Schwimmmeister Uwe Ozimek in Dagersheim Ein Leben für das Rappenbaumbad

Uwe Ozimek in seinem Element – im Rappenbaumbad Foto: Stefanie Schlecht

Kaum vorstellbar, aber wahr: Uwe Ozimek hört in dem 50 Jahre alten Bad auf. Vom ersten Tag an war er dort Entertainer, Zuhörer und vor allem – Schwimmmeister. Und jetzt?

Böblingen: Julia Theermann (the)

Als Uwe Ozimek im Oktober 1974 seinen Dienst im Rappenbaumhallenbad im Böblinger Teilort Dagersheim antritt, ist das Schwimmbad noch gar nicht fertig. „Die letzten Fenster waren noch nicht eingebaut und an den Schränken wurde noch geschraubt“, erzählt der Schwimmmeister, ohne den man sich das Rappenbaumbad kaum vorstellen kann.

 

Am 2. Dezember 1974 öffnet das Bad schließlich. Seitdem hat er die meisten Tage seines Arbeitslebens dort verbracht, erst als Schwimmmeister, seit 1993 dann als Betriebsleiter. Nach einem halben Jahrhundert kann er nun ans Aufhören denken – endlich, wie dem 71-Jährigen anzumerken ist.

Mit dem Jahreswechsel tritt der fitte Mann mit dem dunkelgrauen Schnauzbart für seinen Nachfolger Jens Bachmann in den Hintergrund. Der 54-Jährige hat wie Ozimek einen Meisterbrief und in verschiedenen Schwimmbädern gearbeitet. „Den Ausschlag hat für ihn gegeben, dass unser Bad am Wochenende geschlossen ist“, sagt Ozimek. Die Chemie mit dem Mann aus Ostdeutschland habe darüber hinaus einfach gestimmt.

Ein Jahr lang wird Bachmann nun von Ozimek eingearbeitet, der solange noch auf Minijobbasis im Rappenbaumbad bleiben wird. „Es gibt in so einem alten Bad viel zu beachten. Er muss einmal einen Jahreszyklus durchgemacht haben“, sagt Ozimek.

Schwimmbad muss saniert werden

Wie jeder Oldtimer, den man von der Straße kennt, muss bei Wartung und Instandhaltung des Rappenbaumbads oft viel Aufwand betrieben werden. „Ich habe mir ein gewisses Netzwerk aufgebaut“, sagt er. Ein Beispiel für die Eigenheiten des Bades ist der Anschwemmfilter, dessen Zustand schon seit Jahren die Ausrichtung des Schwippe-Pokals verhindert. Der sei so betagt, dass keine Ersatzteile mehr zu bekommen seien. „Der braucht 48 Filtertücher, die werden nicht mehr hergestellt“, sagt er. Ozimek jedoch hat sich vor Jahren einen großen Vorrat der Tücher angelegt. „Der reicht vielleicht noch für zwei Jahre.“ Spätestens dann, sagt er, muss das Bad grundlegend saniert werden. „Es ist von der Substanz her durch.“

Jahrelang war die Nachfolgerstelle immer wieder erfolglos ausgeschrieben worden – also hat Ozimek weitergemacht. Zu wichtig ist das Schwimmbad für das Schul- und Vereinsschwimmen. 40 Prozent des Böblinger Schulschwimmens und 60 Prozent des Vereinsschwimmens fänden in dem Hallenbad statt. „Dadurch, dass wir hier so viele Schwimmkurse anbieten, kann ein Großteil der Zweitklässler schon schwimmen, wenn im Sportunterricht das Schwimmen drankommt“, sagt Ozimek. Das ist keine Selbstverständlichkeit.

Gelernt und umgelernt

Auch die Polizei schickt ihre Schülerinnen und Schüler aus Herrenberg zum Training nach Dagersheim, erzählt Ozimek. Acht Stunden in der Woche hat die Öffentlichkeit Zugang zum Bad. Zuletzt war immer wieder Sorge laut geworden, dass das Bad ohne Betriebsleiter schließen müsste. Gerade für den TSV Dagersheim, in dem die Schwimmsparte die größte Sparte ist, wäre das verheerend.

Zweimal hätte Ozimek dem Beruf in den vergangenen 50 Jahren beinahe den Rücken gekehrt. Während seines Zivildienstes an der Käthe-Kollwitz-Schule habe er ernsthaft überlegt, zum Lehrer für Kinder mit Behinderungen umzuschulen. „Ich war jeden Tag mit den behinderten Kindern schwimmen, das haben sie geliebt“, erzählt er. Als am Ende einige das Seepferdchen bestanden hatten, habe es in der Aula eine Zeremonie mit den Kindern und Eltern gegeben. „Das war so schön“, erinnert sich der 71-Jährige.

