Berlin die deutschen Meisterschaften. Mit Kim Herkle. Bereits am Mittwoch will sie wieder nach Heidelberg zurückkehren, wo sie seit mehr als eineinhalb Jahren wohnt und sich am Olympiastützpunkt mit Form und Fortschritten befasst. Die kurze Erholungspause zu Hause bei der Familie in Oeffingen ist dann schon wieder vorbei.




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