Schwimmunterricht in der Region Droht ein dritter Jahrgang von Nichtschwimmern?

Der baden-württembergische Ministerpräsident hat Schwimmbadschließungen ins Gespräch gebracht. Foto: imago images/Future Image/Christoph Hardt

Die DLRG schlägt Alarm: Wenn im Herbst und im Winter Schwimmbäder wegen der Energiekrise geschlossen werden, sieht der Verband die Sicherheit auf dem Wasser in Gefahr.

Rems-Murr: Phillip Weingand (wei)

„Sie können in mindestens einer Schwimmart sicher schwimmen“ – dieses Ziel steht im Lehrplan für baden-württembergische Grundschulen. Doch zwei Jahre Coronapandemie mit vorübergehenden Schul- und Schwimmbadschließungen haben dazu beigetragen, dass – Stand letztes Jahr – 100 000 Kinder im Land nicht oder nicht sicher schwimmen gelernt haben. „Wir haben zwei Generationen Nichtschwimmer“, sagt Markus Mulfinger, stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft, kurz DLRG, im Rems-Murr-Kreis. „Und die dritte steht bereits in den Startlöchern.“ Denn wegen der Gaskrise drohen erneute Einschnitte. Schwimmbäder in der ganzen Region – die meisten setzen auf Gas – heizen bereits jetzt ihr Wasser einige Grad weniger. Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hat Mitte Juli sogar Bäderschließungen ins Spiel gebracht, sollte das Gas im Herbst und Winter knapp sein.

 

Viele Badeseen – Schwimmunterricht dort hält das Land aber für gefährlich

Theoretisch gäbe es in der Region Stuttgart für den Sommer eine Alternative zu den Schwimmbädern: Die Qualität fast aller Badeseen in ganz Baden-Württemberg ist gut bis ausgezeichnet. Der Ebnisee in Althütte, der Waldsee in Murrhardt-Fornsbach, der Baggersee in Kirchentellinsfurt (Kreis Tübingen) oder die Seewaldseen in Horrheim (Kreis Ludwigsburg) ziehen regelmäßig viele Besucher an. Der Nürtinger Landtagsabgeordnete Dennis Birnstock (FDP) hat deswegen bei der Landesregierung nachgefragt, ob sie diese öffentliche Gewässer als tauglich für den Schwimmunterricht ansieht.

Die Antwort: „Das Kultusministerium rät vom Schwimmunterricht in Freigewässern grundsätzlich ab“, heißt es in einem Schreiben aus Stuttgart. Vor allem Fließgewässer, sprich Flüsse, eigneten sich nicht, um Schwimmen zu lernen. „Freigewässer können eine Reihe an Gefahren, wie beispielsweise Fließgeschwindigkeit, trübes Wasser oder Hindernisse im Wasser, aufweisen, die beachtet werden müssen“, so das Ministerium. Vor allem beim Unterricht von Gruppen sei dies gefährlich. Ob es dennoch im Land Schwimmunterricht in Seen oder Flüssen gebe, sei nicht bekannt.

Die DLRG-Präsidentin Ute Vogt hat sich gemeinsam mit den DLRG-Landesverbänden in einem offenen Brief an den Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) gewandt und gefordert, Schwimmbäder auch im Falle eines Gasmangels im Herbst und Winter so lange wie möglich offen zu halten. „Die Belange der Wassersicherheit sind in die Bewältigung der Energiekrise einzubeziehen. Es ist von gesamtgesellschaftlichem Interesse, dass die Schwimmbäder so lange wie möglich geöffnet bleiben und vor allem als Ausbildungsstätte genutzt werden können“, so Vogt. Städte und Gemeinden als Betreiber vieler Bäder seien dafür auf die Hilfe des Bundes angewiesen.

Die DLRG unterstützt einen dreistufigen Plan, der von der Bäderallianz Deutschland und dem Deutschen Olympischen Sportbund vorgeschlagen wurde. Dieser sieht vor, bei Gasmangel zuerst das Beheizen von Außenbecken, dann „freizeitaffine Becken“ und Saunen außer Betrieb zu nehmen. Die Temperatur in Sport- und Lehrschwimmbecken solle in einem dritten Schritt auf höchstens 26 Grad gesenkt werden.

Zu kalt soll das Wasser besonders für den Nachwuchs nicht werden, betont Stefan Buchwald von der DLRG Rems-Murr: „Für aktive Schwimmer sind ein paar Grad weniger kein Problem. Aber so ein fünf- oder sechsjähriges Kind bewegt sich beim Schwimmen nicht so intensiv und bekommt ganz schnell blaue Lippen.“ Er hält es für wichtig, zumindest kleinere Becken für Grundschüler weiterhin zu beheizen.

Die DLRG hat doppelten Grund, sich um die Schwimmausbildung zu sorgen: Über seine Kurse bildet der Verband schließlich auch Rettungsschwimmer aus, von denen deutschlandweit jährlich rund 45 000 an Badestellen wachen. „Ohne Schwimmbäder fällt deren Einsatzfähigkeit und damit die Sicherheit von Badegästen an Stränden oder Badeseen sprichwörtlich ins Wasser“, sagt die Präsidentin Vogt.

Was den Gasmangel angeht, stehen Stuttgarter Freibäder übrigens deutlich besser da. Denn sie nutzen schon seit Anfang Juli Solarthermie beim Heizen, was zumindest im Sommer für konstant angenehme Badebedingungen sorgen dürfte.

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