Eine Verletzung bedeutete beinahe das Ende

Warum er dann doch nicht Lehrer wurde? Die Schule, an der er seine Weiterbildung hätte machen müssen, sei wegen mangelnder Auslastung geschlossen worden. Das andere Mal, als für Ozimek fast Schluss gewesen wäre, lag es an einer Verletzung. Die sei glücklicherweise verheilt.

Gelernt hat Uwe Ozimek eigentlich Sanitärfachmann, bei Reisser in Böblingen. „Aber nur im Büro zu sitzen, das konnte ich mir nicht vorstellen“, sagt der Schwimmmeister. Ein enger Vertrauter habe ihn dann darauf gebracht, umzuschulen. „Ich hatte für den DLRG damals schon als Aushilfe im Freibad gejobbt“, sagt er. Das „Damals wurde man noch staatlich geprüfter Schwimmmeister, heute heißt es Fachangestellter für Bäderbetriebe.“ Doch nicht nur der Jobtitel hat sich geändert. „Als ich angefangen habe, gab es einen regelrechten Schwimmmeisterüberfluss. Bei der Stadt waren wir gleichzeitig neun oder zehn Azubis. Das ist im Lauf der Jahre immer weniger geworden.“

Die Liebe wartete am Beckenrand

Der Betriebsleiter bringt das unter anderem mit Vorfällen von Gewalt in Schwimmbädern in Verbindung. Auch die Bezahlung sowie die Arbeitszeiten – ganz zu schweigen von der Unmöglichkeit, aus dem Homeoffice zu arbeiten – machten den Beruf für die heutige Jugend unattraktiv, findet er. „Viele Entbehrungen, Schicht- und Wochenendarbeit, das ist einfach schwierig.“

Tatsächlich, sagt Ozimek, habe er häufig mehr Zeit im Bad als zu Hause verbracht. „Zum Glück kennt meine Frau mich nicht anders“, sagt er. Sie hat Ozimek nämlich in seinem Schwimmbad kennengelernt. „Es war ein trister Novembertag im Jahr 1977“, beginnt er seine Erzählung. Seine Zukünftige sei damals jeden Donnerstag mit einer Freundin im Schwimmbad in der Schönaicher Straße in Böblingen schwimmen gegangen. „An diesem Tag aber stand dort ein Schild, dass wegen Überfüllung geschlossen sei. So ist sie dann bei mir in Dagersheim aufgekreuzt.“ Inzwischen ist der gemeinsame Sohn 37 Jahre alt – und als Aushilfe im Schwimmbad beschäftigt.

Die Besucher haben hohe Ansprüche

„Das ist wie eine zweite Familie hier“, sagt Ozimek. „Man ist nicht nur Schwimmmeister, man ist Entertainer, Zuhörer und Seelsorger. Und meine Aquajogging-Damen erwarten jede Woche einen Witz von mir.“ Trotzdem, ist er sich sicher, wird er sich in seinem neuen Leben nicht langweilen. „Meine großen Hobbys sind Skifahren und Fußball. Ich werde sicher oft im Stadion in München sein“, so Ozimek. Auch ins Fitnessstudio gehe er gerne und oft.

Und das Schwimmen wird auch nach seinem Start in den Ruhestand noch zu seinem Leben gehören: „Einen Kilometer schwimmen in der Woche muss sein“, sagt er.

Geschichte des Rappenbaumbades – und eines Konflikts

Entstehung
 Das Rappenbaumhallenbad im Böblinger Teilort Dagersheim eröffnete 1974. Es kann als Geschenk der Stadt an das ehemalige Dorf zur Eingemeindung gesehen werden.

Gelände
 Neben dem Schwimmbad gibt es auf dem Rappenbaumgelände noch eine Schule und eine Sporthalle. Seit 1969 sind Böblingen und Sindelfingen gemeinsam in einem Zweckverband verantwortlich für Schule, Halle und Bad. Die Schule steht seit 2013 leer. Halle und Bad werden genutzt, müssen aber saniert werden.

Förderung
 Zuletzt standen 3,15 Millionen Euro Fördergelder im Raum, die es für die Sanierung des Bades gegeben hätte. Die Städte streiten, warum die Förderung verloren ging.

Zweckverband
 Vergangene Woche hat der Zweckverband beschlossen, Halle und Schule abzureißen. Das Bad soll vorerst weiter betrieben werden.

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